Cannaregio in Venedig

Wie andere religiöse und ethnische Gemeinschaften hatte auch die jüdische Bevölkerung in Venedig ein eigenes Viertel gebildet, das sich zunächst auf der Insel Giudecca befand. Wirtschaftliche Bedeutung erlangten die venezianischen Juden – denen der Seehandel damals verboten war – erstmals im 14. Jahrhundert, als sie als Geldverleiher in Erscheinung traten. Auf Geheiß der Stadtregierung gründeten sie die "Banken der Armen" und etablierten sich in der Rolle von Kreditgebern für Arme. Ein Geschäftszweig, den die Kirche den Christen seinerzeit strengstens verboten hatte.

Als Venedig dann selbst in finanzielle Nöte geriet – durch den Seekrieg gegen den Erzfeind Genua und die Expansion aufs Festland – bediente die Stadt sich bei den jüdischen Bankiers: in der Form von Zwangsdarlehen, deren Zinsbedingungen die Regierung einseitig festlegte. Obwohl die "allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus" eine vergleichsweise tolerante und weltoffene Stadt war, litten die Juden sehr wohl unter sozialer und auch wirtschaftlicher Diskriminierung. Sie besaßen nicht die vollen Bürgerrechte, mussten hohe Steuerabgaben leisten und durften keinen Grundbesitz erwerben. Lediglich als Geldverleiher und Kleinhändler waren sie willkommen. Immerhin genossen sie Glaubensfreiheit, aber das schützte sie keinesfalls vor religiös motivierten Anfeindungen.

Anfang des 16. Jahrhundert eskalierte die Situation. Die schweren Zeiten, die die Liga von Cambrai für die Venezianer brachte, führten zu emotionalen Entladungen gegen die Juden, die als Sündenböcke herhalten mussten, da sie den Festlandskrieg durch ihre Darlehen mitfinanziert hatten. Nach anfänglichen Beschimpfungen kam es zu Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung. Ihre Beschwerde beim Rat der Zehn hätte sogar fast zur Ausweisung aller Juden aus Venedig geführt. Am 29. März 1516 fasste der Senat den Beschluss, die religiösen Außenseiter in ein isoliertes Wohngebiet zu sperren. Ausnahmslos alle Juden – damals lebten etwa 700 in Venedig – mussten nach Cannaregio auf das Gebiet der Kirchengemeinde San Girolamo umziehen.

Zuvor befand sich dort die sogenannte Neue Gießerei, auf Italienisch Il Ghetto Nuovo, nach der das abgeriegelte Wohngebiet – das erste seiner Art in Europa – fortan genannt wurde. Der Begriff "Ghetto" bürgerte sich später als Bezeichnung für alle Judenviertel ein. Laut Verordnung hatten die venezianischen Juden nachts Ausgangssperre und die drei Zugänge zum Ghetto Nuovo wurden stets kontrolliert, und zwar von Christen; den Wachdienst hatten selbstverständlich die Juden zu bezahlen. Dennoch gingen die Bankiers, Krämer und Handwerker weiterhin ihren Geschäften als Kreditgeber, Pfandleiher, Schneider, Kesselflicker und so weiter nach.

Trotz der Isolation und der nach wie vor hohen Steuerlast prosperierte die Ghetto-Gemeinschaft und hatte sogar einen Zuzug von ausländischen Juden zu verzeichnen. Wegen Platzmangels wurden zunächst Wohnhäuser mit bis zu acht Stockwerken errichtet, dann erlaubte die Regierung die Ausdehnung auf zwei angrenzende Wohngebiete. So entstanden nach dem alten Ghetto Nuovo 1541 das Ghetto Vecchio und 1633 das Ghetto Nuovissimo. Zu den drei Synagogen kamen zwei weitere Synagogen mit angeschlossenen Talmud-Schulen. Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung mit einem Anteil von 5000 Einwohnern ihren Höchststand, das waren etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die Serenissima, die in die kostspieligen Türkenkriege verstrickt war, hielt sich weiterhin am jüdischen Kapital schadlos. 800.000 Golddukaten sollen jüdische Kreditbanken gegen Ende des 17. Jahrhunderts für die Kriegskasse locker gemacht haben. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Leben im Ghetto trotz behördlicher Schikanen und gelegentlicher Geldforderungen von relativen wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Freiheiten geprägt. Die jüdische Gemeinde brachte bedeutende Talmudgelehrte wie den Rabbiner Leone da Modena (1571–1648) hervor. Der jüdische Friedhof, der Cimitero ebraico, befindet sich übrigens auf dem Lido di Venezia und ist zu besichtigen.

Erst Napoleon ließ das Ghetto 1797 öffnen, doch die nachfolgenden reaktionären österreichischen Habsburger beendeten den kurzen Traum von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Woraufhin sich die Juden aktiv an der Risorgimento-Bewegung beteiligten, und 1866 im neu vereinigten Königreich Italien die völlige rechtliche Gleichstellung erhielten. Im Dezember 1943 fielen deutsche Nazis und italienische Faschisten ins venezianische Ghetto ein. Eine Gedenktafel am Campo di Ghetto Nuovo erinnert an die Deportation von fast 200 Juden. Heute leben wieder etwa 500 Juden in Venedig, die meisten von ihnen in den ehemaligen Ghettos, wo sich auch das jüdische Museum Museo Ebraico befindet.

Dieser Text erschien im Michael Müller Verlag.