Reisen und InternetWie sich Reisende durch Crowdfunding finanzieren

Solo-Wandern durch Island und mit dem Rad nach Shanghai: Wer seine Reise zum kreativen Projekt macht, kann dafür im Netz Geld einsammeln. von 

Die Zwillinge Hansen und Paul Höpner wollen ab April mit dem Rad von Berlin nach Shanghai fahren. Finanziert haben sie die Reise durch Crowdfunding.

Die Zwillinge Hansen und Paul Höpner wollen ab April mit dem Rad von Berlin nach Shanghai fahren. Finanziert haben sie die Reise durch Crowdfunding.  |  © Berlin2Shanghai/Screenshot ZEIT ONLINE

Im August 2011 wandert eine junge Frau allein durch Island. Klara Harden trägt einen 21 Kilo schweren Rucksack auf schmalen Schultern. Er ist vollgepackt mit Ausrüstung für 25 Tage in der Wildnis, Schlafsack, Kocher und Proviant, dazu ihre Kamera, Objektive und Stativ. Harden, Informationsdesignerin aus Graz in Österreich , läuft durch die grüne Einsamkeit der mit weichem Moos bewachsenen Hügel, balanciert barfuß durch Wildbäche, stapft über Altschneefelder. Nachts schläft sie im Zelt, zum Frühstück gibt es Haferbrei, mittags Müsli-Riegel.

Harden ist keine sturmerprobte Trekkerin. Länger als einen Tag ist die 23-Jährige vor ihrer Ankunft in Island noch nie gewandert . Mit der Solo-Tour will sie sich herausfordern, sich Ängsten – wie ihrer Furcht nachts allein draußen zu schlafen – stellen. Im Frühjahr hat Harden ihr Studium beendet. Jetzt fühlt sie die Frage, wo sie hin will im Leben. Sie sucht Erfahrungen, die ihr die Gewissheit geben, "dass ich alles schaffen kann".

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In der Einsamkeit Islands kommt Harden schnell an die Grenzen, die sie überwinden will. Tagelang quält sie sich über endlose Schotterpisten. Ein anderes Mal verirrt sie sich beinahe. Doch der Gedanke an die Menschen, die ihre Tour ermöglicht haben, motiviert sie weiterzulaufen. Trotz Nieselregens und ständigen Windes zwingt sie sich, immer wieder anzuhalten und das Stativ aufzubauen. Mit ihrer digitalen Spiegelreflexkamera mit Video-Funktion filmt sie jeden Tag fast zwei Stunden sich selbst und ihre Umgebung.

Diese sehr persönliche Dokumentation ist mittlerweile als 15-Minuten-Clip im Netz zu sehen – in erster Linie als Dankeschön und Gegenleistung für die Menschen, die  Hardens Island-Abenteuer finanziert haben: Einen Großteil der Reisekosten, gut 1.500 Euro, hat die junge Frau mit Hilfe von Crowdfunding auf der deutschen Internet-Plattform Startnext eingesammelt. Ohne dieses Geld wäre die Wanderung ein Traum geblieben. "Mein Konto war bei damals kurz nach dem Studium bei Null Euro", sagt Harden.

Crowdfunding bedeutet das Finanzieren von Projekten durch Unterstützer aus dem Netz. Wer eine Idee und einen konkreten Plan zur Umsetzung hat, stellt sein Projekt auf Plattformen wie Startnext , Pling oder MySherpas vor und nennt eine Summe, die er für die Realisierung braucht. Wenn Internet-Nutzern das Projekt gefällt, geben sie im Idealfall dafür Geld. Meist sind das kleinere Beträge zwischen einem und 100 Euro: Auf Startnext, der größten deutschen Crowdfunding-Plattform, fördern Unterstützer Projekte im Schnitt mit je 70 Euro.

Für jeden Betrag gibt es eine Gegenleistung

Anders als beim Spenden bekommen Crowdfunding-Unterstützer für ihren Beitrag eine vorab vereinbarte Gegenleistung, so genannte Dankeschöns, die je nach Höhe der Förderung verschieden groß ausfallen. Wer etwa Harden mit 25 Euro unterstützte, erhielt eine auf der Wanderung geschriebene Postkarte aus Island. Für 50 Euro lieferte sie einen Happy Dance auf persönlichem Video-Clip. Andere Crowdfunding-Reisende pflanzen auf der Strecke Bäume mit persönlicher Widmung für den Förderer oder verschicken handgefertigte Matetee-Becher aus Argentinien .

Ein erfolgreich finanziertes Projekt wird auf Startnext im Schnitt von 31 Förderern unterstützt. Alles was die Unterstützer über das Projekt und die Menschen dahinter wissen, haben sie aus dem Netz erfahren: aus der Präsentation auf der Crowdfunding-Plattform, Postings bei Facebook, Videoschnipseln auf YouTube oder Vimeo, Tweets oder Blogeinträgen. Für Klara Hardens Island-Tour haben 48 Menschen Geld gegeben. "Nur zwei oder drei davon kenne ich persönlich", sagt Harden. Einige der unbekannten Förderer hätten ihr E-Mails geschrieben. "Ich würde das auch gerne machen, aber ich kann nicht weg", habe da oft gestanden, und: "Mach' du das für mich."

Leserkommentare
  1. Vielleicht liegt es daran, dass ich irgendwie in die Nordländer -bes. Norwegen- verliebt bin. Island konnte ich noch nicht bereisen. Danke, Frau Harden, für die kleinen Einblicke.

    An alle, die hier kritisieren: Seien Sie nicht neidisch, sie mussten ja schließlich keinen Cent bezahlen und auch nicht bei Scheiss- Wetter kilometerweit laufen und im Zelt übernachten. Ihr hättet es aber mal machen sollen, mal sehen, ob nach zwei Wochen noch ein Happy- Dance zustande gekommen wäre...

    • DrNI
    • 17. Mai 2012 11:03 Uhr

    Ich finde es schade, dass es hier in den Kommentaren so viele Nörgler gibt. Crowdfunding ist eine große Chance für unsere Gesellschaft, das zu bekommen, was viele wollen, auch wenn es eigentlich "keiner" finanzieren will. Bei der Kulturförderung leuchtet das schnell ein. Es gibt da draußen Tausende Künstler mit guten Ideen in allen künstlerischen Bereichen, denen keiner einen Zuschuss geben will, die ohne aber nicht können.

    Nun sind Kunst und Reisen vielleicht nicht ganz das gleiche, aber das Prinzip des Crowdfunding bleibt bestehen: Wenn es vielen Menschen wichtig genug ist, dafür zu bezahlen, dann wird es gemacht. Alle, die nun hier so abfällig schreiben, es sei überflüssig, "Selbstfindungstrips" zu bezahlen, übersehen dabei, dass eben diese Reise einer Einzelnen offenbar so vielen Menschen wichtig war, dass sie den Trip bereitwillig finanziert haben.

    Auch wenn dann einzelne schreiben, man solle das Geld lieber wohltätigen Organisationen spenden. Ist das am Ende nicht einfach nur der Neid, den ich hier lese? Wer von den Nörglern hat denn bitte außer vor Weihnachten mal irgendwas gespendet?

    Ich jedenfalls bin eher neidisch auf Menschen, die ohne Crowdfunding einfach monatelang reisen können, weil sie so ein dickes finanzielles Polster haben. Dass die mir keine Reise zahlen würden, ist leider auch klar. Der Rucksack stünde griffbereit.

  2. 27. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf das Einstellen von Werbung. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Herzlichen Dank für die sorgfältige Abgrenzung des Crowdfunding vom Spenden sammeln. Das hilft, diese wichtige Finanzierungsalternative zu verbreiten. Habe Ihren Artikel in meine kleine Presseschau aufgenommen:

    http://parabanking.blogspot.de/2013/11/was-journalisten-uber-crowdfundin...

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  • Schlagworte Blog | Crowdfunding | Island | Video | Argentinien | Shanghai
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