Wussten Sie, dass...Das erste Ghetto Europas war in Venedig

Obwohl Venedig im Mittelalter als weltoffene und tolerante Stadt galt, wurden Juden auch dort diskriminiert. Wussten Sie, dass der Begriff Ghetto aus Venedig stammt? von Michael Machatschek

Cannaregio in Venedig

Cannaregio in Venedig  |  © CC BY 2.0 takomabibelot/flickr

Wie andere religiöse und ethnische Gemeinschaften hatte auch die jüdische Bevölkerung in Venedig ein eigenes Viertel gebildet, das sich zunächst auf der Insel Giudecca befand. Wirtschaftliche Bedeutung erlangten die venezianischen Juden – denen der Seehandel damals verboten war – erstmals im 14. Jahrhundert, als sie als Geldverleiher in Erscheinung traten. Auf Geheiß der Stadtregierung gründeten sie die "Banken der Armen" und etablierten sich in der Rolle von Kreditgebern für Arme. Ein Geschäftszweig, den die Kirche den Christen seinerzeit strengstens verboten hatte.

Als Venedig dann selbst in finanzielle Nöte geriet – durch den Seekrieg gegen den Erzfeind Genua und die Expansion aufs Festland – bediente die Stadt sich bei den jüdischen Bankiers: in der Form von Zwangsdarlehen, deren Zinsbedingungen die Regierung einseitig festlegte. Obwohl die "allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus" eine vergleichsweise tolerante und weltoffene Stadt war, litten die Juden sehr wohl unter sozialer und auch wirtschaftlicher Diskriminierung. Sie besaßen nicht die vollen Bürgerrechte, mussten hohe Steuerabgaben leisten und durften keinen Grundbesitz erwerben. Lediglich als Geldverleiher und Kleinhändler waren sie willkommen. Immerhin genossen sie Glaubensfreiheit, aber das schützte sie keinesfalls vor religiös motivierten Anfeindungen.

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Anfang des 16. Jahrhundert eskalierte die Situation. Die schweren Zeiten, die die Liga von Cambrai für die Venezianer brachte, führten zu emotionalen Entladungen gegen die Juden, die als Sündenböcke herhalten mussten, da sie den Festlandskrieg durch ihre Darlehen mitfinanziert hatten. Nach anfänglichen Beschimpfungen kam es zu Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung. Ihre Beschwerde beim Rat der Zehn hätte sogar fast zur Ausweisung aller Juden aus Venedig geführt. Am 29. März 1516 fasste der Senat den Beschluss, die religiösen Außenseiter in ein isoliertes Wohngebiet zu sperren. Ausnahmslos alle Juden – damals lebten etwa 700 in Venedig – mussten nach Cannaregio auf das Gebiet der Kirchengemeinde San Girolamo umziehen.

Zuvor befand sich dort die sogenannte Neue Gießerei, auf Italienisch Il Ghetto Nuovo, nach der das abgeriegelte Wohngebiet – das erste seiner Art in Europa – fortan genannt wurde. Der Begriff "Ghetto" bürgerte sich später als Bezeichnung für alle Judenviertel ein. Laut Verordnung hatten die venezianischen Juden nachts Ausgangssperre und die drei Zugänge zum Ghetto Nuovo wurden stets kontrolliert, und zwar von Christen; den Wachdienst hatten selbstverständlich die Juden zu bezahlen. Dennoch gingen die Bankiers, Krämer und Handwerker weiterhin ihren Geschäften als Kreditgeber, Pfandleiher, Schneider, Kesselflicker und so weiter nach.

Michael Machatschek
Michael Machatschek

Michael Machatschek, geboren 1956, studierte Germanistik in Berlin. Anschließend lebte er mehrere Jahre in Italien, wo er unter anderem als Lektor und Übersetzer sein Geld verdiente. Für den Michael Müller Verlag schrieb und recherchierte er erstmals. Italien ist Machatscheks zweite Heimat geblieben, obwohl er mittlerweile wieder in Berlin wohnt.
 

Trotz der Isolation und der nach wie vor hohen Steuerlast prosperierte die Ghetto-Gemeinschaft und hatte sogar einen Zuzug von ausländischen Juden zu verzeichnen. Wegen Platzmangels wurden zunächst Wohnhäuser mit bis zu acht Stockwerken errichtet, dann erlaubte die Regierung die Ausdehnung auf zwei angrenzende Wohngebiete. So entstanden nach dem alten Ghetto Nuovo 1541 das Ghetto Vecchio und 1633 das Ghetto Nuovissimo. Zu den drei Synagogen kamen zwei weitere Synagogen mit angeschlossenen Talmud-Schulen. Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung mit einem Anteil von 5000 Einwohnern ihren Höchststand, das waren etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die Serenissima, die in die kostspieligen Türkenkriege verstrickt war, hielt sich weiterhin am jüdischen Kapital schadlos. 800.000 Golddukaten sollen jüdische Kreditbanken gegen Ende des 17. Jahrhunderts für die Kriegskasse locker gemacht haben. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Leben im Ghetto trotz behördlicher Schikanen und gelegentlicher Geldforderungen von relativen wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Freiheiten geprägt. Die jüdische Gemeinde brachte bedeutende Talmudgelehrte wie den Rabbiner Leone da Modena (1571–1648) hervor. Der jüdische Friedhof, der Cimitero ebraico, befindet sich übrigens auf dem Lido di Venezia und ist zu besichtigen.

Erst Napoleon ließ das Ghetto 1797 öffnen, doch die nachfolgenden reaktionären österreichischen Habsburger beendeten den kurzen Traum von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Woraufhin sich die Juden aktiv an der Risorgimento-Bewegung beteiligten, und 1866 im neu vereinigten Königreich Italien die völlige rechtliche Gleichstellung erhielten. Im Dezember 1943 fielen deutsche Nazis und italienische Faschisten ins venezianische Ghetto ein. Eine Gedenktafel am Campo di Ghetto Nuovo erinnert an die Deportation von fast 200 Juden. Heute leben wieder etwa 500 Juden in Venedig, die meisten von ihnen in den ehemaligen Ghettos, wo sich auch das jüdische Museum Museo Ebraico befindet.

Dieser Text erschien im Michael Müller Verlag.

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Leserkommentare
  1. ...wurden die Juden überall diskriminiert? Einfach weil sie eine Minderheit waren? Oder aufgrund der Tatsache dass sie zwischen Christen lebten (deren Heiland von ihnen gekreuzigt wurde usw)? Gibt es darüber irgendwelche historisch seriöse Forschungen? Vielleicht auch verglichen mit anderen Minderheiten? Mich würde die psychologische Seite mal interessieren.

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    "Gibt es darüber irgendwelche historisch seriöse Forschungen?"

    http://de.wikipedia.org/w...

    Starten Sie in der Antike und lesen Sie durch bis in die Antike. Das ewige Motiv der Judenfeindschaft ist durch die Jahrtausende stets das gleiche: eine Minderheiten-Parallelkultur, die auch über Generationen sich nicht in die Mehrheitsgesellschaft voll integrieren kann oder will. Eine Parallelkultur die zuerst ihrem Stamm und Religion und nur nachrangig dem Staat, König etc loyal ist.
    Elitäre Abgrenzung einerseits und Diskriminierung andererseits verstärken sich gegenseitig.

    Zitat:

    Um 150 v. Chr. entstand das Buch Ester, das von einem Ausrottungsversuch aus der Perserzeit berichtet. Danach soll Staatsminister Haman seinem König Ahasveros um 472 v. Chr. nahegelegt haben (Est 3,8f. EU):

    „Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie handeln nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. Gefällt es ihm, so lasse er verfügen, dass man sie umbringe. Dann werde ich 10000 Zentner Silber abwiegen […] und in die Schatzkammer des Königs bringen lassen.“

    Wenn unsere Politiker aus der Geschichte lernen würden, dann könnte soviel unnötiges Leid vermieden werden. Die Quintessenz: Nicht zusammen zwingen, was nicht zusammen gehört.

  2. Man sollte vielleicht noch ergänzend die Pestepidemien erwähnen, die Venedig heimsuchten wie kaum eine andere Stadt. Die ratlose Verzweiflung der Überlebenden führte leider auch dazu, die bisherige Toleranz aufzugeben, da Christen geschickt den Verdacht streuten, Libertinage und Gottlosigkeit hätten die Pest als Strafe Gottes über die Stadt gebracht.

  3. "Gibt es darüber irgendwelche historisch seriöse Forschungen?"

    http://de.wikipedia.org/w...

    Starten Sie in der Antike und lesen Sie durch bis in die Antike. Das ewige Motiv der Judenfeindschaft ist durch die Jahrtausende stets das gleiche: eine Minderheiten-Parallelkultur, die auch über Generationen sich nicht in die Mehrheitsgesellschaft voll integrieren kann oder will. Eine Parallelkultur die zuerst ihrem Stamm und Religion und nur nachrangig dem Staat, König etc loyal ist.
    Elitäre Abgrenzung einerseits und Diskriminierung andererseits verstärken sich gegenseitig.

    Zitat:

    Um 150 v. Chr. entstand das Buch Ester, das von einem Ausrottungsversuch aus der Perserzeit berichtet. Danach soll Staatsminister Haman seinem König Ahasveros um 472 v. Chr. nahegelegt haben (Est 3,8f. EU):

    „Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie handeln nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. Gefällt es ihm, so lasse er verfügen, dass man sie umbringe. Dann werde ich 10000 Zentner Silber abwiegen […] und in die Schatzkammer des Königs bringen lassen.“

    Wenn unsere Politiker aus der Geschichte lernen würden, dann könnte soviel unnötiges Leid vermieden werden. Die Quintessenz: Nicht zusammen zwingen, was nicht zusammen gehört.

    Antwort auf "Und warum..."
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    ...für den Link.

    ...so aus, als ob Juden, vor allem in der Anfangszeit, in erster Linie von oben angegriffen wurden, weil sie die jeweiligen Staatsreligionen nicht übernahmen und sich nur bedingt unterordneten. Das scheint sich dann zu einer Art Selbstläufer entwickelt zu haben. Ein Sündenbock, ist schliesslich immer nützlich...

  4. ...für den Link.

  5. ...so aus, als ob Juden, vor allem in der Anfangszeit, in erster Linie von oben angegriffen wurden, weil sie die jeweiligen Staatsreligionen nicht übernahmen und sich nur bedingt unterordneten. Das scheint sich dann zu einer Art Selbstläufer entwickelt zu haben. Ein Sündenbock, ist schliesslich immer nützlich...

  6. Im "Der Kaufmann von Venedig".

    Für Kleingeister ist das natürlich eine total anti-jüdische Komödie.

    Ich fände es besser die Zeit schreibt etwas mehr über die "Bänker und sonstigen Abschaum" die ihr Pfund Fleisch (Ewige Kontrolle über die Finanzen und Resourcen des Landes) aus Griechenland herausschneiden wollen.

    Im übrigen gibt es selbstgewählte "Ghettos". In Köln Kolbstrasse zu bewundern. Dies könnte man als türkisches Ghetto bezeichnen.

  7. "eine Minderheiten-Parallelkultur, die auch über Generationen sich nicht in die Mehrheitsgesellschaft voll integrieren kann oder will. Eine Parallelkultur die zuerst ihrem Stamm und Religion und nur nachrangig dem Staat, König etc loyal ist.
    Elitäre Abgrenzung einerseits und Diskriminierung andererseits verstärken sich gegenseitig."

    Irgendwie hab ich das schon mal gehört...

  8. "Das erste Ghetto Europas" war ziemlich sicher nicht in Venedig. Das erste urkundlich erwähnte Ghetto (avant la lettre) Europas war im 11. Jahrhundert in Speyer aufzufinden. Sehr wahrscheinlich gab es schon sehr viel früher für Juden reservierte Stadtbereiche in Europa.
    Der Begriff entstand in Venedig, aber nicht das Phänomen.

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