Immer wieder kommt es zu schweren Busunfällen, zuletzt am Dienstagabend in der Schweiz . Aus bisher ungeklärter Ursache rammte der Bus eines belgischen Unternehmens eine Tunnelwand im Kanton Wallis . Von den 52 Passagieren starben 28. Wie sicher sind Reisebusse? Ein Interview mit Jürgen Bente, Referent für Sicherheitsprogramm und Busexperte des Deutschen Verkehrssicherheitsrats .

ZEIT ONLINE: Herr Bente, bei dem Busunglück in der Schweiz sind 28 Menschen ums Leben gekommen, davon 22 Kinder. Wie sicher sind Reisebusse?

Jürgen Bente: Der Reisebus ist das sicherste Verkehrsmittel, das nicht auf Schienen fährt. Die gefährlichsten Fahrzeuge sind Fahrräder und Motorräder. Statistisch betrachtet kann man nicht sicherer reisen als mit Reise- oder Linienbussen.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2010 starben 32 Menschen bei Busunfällen ; in PKW und mit Motorrädern, Mofas und Mopeds starben 2.549 Insassen, so das Statistische Bundesamt . Trotzdem fällt beim TÜV jeder siebte Bus durch .

Bente: In der Statistik der Busse des TÜV-Dachverbands für die Jahre 2010 und 2011 gab es 0,2 Prozent gravierende Fälle, das ist relativ gering. Durch die Presse kommen immer wieder abgefahrene Reifen hoch, aber das sind Einzelfälle. Wenn bei Unfällen wie jetzt in der Schweiz Kinder verletzt oder getötet werden, ist die Betroffenheit immer sehr hoch. Objektiv betrachtet sind die Unfallzahlen aber gering. Kein anderes Fahrzeug wird so oft geprüft wie Busse: Sie müssen einmal im Jahr zur Hauptuntersuchung beim TÜV und viermal im Jahr zur Sicherheitsüberprüfung.

ZEIT ONLINE: Gibt es besondere Sicherheitssysteme für Reisebusse?

Bente: Bei deutschen Busherstellern sind Spurverlassenswarner und Elektronische Stabilitätsprogramme (ESP) serienmäßig eingebaut. Die Europäische Union führt 2013 den Einbau von Fahrer-Assistenzsystemen wie dem ESP für neue Baureihen gesetzlich ein. Wenn ein Hersteller eine Baureihe weiterführen will, hat er noch zwei Jahre – also bis 2015 – Zeit, die Assistenzsysteme nachzurüsten.

ZEIT ONLINE: Wie funktionieren diese Assistenzsysteme?

Bente: Spurverlassenswarner warnen den Fahrer, sobald das Fahrzeug aus der Spur kommt. Bei LKW wird über einen Lautsprecher das Geräusch des Rüttelstreifens eingespielt, also das Rumpeln beim Spurwechsel. So ein Geräusch aber würde die Passagiere von Reisebussen beunruhigen, deshalb gibt es in Reisebussen ein anderes System: Der Fahrer bekommt, sobald der Bus die Spur verlässt, ein Zeichen über das Lenkrad. Oder die Sitzfläche vibriert an einer Pobacke. Das Elektronische Stabilitätsprogramm verhindert das Schleudern des Busses. Das ist ganz wichtig: Der Schwerpunkt eines Busses liegt hoch, sodass er leicht kippen kann, falls er ins Schleudern kommt. Wenn der Fahrer überreagiert und hektisch wird, dann kann es kritisch werden.

ZEIT ONLINE: Der Preiskampf im Reisemarkt ist hoch, beispielsweise in der Konkurrenz von Bahn und Bus auf Langstrecken . Befürchten Sie Auswirkungen auf die Sicherheitsstandards bei Bussen?

Bente: Der Basispreis eines Reisebusses liegt bei 600.000 bis 800.000 Euro. Ein ESP kostet 2.000 bis 3.000 Euro. Diese Summe ist für den Unternehmer im Vergleich zum Basispreis nicht das Thema, sodass hier nicht gespart wird.