NordafrikaSidi Ifni, Marokkos Schönheit am Meer

Sidi Ifni in Marokko ist ein seltenes Beispiel von Art Déco in Nordafrika. In der einst größten Garnisonsstadt der Spanier spielt das Leben zwischen Strand und Märkten.

Der Strand von Legzira

Der Strand von Legzira

Am Morgen, wenn auf dem Fischmarkt die Männer schwere Säcke aus Plastik von den Pick Ups hieven, schiebt Achmed den Rolladen hoch und macht sich an die Arbeit: Kalte Asche aus dem Ofen klauben, Kochflächen schrubben, Boden wischen. Das Restaurant liegt auf dem Marktplatz von Sidi Ifni zwischen Garküchen und Gemüseläden, Jungen schieben Karren mit Fladenbroten und Mandarinen, Katzen schleichen umher auf der Suche nach Essensresten. Klein wie ein Bahnhofskiosk ist das Restaurant, doch dies ist seine ganze Welt. "Wählen Sie von der Karte, oder bringen Sie Fisch mit – ich bereite ihn zu", sagt er, und weist mit ausladender Hand Richtung Küste, sodass sich die Schürze über seinen Bauch spannt.

Achmed lebt in Sidi Ifni, einer Kleinstadt in Marokko, rund 170 Kilometer südlich von Agadir entfernt. "Dies ist die schönste Stadt im Land", sagt er, und lächelt aus sanften, braunen Augen: "Keine ist so hell, so klar, so schön." Tatsächlich liegt Sidi Ifni wie ein gekipptes Segel auf einer Felsplatte, die sich sanft zum Meer hin neigt, die Häuser sind weiße Quader mit türkisfarbenen Türen und Fensterläden.

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Die Stadt ist auf dem Reißbrett geplant: Im Art-déco-Stil, mit breiten, von Wind und Licht durchfluteten Straßen, hellen Verwaltungsgebäuden und einer von Palmen gesäumten Hauptstraße mit Cafés, Krämerläden und Gärten, über deren Mauern Dolden von bunten Blumen wachsen. 1934 von General Franco erbaut, sicherte Sidi Ifni die Position der Spanier während der Besetzung und war deren wichtigster Militärstützpunkt. Bis zu 15.000 Soldaten lebten hier mit ihren Familien, erst 13 Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos 1969 verließen die Spanier auf internationalen Druck ihren letzten Stützpunkt.

Surfer, Tintenfischer und die Langeweile des Abends

Doch sie sind allgegenwärtig: Noch heute wird hier Spanisch gesprochen statt Französisch; der Leuchtturm und der Gouverneurspalast sind Relikte der Eroberer, ebenso die spanische Prunktreppe, die an der Längsseite der Stadt entlang führt. Hier flanieren Pärchen, Spaziergänger und Schüler. Zum Strand hin wird die Treppe breiter und majestätisch, Ausdruck des Herrschaftsanspruchs der stolzen Eroberer. Unten treiben Surfer in den Wellen, Männer staken durch Tümpel auf der Jagd nach Tintenfischen.

Der Markt von Sidi Ifni

Der Markt von Sidi Ifni

Auf einem Felsen hocken am Abend junge Männer. Einer holt eine Platte in Form einer Fliese aus der Jackentasche, wiegt sie mit Kennermine in der Hand und sagt: "Guter marokkanischer Kiff, Mann, wir machen einen guten Preis!" Auch oben in der Stadt, am anderen Ende der Treppe, durchziehen Marihuana-Schwaden die Nacht: Hier, wo der Islam den Alkohol verbietet, ist Haschisch weit verbreitet unter den jungen Männern, die sich die Abende mit Schachspielen und Musikhören vertreiben.

Unter ihnen ist auch Rachid. Er ist Mechaniker, verdient gut. Und doch: "Es ist schwer, eine Frau zu finden", sagt er, "es ist teuer, man braucht eine gute Mitgift." An den Abenden geht Rachid die Spanische Treppe hinunter in eine der beiden Bars. Ein massiger Türsteher wacht am Eingang. "Viele Männer lasse ich nicht hinein", sagt er, "sie können mit Alkohol nicht umgehen und benehmen sich schlecht." Der Ort hat die Atmosphäre einer Spielhalle: In blauem Schummerlicht hocken Männer in Gruppen um Holztische in leisen Gesprächen, manche starren stumm auf die Flaschen. "Der Islam verbietet uns den Alkohol", sagt Rachid, "aber die Abende sind lang. Er vertreibt uns die Zeit."

Sidi Ifni im Süden Marokkos

Sidi Ifni im Süden Marokkos

An seinen freien Tagen fährt Rachid gern umher in seinem Fiat und zeigt Besuchern seine Heimat. "Romantisch" nennt er die Bucht von Legzira, wo der Atlantik Höhlen so groß wie Kathedralen aus dem Sandstein gespült hat. "Schön" sagt er in Sidi Quazir, 20 Kilometer nördlich von Sidi Ifni gelegen. In der Ferne liegt die Stadt im Dunst, davor ein Schiffswrack, es sieht aus wie eine Galeere, die versucht, das Land zu erobern: "Vor mehr als 50 Jahren wurde das Schiff in einer Sturmnacht ans Ufer gespült", sagt Rachid. Von hier erstreckt sich der Weiße Strand Plage Blanche scheinbar endlos: Feiner Sand, Wellen, die eine über die andere brechend, türkis klares Wasser und kein Mensch weit und breit.

"Früher, vor allem in den siebziger Jahren, kamen viele Touristen in diese Gegend", sagt der Barbier Hassan, ein älterer Herr mit spärlichem Haar: "Es gab Bars und Nachtclubs, berühmte Musiker wie Jimi Hendrix und The Doors wohnten über Monate hier. Andere Besucher folgten, vor allem Hippies. Sogar Songs über Sidi Ifni stammen aus dieser Zeit."

Der Weg nach Sidi Ifni

Anreise: Airlines wie Easyjet, Tuifly oder Condor fliegen regelmäßig nach Agadir. Vom Busbahnhof fahren Grand Taxis oder gut klimatisierte Überlandbusse nach Sidi Ifni. Die Fahrzeit beträgt etwa zwei Stunden.

Informationen über Sidi Ifni im Internet unter www.ifniville.com

Allgemeine Informationen: Fremdenverkehrsamt Tourisme Marocain, Graf Adolf Strasse 59, 40210 Düsseldorf, Telefon 0211 – 370551. Internet: www.visitmorocco.com

Unterkunft

Das Suerte Loca ist ein einfaches Hotel in Strandnähe. Freundliches Personal, leckeres Essen, gemütliche Zimmer und moderate Preise.

Das Hotel Bellevue liegt am Steilhang mit Blick über das Meer; es ist vom Inhaber geführt und bietet eine schöne Terrasse und lokales Essen.

Essen: Kleine Restaurants entlang der spanischen Treppe, leckerer Fisch und das Nationalgericht Tangine gibt es auf dem Marktplatz neben dem Fischmarkt.

Sehenswürdigkeiten: Die Strände Legzira und Plage Blanche, historische Gebäude der Besatzer wie der Gouverneurspalast oder der ehemalige Flughafen.

Inzwischen ist es ruhig geworden, nur wenige Touristen kommen in den Süden des Landes. Die Besucher zieht es nach Fés oder Marrakesch, Sidi Ifni hingegen ist kaum bekannt. "Zu Unrecht", findet Hassan: "Die Menschen sind freundlich, wir führen das ruhige, beschauliche Leben der Kleinstadt. Bei uns gibt es weder aufdringliche Händler noch Basare."

Stattdessen hat Sidi Ifni einen riesigen Markt, den ehemaligen Flugplatz. Jeden Nachmittag fahren Pick Ups vor, Frauen breiten Planen aus, Männer kippen Berge von Mandarinen, Zwiebeln und Tomaten darauf aus – hier ist alles in solcher Fülle zu haben, dass die Kilopreise umgerechnet kaum einen Euro kosten. Gleiches gilt für Fisch. Täglich holen die Männer Kostbarkeiten aus dem Meer: Glänzende Bonitos und silberne Sardinen, tellergroße Butte und Seezungen, Red Snapper und Meeresspinnen prall wie Wassermelonen. 50 Cent kostet eine Sepia für drei Personen, einen Euro die Seezunge.

Der Hafen, ein paar Kilometer südlich gelegen, ist stillgelegt. Einst von den Spaniern angelegt, schwand seine Bedeutung mit ihrem Abzug. "Die letzte Spanierin verließ uns erst 2001", sagt Hassan. Maria Guomez, einst als Braut eines Soldaten gekommen, habe nie geheiratet, der Verlobte sei wenige Tage nach ihrer Ankunft während eines Scharmützels in der Wüste gefallen. "Maria", sagt Hassan, "war hier bei uns zuhause. Noch als alte Frau ging sie jeden Abend durch die Stadt, sie trug immer einen roten Schal. Alle hier kannten sie." Heute liegt Maria auf dem muslimischen Friedhof – als einzige Christin, direkt gegenüber der Spanischen Treppe.

 
Leserkommentare
  1. Angesichts des unverschämten Populismus und der Nazi Vergleiche, den einige Medien in Griechenland oder auf der iberischen Halbinsel momentan loslassen, scheint dieser Ort in Marrokko doch eine gute Alternative zum Urlaub bei unseren "Freunden" in den EU Mittelmeerländer zu sein. Kultur und sonniges Wetter kann man auch außerhalb der EU finden.

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