Wussten Sie, dass…Auf Sylt wird mit Grütze gemordet

Die Nordsee wird zur Mordsee: Die Sylter haben gegen die Dänen gekämpft – mit ungewöhnlichen Mitteln. Wussten Sie, dass die Heimatdichter dabei eine große Rolle spielten? von Dirk Thomsen

Das Heimatmuseum in Keitum

Das Heimatmuseum in Keitum  |  © Gernot Westendorf, Sylt Marketing

Von Hörnum an der Südspitze Sylts dampfen heute die Ausflugsdampfer Richtung Föhr und Amrum , ein klassisch rot-weiß bemalter Leuchtturm wirft seinen Schatten über den weißen Strand. Nichts deutet darauf hin, dass in Hörnum einst ein grauenhafter Mord stattgefunden haben könnte.

Alles nahm seinen Anfang an einem gewöhnlichen Tag, irgendwann im 16. Jahrhundert. Der Sohn des dänischen Amtmanns Henning Pogwisch beschloss, den Sylter Fischern endlich Achtung vor der Obrigkeit beizubringen . Allzu lange schon hatten gerade die Hörnumer das dänische Gesetz ignoriert und auf ihr überkommenes Gewohnheitsrecht gepocht. Die Fischer hatten sich unter anderem geweigert, Steuern zu zahlen – nach ihrem Motto: "Frii es de Feskfang, frii es de Jaght, frii es de Strönthgang, frii es de Naght, frii es de See, de wilde See en de Hornemmer Rhee" – Frei ist der Fischfang, frei ist die Jagd, frei ist der Strandgang, frei ist die Nacht, frei ist die See, die wilde See an der Hörnumer Reede.

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Diesem ungesetzlichen Treiben beschloss Pogwisch ein Ende zu setzen. Er ließ sich nach Hörnum rudern und stürmte die Hütte der Fischerfamilie Lüng, die sich gerade um einen Topf mit heißem Grünkohl versammelt hatte. Laut forderte der dänische Edelmann die Steuer ein. Der Fischer Pidder Lüng verweigerte ihm den Gehorsam. Da spuckte der Däne verächtlich in den Topf mit Grünkohl.

Was nun geschah, fasste der Dichter Detlev von Liliencron Jahrhunderte später in Verse:

"Einen einzigen Sprung hat Pidder gethan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran,
Und taucht ihm den Kopf ein, und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei,
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Thüren und Wände zittern,
Das stolzeste Wort:
Lewwer duad üs Slaav!"

Die überhastete Tat hatte schlimme Folgen für den freiheitsliebenden Fischer Pidder Lüng. Er musste von der Insel fliehen und wurde Seeräuber. Nach Jahren in der Fremde kehrte er nach Sylt zurück, wurde dort von einem hinterhältigen Strandvogt betrunken gemacht und eingekerkert. Bei Munkmarsch wurde er gehängt. Doch sein unorthodoxes Attentat ließ ihn zu einem friesischen Freiheitshelden werden. 1846 schrieb der Inselchronist Christian Peter Hansen seine Heldentat nieder. Fünfzig Jahre später veredelte Liliencron den Mord in besagter Ballade zu einem Fanal der friesischen Freiheit, indem er jede Strophe auf den Spruch "Lewwer duad üs Slaav" enden ließ.

Dirk Thomsen
Dirk Thomsen

Dirk Thomsen pilgert mindestens einmal im Jahr nach Sylt, der "Königin der Nordsee" - und ist jedes Mal wieder hellauf begeistert vom langen Weststrand, vom unendlichen Horizont und vom rauen Klima der Insel. Möglicherweise ist seine Sylt-Begeisterung auch genetisch zu erklären: Dirk Thomsen ist geborener Hamburger, und den Hanseaten sagt man ja einen besonderen Hang zur Insel nach. In Erlangen studierte Thomsen Kunstgeschichte und Geschichte. Er arbeitet als freier Redakteur und Layouter.

Diese Geschichte hört sich stimmig an, sie ist jedoch komplett erfunden. Christian Peter Hansen hat sie sich einfallen lassen. Es ist wahr, dass es in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Hochzeit des Nationalismus, heftige Auseinandersetzungen und zwei Kriege um die politische Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein gab. Beide Herzogtümer wurden vom dänischen König regiert, gehörten aber nominell zum Deutschen Bund. Die deutschsprachige Mehrheit widersetzte sich den Versuchen der dänischen Krone, diese Herzogtümer enger an Dänemark zu binden. Erfunden aber ist der Tod durch Grütze: Der Heimatforscher Christian Peter Hansen erfand die Figur des mit Grütze tötenden Pidder Lüng, um zu zeigen, wie sich die Sylter schon immer gegen die "Fremdherrschaft" der Dänen aufgelehnt hatten.

Christian Peter Hansen, 1803 in Westerland geboren, war von Beruf Lehrer und Organist in Keitum . Schon als Junge hatte er die von den Alten weitererzählten Insel-Sagen und Legenden begierig aufgesogen. Und so machte er sich – ganz im Sinne der Gebrüder Grimm – im Erwachsenenalter daran, die alten Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben. Wie er selbst einräumte, kam ihm dabei bisweilen seine "lebhafte Phantasie" in die Quere. So manch alte Geschichte hat er großzügig ausgeschmückt, manche scheint er komplett erfunden zu haben. Doch ohne seine Sammelwut wären wahrscheinlich viele der alten Geschichten mittlerweile vergessen.

Die Sagen waren nur eine Leidenschaft des umtriebigen Lehrers. Er schrieb eine Geschichte Sylts, eine Geschichte der friesischen Uthlande, eine Biografie des schleswig-holsteinischen Nationalhelden Uwe Jens Lornsen und eine Abhandlung über die Anfänge des Schulwesens auf Sylt. Er gilt ebenso als Verfasser des ersten Reiseführers zur Insel, dem 1859 erschienenen Fremdenführer auf der Insel Sylt .

"Wir Insulaner bieten den Fremden ein offenes, ehrliches Antlitz, eine treue Hand, einen gastlichen Tisch und reinliche Wohnungen." So rühmte er in dem Band seine Sylter Landsleute. Darüber hinaus sammelte er frühgeschichtliche Funde, die später den Grundstock für das Sylter Heimatmuseum in Keitum bildeten. 1879 starb der Kenner der Sylter Geschichte, auf den sich heute noch die Bewahrer der Sylter Sprache und Bräuche berufen. Ein jährlich verliehener Preis für Verdienste um die friesische Sprache und Kultur trägt seinen Namen.

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Leserkommentare
  1. müssen nicht wahr und die Geschichte von Lüng ist gut. Damals brauchte es nicht nur die Wacht am Rhein.

    • JeWe
    • 22. März 2012 1:29 Uhr

    Von Pidder Lüng ist ja auch noch ein weiterer (für mein Empfinden viel schönerer) Spruch "überliefert":

    "Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen."

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Schlagworte Fischfang | Dänemark | Sylt | Westerland
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