Gabriel Garcia Marquez wird bei der Ankunft seines Zugs in Aracataca begrüßt. Im Mai 2007, als dieses Foto entstand, kam der Literaturnobelpreisträger das erste Mal nach 20 Jahren wieder in seine Heimatstadt. © ALEJANDRA VEGA/AFP/Getty Images

Am Ortseingang von Aracataca weist eine bunt bemalte Wand auf den berühmtesten Bürger des Städtchens hin. Ein mehr oder weniger gelungenes Porträt von Gabriel Garcia Marquez schmückt das Mauerwerk, das die vorbeifahrenden Autos auf die Bedeutung des Ortes hinweisen soll. Viel zu wenige halten an, in der nordkolumbianischen Kleinstadt an der Karibikküste, die doch eigentlich zu den berühmtesten Orten der lateinamerikanischen Literaturgeschichte zählt.

Bei einem Rundgang durch den rund 35.000 Einwohner zählenden Ort wird schnell deutlich, warum. Nie ist es Aracataca gelungen, aus der Vorlage, die der weltberühmte Roman Hundert Jahre Einsamkeit liefert, Kapital zu schlagen. Das Werk, von vielen Literaturfans als die Bibel Lateinamerikas gefeiert, spielt in der fiktiven Kleinstadt Macondo. Gabriel Garcia Marquez, der am 6. März 85 Jahre alt wird , hat keinen Hehl daraus gemacht, dass seine Heimatstadt die Vorlage für Macondo gegeben hat . Eben dieses Macondo hat ihn 1982 zum Literatur-Nobelpreisträger und zum Millionär gemacht. Aracataca aber ist Aracataca geblieben.
In einem Fernsehinterview sagte der Kolumbianer, dass sein gesamtes Werk von den ersten Jahren seiner Kindheit beeinflusst wurde: "Diese Erfahrung hat mein gesamtes Werk gespeist."

In der Nähe liegen die Großstädte Santa Marta und Cartagena. Beide erleben derzeit einen touristischen Boom, der an Aracataca geradewegs vorbeiführt wie die Schnellstraße direkt nach Santa Marta am Ortseingang. Cartagena ist für seine historische Altstadt in kolonialem Stil bekannt. Santa Marta rühmt sich seiner wunderschönen Strände. Und Aracataca?

Morbider Charme statt Luxus

Immerhin gibt es nun das Casa Museo , das eigentlich das Geburtshaus von Garcia Marquez ist. Das kolumbianische Kulturministerium investierte in die Renovierung des Hauses. Und es gibt den berühmten Platz unter den Mandelbäumen, den Camellon de 20 de Julio. Hier spielen allerdings die Jungen des Ortes Fußball und entehren den literaturhistorischen Platz damit ein wenig.

Unweit davon steht eine kleine Steinskulptur zu Ehren des Dichters. Sie stellt ein Buch dar, dessen Seiten im Wind flattern. Doch zurzeit blättert nur die Farbe vom Stein herab. Die Schule, die den Namen Garcia Marquez trägt, obwohl er nie einen Fuß hineinsetzte, fiel jüngst durch die kolumbianische Variante der Pisa-Studie.

Wer morbiden Charme sucht, der wird in Aracataca fündig. Wer eine komfortable Unterkunft der Luxusklasse sucht, dagegen nicht. Die Einwohner verbindet eine Art Hassliebe mit dem Poeten. Sie nehmen ihm übel, dass er in den letzten 30 Jahren nur zweimal zu Besuch war. Sie haben ihm nicht vergessen, dass er ein Preisgeld von 100.000 US Dollar vor vielen Jahren lieber dem Nachbarland Venezuela spendete, als es in seinem Dorf zu investieren.

Hätte er doch irgendwann einmal in einer Herberge übernachtet, es hätte daraus ein tolles Hotel werden können. Die Tageszeitung El Espectador , für die Garica Marquez einst seine ersten Artikel schrieb, titelte im Februar: "Ein Aracataca, das Gabo nicht mag."