New York City"Mein Wohnzimmer ist meine Carnegie Hall"

In Harlem ist Marjorie Eliot berühmt. Seit mehr als zwanzig Jahren veranstaltet sie jeden Sonntag Jazz-Konzerte – in ihrem eigenen Wohnzimmer. von Marie von Baumbach

Marjorie Eliot muss um jeden Cent kämpfen, trotzdem schenkt sie der Öffentlichkeit den vielleicht besten Jazz von New York City. Jeden Sonntag veranstaltet sie mit Freunden Konzerte in ihrem Wohnzimmer. Nie hat sie in den vergangenen zwanzig Jahren einen Sonntag ausgelassen. Denn mit den Konzerten erinnert sie an ihren Sohn Philipp. Sein Bild hängt über dem Klavier: Er starb, viel zu jung und viel zu früh. "Man muss etwas tun, sonst wird man verrückt", sagt Marjorie Eliot.

Sie lebt im äußersten Norden von Manhattan, einer Gegend von New York City, die Politiker hochtrabend Washington Heights nennen. Die Bewohner heißen ihren Teil der Stadt stolz Harlem. Hier ist Marjorie Eliot eine Jazz-Legende. Das vierzehnstöckige Wohnhaus Nr. 555 Edgecombe Avenue, in dem sie lebt, wurde im Beaux-Arts Stil erbaut und steht unter Denkmalschutz. Marmorwände und vergoldeter Stuck zeugen von einer vergangenen Zeit. Als das Haus 1916 gebaut wurde, durften hier nur Weiße leben. In den 1940er Jahren änderte sich das. Count Basie zog ein, Paul Robeson und der große Duke Ellington.

Anzeige

Marjorie wohnt seit über dreißig Jahren hier. Apartment 3F ist spärlich eingerichtet, sie mag Lichterketten und bunte Glühbirnen. An den Wänden hängen Zeitungsausschnitte und alte Fotos, mit Tesafilm befestigt. Am Fenster hängen weiße Spitzenvorhänge, ein bisschen schief, daneben zwei bemalte Teller mit dem Bild der Nofretete und des Tutanchamun

Einst war Majorie Eliots Familie groß: Fünf Söhne hatte sie: Alfred, Rudel, Michael, Philipp und Shaun. Alfred wohnt in Pennsylvania, Shaun ist geistig leicht behindert und Michael lebte als Musiker in Mainz. Der Grund für diesen Jazzsalon aber ist Philipp: An einem Sonntag im August 1992 starb er an einer Niereninfektion – mit 32 Jahren. Seitdem kann Marjorie Eliot sonntags nicht mehr alleine sein. Sie begann nach seinem Tod, Konzerte in ihrer Wohnung zu veranstalten: "Philipp liebte die Musik und das Theater."  2006 folgte der nächste Schicksalsschlag: Michael starb mit 47 Jahren an Hirnhautentzündung.

Der jüngste Sohn Shaun wurde im Februar 2011 vermisst. Er war in den M101 Bus an der Amsterdam Avenue eingestiegen und verschwunden. Marjorie verteilte Zettel mit seinem Bild und ihrer Telefonnummer an die Konzertbesucher. Sogar die New York Times berichtete. Nach dreiunddreißig Tagen meldet sich eine Krankenschwester aus dem Metropolitan Hospital, Shaun sei dort, unverletzt – und in den Listen geführt als "unknown black male", als unbekannter schwarzer Mann.

"Bei meinen anderen Söhnen habe ich Gott gebeten, dass ich bei ihnen sein kann, wenn sie sterben, und ich habe beide im Arm gehalten. Bei Shaun bat ich, dass er ihn mir lässt, damit ich ihm eine bessere Mutter sein kann", sagt Marjorie Eliot. Nach dem Konzert wird Shaun kurz reinschauen und seiner Mutter die Hand geben.

Ab 15.30 Uhr ist Einlass in ihren privaten Jazz-Salon. Liebevoll hat Marjorie die Klappstühle in Wohnzimmer, Flur und Küche mit einem Kissen drapiert. Eine halbe Stunde später ist kaum noch ein Platz frei. Künstler, alte Freunde, New Yorker, Touristen treffen sich hier. Sie ziehen die Füße ein, als Rudel, Marjories Sohn und der Sonnyboy der Familie, grinsend einen Kontrabass durch den Flur schleppt. Über sechzig Zuschauer sind es an diesem Sonntag, darunter viele junge Leute. Die meisten kommen das erste Mal, die Konzerte sprechen sich herum. In manchen Reiseführern werden sie als Insider Tipp geführt. Viele im Publikum tragen Jeans, aber Marjorie hat ein graues Nadelstreifenkleid mit weißem Kragen angezogen und die Haare hochgesteckt. Ihr Alter verschweigt sie beharrlich; manche schätzen sie auf Mitte 70. Um 16 Uhr setzt sie sich ans Klavier und beginnt das Konzert mit einem Spiritual.

Pat, die seit vierzehn Jahren zu den Konzerten kommt, springt jedes Mal auf, wenn der schnarrende Klingelton die Musik unterbricht und drückt auf den Türöffner. Viele Zuhörer kommen zu spät. Ein älterer Herr hat einen Strauß Rosen mitgebracht, knisternd legt er die Blumen auf die Erde. Sie sind ein Geschenk für Marjorie, die sich sehr freut, weil sie selten Blumen bekommt und keine Geschenke erwartet. Nur eine Spende erbittet sie, für die Musiker, für Apfelsaft und Müsliriegel, die sie in der Pause verteilt. Jeder steckt zehn Dollar in den Klingelbeutel. Die meisten Zuschauer, die vor ihrem Klo Schlange stehen, kennt Marjorie Eliot nicht einmal.

Marjorie haut so stark in die Tasten, dass die kleine goldene Bischofsfigur auf dem Klavier kräftig wackelt. Ihr Sohn Rudel singt Down by the Riverside. Geprobt haben die Musiker nicht, alle kennen sich gut genug. Sedric Choukroun am Saxophon kam vor Jahren aus Paris, um bei Marjorie zu lernen; der japanische Trompeter Koichi Yoshihara stellt die ganze Stadt auf den Kopf, um in den USA bleiben zu können; der 77-jährige Bob Cunningham am Bass ist stadtbekannt. Wenn sie gerade nicht selbst spielt, lehnt Marjorie an der Tür ihres Wohnzimmers und bewegt sich zum Takt der Musik. Dann beugt sie sich vor und flüstert einer Zuschauerin zu: "Is this fun or what?" Ja, es macht Spaß!

Marjorie Eliot liebt Dirigenten mit Aura wie Leonard Bernstein und Zubin Mehta, Dirigenten, deren Leidenschaft sie spüren kann. Ihr Klarinettenlehrer war Mitglied des New York Philharmonic Orchestra. Über ihn lernte sie Leonard Bernstein kennen. "Bernstein war am glücklichsten, wenn er sich nach den Konzerten einfach ans Klavier setzen konnte, um zu improvisieren." Ihr Ehemann Al war ebenfalls Musiker: Er kannte Louis Armstrong, er spielte mit den großen afro-amerikanischen Komponisten und lernte von ihnen. Im November 2011 starb Mann Al mit 84 Jahren.

Gerne hätte Marjorie ein eigenes kleines Theater gehabt. Manchmal besucht sie im Sommer das Mostly Mozart Festival am Lincoln Center. Aber nur, wenn sie eine billige Karte bekommt, denn sie, die für alle kostenlose Konzerte veranstaltet, kann sich die teuren Musicals, Konzerte und Opernaufführungen der Stadt nicht leisten. "Mein Wohnzimmer ist meine Carnegie Hall", sagt sie. Hier kann sie bis 23 Uhr machen, was sie will. Danach beschweren sich die Nachbarn.

Der Weg zu Marjorie Eliot

Marjorie Eliot veranstaltet ihren Jazz-Salon in ihrer Wohnung: Apartment 3 F; 555 Edgecombe Avenue / Ecke 160th Street; NY 10032, New York, USA

Die Konzerte finden jeden Sonntag statt von 16 bis 18 Uhr, Einlass ab 15.30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht nötig. Eine Spende wird erbeten, üblich sind zehn Dollar.

Anfahrt mit der Metro: 163rd Street/Amsterdam Avenue (Linie A und C)

Anreise und Unterkunft

Flüge nach New York gibt täglich zum Beispiel mit Lufthansa von allen deutschen Großstädten.

Unterkünfte:

Plaza Athénée, New York, 37 East 64th Street at Madison Ave, New York, NY 10065, Telefon 001/212 606 4600; Fax 001/212 772 0958. Ab350,- Euro pro Nacht. Internet: http://www.plaza-athenee.com/

Hotel Beacon, 2130 Broadway at 75th Street New York, NY 10023, Telefon 001/212 787 1100, Fax 001/212 724 0839. Ab 230,- Euro pro Nacht/Zimmer. Internet: http://beaconhotel.com/

Vor einiger Zeit hat sie ein paar Aufnahmen an die Jazzabteilung von Columbia Artists Management geschickt, eine große amerikanische Agentur, um Zusatzaufträge zu bekommen. "Sie hören mich an, wenn sie mal in der Gegend sind." Das Columbia Artists Management sitzt am Broadway, südlich des Central Parks. Mit der U-Bahn wären es dreißig Minuten zu Marjorie Eliots Apartment.

Um Geld zu verdienen, und weil es ihr Spaß macht, gibt sie Klavierunterricht, spielt in Altersheimen und für Kinder. "Konservatorien machen junge Musiker kaputt", sagt sie. "Keiner lernt dort mehr, zu improvisieren. In Harlem stand früher in jeder Wohnung ein Klavier."

Nach zwei Stunden ist das Konzert zu Ende. Die Touristen und New Yorker nehmen den Bus oder die Metro nach Downtown, zum Broadway, nach Chelsea und zur Wall Street. Die Stille wirkt lauter als die Spirituals, der Blues, die Improvisationen der zwei Stunden zuvor. Marjorie macht den Boden sauber. "Passende Stühle wären schön", sagt sie. "Es kommen so viele nette Menschen, dass ich nicht wage, mir mehr zu wünschen. Die Musik ist das Wichtigste."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. das die Musikindustrie darauf nicht reagiert: Hier gehts um Musik und Herzblut und Überzeugung und nicht um Profit. Das passt oft nicht in deren Weltbild.

    Das nenne ich Haltung! Bravo Mrs. Eliot!Eine Frau die das alte Weltbild des Jazz hoch hält.

    Ich bewundere diese Dame und wünsche ihr noch Erfolg und ein bisschen mehr Geld, damit sie sich den Eintritt für die anderen Konzerte leisten kann.

    2 Leserempfehlungen
    • andand
    • 23. März 2012 13:06 Uhr

    Ich finde den Artikel im Großen und Ganzen gut und freue mich auch über die Initiative der Künstlerin und den Zuspruch, den sie findet.
    Aber dieser Mythos von der armen selbstlosen Künstlerin, der durch Informationen aus dem Artikel selbst konterkariert wird:
    Es gibt jeden Sonntag ein Konzert, 60 Leute á 10 Dollar = 600 Dollar
    => monatlich ca. 2500 Dollar
    Auch wenn New York teuer ist, so wenig Geld ist das nicht. Auch nicht, wenn ich Tee und Müsliriegel abziehe.
    WIe gesagt, ich gönne es der Künstlerin, New York und allen von Herzen. Aber bitte nicht einen Mythos aufbauen, der einfach nicht stimmt. Es ist doch auch so schön, oder?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...und ziehen Sie nicht nur Apfelsaft und Müsliriegel, sondern auch die Musiker von den Spenden ab, dann bleibt an Ihrem Vorwurf der Mythos-Bildung nicht mehr sehr viel übrig.

    • dacapo
    • 25. März 2012 23:38 Uhr

    Und sicherlich bezahlt nicht jeder. Aber wie der Mitforist Ihnen schon sagte, den Musikern gönnen Sie wohl nichts. Aber offensichtlich scheint Ihnen entgangen zu sein, dass diese Frau kaum Geld hat, sie muss sich als alte Frau Geld verdienen, an Orten und Institutionen, die sicherlich nicht bezahlen. Deshalb solte Ihnen nicht entgehen, dass eine Wohnung an diesem Ort ja eine Menge Geld kostet und eine Haushilfe braucht diese Dame auch. Ich nehme mal an, dass Sie für Ihre Lebenskosten nicht viel nachdenken müssen, sonst würden Ihnen diese Nachlässigkeiten nicht unterlaufen. Aber wie gesagt, lediglich Miesepampelei.

    Sie dürfen nicht nur die Einnahmen ausrechnen, sondern sollten auch mal die Ausgaben dagegenhalten. Dazu gehört nicht nur die Miete (was kostet so eine historische Adresse im Norden Manhattans?) mitsamt Nebenkosten (was mag das wohl sein?), sondern in diesem Alter wäre ja auch zu fragen, wie die Dame krankenversichert ist. Bei einer fehlenden oder gar keiner Versicherung dürfte bei den meisten Senioren in diesem Alter ganz schön viel Geld zu Ärzten und Apothekern wandern. Dann noch die üblichen Einkäufe für Lebensmittel etc. - und da wären 2.500 Dollar vermutlich so schnell weg wie Schnee in der Sonne. Oder was meinen Sie?

  2. ...und ziehen Sie nicht nur Apfelsaft und Müsliriegel, sondern auch die Musiker von den Spenden ab, dann bleibt an Ihrem Vorwurf der Mythos-Bildung nicht mehr sehr viel übrig.

    • dacapo
    • 25. März 2012 23:38 Uhr

    Und sicherlich bezahlt nicht jeder. Aber wie der Mitforist Ihnen schon sagte, den Musikern gönnen Sie wohl nichts. Aber offensichtlich scheint Ihnen entgangen zu sein, dass diese Frau kaum Geld hat, sie muss sich als alte Frau Geld verdienen, an Orten und Institutionen, die sicherlich nicht bezahlen. Deshalb solte Ihnen nicht entgehen, dass eine Wohnung an diesem Ort ja eine Menge Geld kostet und eine Haushilfe braucht diese Dame auch. Ich nehme mal an, dass Sie für Ihre Lebenskosten nicht viel nachdenken müssen, sonst würden Ihnen diese Nachlässigkeiten nicht unterlaufen. Aber wie gesagt, lediglich Miesepampelei.

  3. Sie dürfen nicht nur die Einnahmen ausrechnen, sondern sollten auch mal die Ausgaben dagegenhalten. Dazu gehört nicht nur die Miete (was kostet so eine historische Adresse im Norden Manhattans?) mitsamt Nebenkosten (was mag das wohl sein?), sondern in diesem Alter wäre ja auch zu fragen, wie die Dame krankenversichert ist. Bei einer fehlenden oder gar keiner Versicherung dürfte bei den meisten Senioren in diesem Alter ganz schön viel Geld zu Ärzten und Apothekern wandern. Dann noch die üblichen Einkäufe für Lebensmittel etc. - und da wären 2.500 Dollar vermutlich so schnell weg wie Schnee in der Sonne. Oder was meinen Sie?

    Eine Leserempfehlung
    • meyden
    • 27. März 2012 21:08 Uhr

    ...was für ein Gejammer hier. Ich war am Sonntag dort - und nicht nur hat sie sehr wenig, sondern gibt von dem Wenigen auch noch der Gemeinde und den Bedürftigen. In der Wohnung hängen überall Spendenzertifikate, die den Namen ihrer Konzerteihe tragen.
    Aber bezeichnend, wenn das der erste Reflex beim Lesen dieses Artikels ist.

  4. Ich bewundere diese Dame nicht nur dehalb, weil sie der Musik einen Raum gibt. Sie hat darüber hinaus etwas Wunderbares gefunden, um nicht zu verzweifeln ("Man muss etwas tun, sonst wird man verrückt"). Und weiter: Sie hat dabei obendrein Spaß und erlebt offenbar viele glückliche Stunden mit Musik und Gästen.
    Viele von uns wissen, wie schwierig sowohl das eine -Sinn- als auch das andere -Glück- zu fassen sind.

  5. Was kann es schöneres geben als New York in seinen privaten und kulturellen Nischen zu entdecken. Ein Sonntagnachmittag bei Marjorie ist da eine wunderschöne Einladung. Ich hatte am letzten Sonntag die Gelegenheit dazu und habe die Stunden voll Jazz, Esprit einer tollen Frau und ihren beiden langjährigen Stammgästen sehr genossen . Ich danke für die Empfehlung.
    Zugleich eine Bemerkung von Marjorie, 'die von der Zeit waren sehr sehr nett'.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Leonard Bernstein | Broadway | Columbia | Konzert | Musiker | Nofretete
Service