FuntenseeDer Kältepol von Deutschland

Der Funtensee im Nationalpark Berchtesgaden ist einer der kältesten Orte in Deutschland. Hier werden bis 45 Grad minus gemessen. S. Rauch berichtet von einer Wanderung. von 

Im Sommer kann man im Funtensee schwimmen.

Im Sommer kann man im Funtensee schwimmen.  |  © CC BY-SA 2.0 dustpuppy/flickr

Der Zeiger auf der Skala des Sekundenthermometers zittert. Minus zehn Grad, minus zwölf, langsam wandert der dünne Stab weiter die Anzeige entlang, hinein in den Bereich für strengen Frost. Bei vierzehn Grad Celsius unter Null bleibt er stehen. Kein Wert für Rekorde, doch kalt genug, um die Luft in der Nase beißen zu lassen und binnen weniger Minuten jegliches Gefühl aus den nackten Händen zu treiben.

Es ist fast vollkommen still an diesem Abend am Ufer des Funtensees. Nur die Messgeräte der beiden Wetterstationen, deren metallene Rohre aus der meterhohen Schneedecke ragen, surren leise vor sich hin. Schwarz hängt der Himmel über den Bergen, ungewohnt viele Sterne glitzern und funkeln.

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Der Funtensee gilt als der Kältepol Deutschlands. Am 24. Dezember 2001 hat eine Wetterstation hier minus 45,9 Grad Celsius gemessen , die bisher tiefste, in Deutschland jemals aufgezeichnete Bodentemperatur. Diese Wetterstation hatte die Firma Meteomedia von Jörg Kachelmann extra aufgestellt; manche sagen, aus reiner Effekthascherei. Der genaue Messwert ist bei Experten umstritten, doch dass es mindestens minus 41 Grad kalt war, gilt als Konsens. Seitdem steht der kleine Bergsee im Steinernen Meer in den Berchtesgadener Alpen als Synonym für eisige Kälte, für ein Stück Sibirien am Rande Deutschlands.

Rund 3,5 Hektar, etwa dreieinhalb Fußballfelder, misst die Oberfläche des Funtensees. Im Winter, der hier auf 1.601 Metern über Normalnull leicht von Oktober bis Mai dauern kann, verschwindet sein Wasser unter einer dicken Schicht aus Eis und Schnee. Allein die Wetterstationen und die auffallend plane Fläche inmitten der hügeligen Senke lassen seine Existenz erahnen.

Nur erfahrene Wanderer sollten zum Funtensee aufsteigen

Dass es hier so kalt werden kann, hängt mit der besonderen Lage des Sees zusammen. "Die Senke, in welcher der See liegt, ist im Grunde eine eingestürzte Höhle, eine Doline", sagt Helmut Franz, Meteorologe beim Nationalpark Berchtesgaden . Bodennahe Luft kühle sich durch die nächtliche Ausstrahlung ab und sinke in die von Bergen umrahmte Mulde, ein Effekt der beim Vorhandensein einer geschlossenen Schneedecke verstärkt werde. "Je mehr Kaltluft sich ansammelt, desto kälter wird es", sagt Franz. "In den Morgenstunden, etwa gegen sechs Uhr, kann es dann zu diesen Rekordtemperaturen kommen."

Nur wenige Menschen besuchen im Winter den Funtensee, und das obwohl er nur gut 1.000 Höhenmeter oberhalb von Berchtesgaden und dem bei Touristen beliebten Königssee liegt. Doch so lange viel Schnee liegt, ist der Zustieg nur für erfahrene und vor allem konditionsstarke Berggeher machbar. Wer zum Funtensee will , muss entweder auf Ski oder Schneeschuhen durch die bis zu 40 Grad steile Saugasse spuren, oder den langen Tagesmarsch übers Wimbachtal, Trischübel-Pass und den Übergang Hundstodgatterl in Angriff nehmen. Oder er kommt auf einer kräftezehrenden Etappe entlang der Großen Reibn, einer der beliebtesten Skidurchquerungen in den Ostalpen.

Die Große Reibn bringt die meisten Winter-Besucher zum Funtensee. Der Blick auf den eingeschneiten See bedeutet für die Skitourengeher oft das lang ersehnte Ankommen nach großer Anstrengung. Je nach Route haben die Skisportler an diesem Punkt schon mehr als 2.000 Tages-Höhenmeter in den Beinen. Ihr Ziel ist der Winterraum des Kärlingerhauses , einer Unterkunftshütte des Deutschen Alpenvereins. Sie befindet sich kaum fünf Minuten Fußweg vom Funtensee entfernt, liegt aber 30 Meter höher, ein letzter Gegenanstieg für die Tourengeher.

Leserkommentare
    • Lefty
    • 23. Mai 2013 14:29 Uhr

    Aber:Die Wetter-Die Wetterstation liegt nicht am kältesten/tiefsten Punkt der Doline sondern ca. 10 Meter über Seeniveau.

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  • Schlagworte Jörg Kachelmann | Schnee | See | Berchtesgaden | Sibirien
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