Heilung braucht Geduld. Das gilt auch für die Hilfesuchenden, die sich in dem Wartezimmer des Wunderheilers Ildar Khanow versammelt haben. Ein älteres Paar mit einem kleinen Mädchen sitzt ruhig auf den Stühlen, während neben ihm eine junge Frau mit ihrem Handy beschäftigt ist. Ihr Freund kaut bedächtig sein Kaugummi. Ildar Khanow empfängt angeblich jeden, vom Politstar bis zum Drogenabhängigen. Auch deutsche Patienten könnten zu ihm kommen, die Krankenkasse wird es ihnen nur nicht zahlen. Denn Khanow praktiziert in der russischen Republik Tatarstan nahe der Hauptstadt Kasan.

Das Domizil des selbst ernannten Wunderheilers liegt unmittelbar am Ufer der Wolga im Vorort Staroje Arakchino von Kasan . Die Wolga wälzt sich hier, mehrere hundert Meter breit, ruhig und schwarz durch die flache, birkenbewachsene Landschaft. Einige Datschen und ein kleiner Dorftrödler verbreiten eine ländliche Atmosphäre. Von der Bahnstation, die lediglich aus einer Betonrampe besteht, weht der Bitumengeruch der Schwellen herüber.

Der Vorortzug benötigt nur wenige Stationen bis zum Zentrum von Kasan. Die Stadt beansprucht nach Moskau und St. Petersburg den Rang der dritten Schönen der russischen Metropolen. In ihr koexistieren heute friedlich russisch-orthodoxe und muslimische Bevölkerungsgruppen. Die Muslime gehören der Volksgruppe der Tartaren an, aus der auch Khanow stammt. Die kulturelle Vielfalt der Metropole prägt das Stadtbild. Die historischen Mauern des Kreml umschließen nicht nur die Regierungsgebäude und die Mariä-Verkündungskathedrale, sondern auch die zweitgrößte Moschee Russlands , die hier 2005 fertiggestellt wurde.

Die Kul Sharif Moschee im Zentrum von Kasan © dpa

Im Stadtzentrum steht ein bildmächtiger russisch-orthodoxer Kirchenbau von Peter dem Großen. Lenin und Tolstoi zählen zu den prominenten Studenten der Universität, welche die zweitälteste Russlands ist. Das erste Hotel der Stadt ist nach dem berühmten Opernsänger Schaljapin benannt: Er wuchs in Kasan auf. Heute begleitet Passanten in der Fußgängerzone mitunter der Gesang eines Tenors, der von einem der Balkone über der Konsummagistrale singt.

Kasan ist eine Stadt, die mit ihrer kulturellen Vielschichtigkeit inspiriert, und so ist es vielleicht kein Zufall, dass Ildar Khanow ein so ausgefallenes wie eigenwilliges Projekt in ihrer Nähe zu realisieren begonnen hat. Das Wartezimmer, in dem er seine Patienten empfängt, ist nur ein kleiner Teil seines "Tempels aller Religionen". Nach knapp 20 Jahren Bauzeit hat sich dieser zu einem imposanten Ensemble der Sakralarchitekturen der Weltreligionen ausgewachsen. Er ist eine Art Monumentalskulptur, die Westeuropäer an die Bauten von Hundertwasser erinnert: Türme, Türmchen und Zinnen, Minarette, Kuppeln und Zwiebelhauben schrauben sich in allen Farben in den Himmel empor.