Film "Winterdieb"Ein Junge und ein Mädchen stehlen uns das Herz

Bizarre Familie: In Ursula Meiers Drama "Winterdieb" geht es um einen kindlichen Dieb und seine erwachsene Schwester. Ein großartiges Stück vom Oben und Unten unserer Welt von 

Kacey Mottet Klein und Léa Seydoux spielen die Hauptrollen im Berlinale-Wettbewerbsfilm "Sister".

Kacey Mottet Klein und Léa Seydoux spielen die Hauptrollen im Berlinale-Wettbewerbsfilm "Sister".  |  © Roger Arpajou

Léa Seydoux kann sowohl schüchtern wirken als auch lasziv, so herzlos wie hoffnungslos liebend, und auf der 62. Berlinale spielt sie gleich in zwei Wettbewerbsfilmen die Hauptrolle. Im Eröffnungsfilm Les Adieux à la Reine war sie das Groupie der Marie Antoinette. In dem französisch-schweizerischen Psychodrama Winterdieb spielt sie eine sehr junge Frau, die in prekären Verhältnissen lebt. Ihre Leistung ist in beiden Filmen preisverdächtig.

Die Figur der Louise in Winterdieb zu spielen, sei ihr sehr schwer gefallen, sagt Seydoux. Kein Wunder, die junge Louise ist eine aufgetakelte Tussi, die ihre Jobs hinschmeißt, sobald ein Problem auftaucht, die sich mit den falschen Typen einlässt, ohne dazuzulernen, und die sich von ihrem erst zwölfjährigen Bruder in dessen miese kleine Hehler-Geschäfte hineinziehen lässt. Sie trinkt und verjubelt das Geld, das der junge Simon ranschafft und das sowieso viel zu knapp ist. Die beiden leben allein in einer hässlichen Wohnung in einem hässlichen Hochhaus, vor dem eine Landstraße vorbeirauscht wie anderswo ein Fluss. Am Weihnachtsabend lässt sie ihren Bruder mit knappem Gruß für einen neuen Kerl stehen , und als der Junge aus Sehnsucht nach wenigstens ein bisschen Nähe sich zu ihr ins Bett kuscheln will, verlangt sie dafür 200 Franken.

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Nein, Seydoux hat recht, Louise ist keine wirklich nette Schwester. Und dann kommt nach der Hälfte des Films ans Licht, dass alles noch viel viel trostloser ist.

Die französisch-schweizerische Regisseurin Ursula Meier erzählt in Winterdieb erneut die Geschichte einer bizarren Familie. Doch während ihr Erstling Home in der Horizontalen spielte, nämlich an einer Autobahn, verlegte sie ihr neues Drama in die Vertikale der Schweizer Berge.

Jeden Tag verlässt Simon das triste Tal und fährt mit der Seilbahn hoch hinaus in einen noblen Wintersportort. Dort klaut er Skier, Brillen, Sandwichs von den betuchten Touristen. Weder er (noch die begabte Kamerafrau Agnès Godard) haben einen Blick für die Schönheit des Winterpanoramas. Simon geht es allein darum, diejenigen Marken zu finden, für die er später im Tal das meiste Geld bekommen wird. Er, der Junge von unten, ist nur ein Eindringling in der Welt der Oberen.

Doch so eindeutig die Metaphorik ist, hat der Film doch nichts von einem quälenden Sozialdrama. Es gibt keine Sozialarbeiter, keine Behörden, nicht einmal die Polizei kommt vor. Es geht allein um die Gefühle der beiden Menschen Louise und Simon.

So dreist und skrupellos Simons Beutezüge sind, so herzzerreißend ist zu spüren, dass hinter seinem kriminellen Tun nichts weniger steht als das große Bedürfnis nach Nähe. Einmal versucht er sogar, sich in das Herz oder zumindest die Arme einer der reichen Mami-Mütter zu stehlen. Er heiße Julien, sagt Simon zu ihr, als er sie an der Gondelstation anspricht, nachdem er sie mit ihren kleinen Kindern beobachtet hat: "Julien – wie Ihr Sohn."

Der 13-jährige Kacey Mottet Klein als Simon ist eine Entdeckung. Gemeinsam mit Léa Seydoux spielt er das befremdliche Paar, das zwischen Zuneigung und Aggressivität hin- und herspringt. Einmal balgen sich die beiden wie echte Kinder am Boden. Einmal zerfleischen sie sich beinahe im Dreck. Immer wirken sie überzeugend in ihren schwierigen Rollen.

Dass die Geschichte der zwei uns so nahe geht, liegt an der Feinfühligkeit, mit der Ursula Meier sie inszeniert hat. Da ist immer genügend Platz für Gesten, für Geräusche und vor allem für eine Stille, die Momente schafft, in denen die Welt vor Verstörung stehen zu bleiben scheint. Ebenso wie unser Herz.

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Leserkommentare
  1. ist sie die Mutter und gibt sich gelegentlich als Schwester aus.
    Wer hat da nicht aufgepasst?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berlinale | Film | Brille | Franken | Ski
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