Aus der Perspektive niedlicher schwarzer Knopfaugen trügt die Idylle gewaltig. Im Sommer landen unvorsichtige Karnickel im Seelgrabenpark schnell frisch gehäutet auf dem Grill. "Im Prinzip ist das Wilderei, aber erklären Sie das mal jemandem aus der kasachischen Steppe", sagt Torsten Preußing. Der Autor des Wanderführers Marzahn Nordwest macht seine russischstämmigen Nachbarn für eine Ordnungswidrigkeit verantwortlich, die ihm persönlich wenig ausmacht. Er fühlt sich wohl in Marzahn.

"Auf Marzahn wird immer nur von außen geschaut und ein regelrechter Meinungsdruck aufgebaut", sagt Preußing, "doch Druck erzeugt Gegendruck und deswegen ist Marzahn fast schon eine Weltanschauung geworden. Was wir brauchen, sind die Stimmen von innen." Wer mit ihm durch den Kiez schlendert, lernt all die Plattenbauten mit einem liebevollen Blick zu betrachten.

Mit seinem Wanderstab deutet Preußing das Rinnsal der Neuen Wuhle hinauf. "Hierher haben wir an einem ersten April einmal ein Fernsehteam vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg gelockt, mit der Ankündigung, das wäre der neue Startpunkt für Dampferfahrten." Er lacht heute noch darüber: Die Anekdote zeigt, dass man selbst Berlinern alles Mögliche über Marzahn weismachen kann. Mit einer Ausnahme: Dass es hier ganz nett ist, glaubt so schnell niemand.

Der westdeutsche Blick verstellt die Realität

Nichts als grauer Beton, perspektivlose Menschen und eine hohe Kriminalitätsrate, dieses Image wird der Bezirk nicht los . Alles Unfug – und ein typisch westdeutscher Blick, meint man im Quartiersbüro Marzahn-Nordwest . Tatsächlich seien vergleichbare Großsiedlungen im Westen ja auch immer für unterprivilegierte Schichten errichtete Problemkieze gewesen.

Doch in Marzahn geht diese Gleichung nicht so einfach auf. Hierher musste man zunächst nicht, man durfte . Wer in den achtziger Jahren eine Wohnung bekam, befand sich nicht ganz unten in der Versorgungskette, sondern weit oben. Es war völlig egal, dass man vor der Hochhaustür noch baubedingt in die Gummistiefel schlüpfen musste, Hauptsache die Wohnung war bezugsfertig.

Denn erstens herrschte akuter Wohnungsmangel und zweitens hielt sich die Attraktivität der unsanierten Altbauwohnungen im Zentrum, wo Außenklos und Ofenheizungen üblich waren, in engen Grenzen.

Viel hat sich seit der Wende getan in Marzahn: Fassaden wurden farblich aufgepeppt , innovativer Rückbau hat gestutzte Vorzeigeprojekte wie die Ahrensfelder Terrassen hervorgebracht, bei Berlinern beliebte Ausflugsziele wie die Gärten der Welt sind entstanden, eine riesige interkulturelle Grünanlage, in der man sich unter japanischen Kirschbäumen küssen, in einem englischen Labyrinth verirren oder sich von orientalischen Wasserspielen bezaubern lassen kann. Das beschauliche Wuhletal , ländlich anmutende Einfamilienhaussiedlungen oder den alten Parkfriedhof gab es sowieso schon.

Genauso wie das original erhaltene märkische Angerdorf Alt-Marzahn im Zentrum. Dort steht heute das Bezirksmuseum und hält die Geschichte eines Ortes lebendig, an dem einst Bauern mit der Versorgung Berlins zu Wohlstand gelangten. Die Ernten auf den Rieselfeldern und in den Gewächshausbatterien waren besonders reichhaltig.

Eine unerwartete Vielfalt, aber dennoch trägt Marzahn nicht von ungefähr den Spitznamen Großbetonien. Ein Riesenbaukasten: Glatte Fronten, schnurgerade Fluchten, enorme Freiräume – kaum ein Schnörkel stört die Struktur. Ein Eldorado für Stadtplaner und Architekturinteressierte, die hierher pilgern, um ein real existierendes Lebensraumprojekt kennenzulernen.

Körperliche Kunst in Großbetonien

Eine einzigartige "Großbausiedlung in industrieller Bauweise", die wegen der üblicherweise zersplitterten Eigentumsverhältnisse nie unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen hätte entstehen können. Ein sozialistischer Traum. Ist er geplatzt? "Man kann nicht sagen, dass er komplett gescheitert ist", findet Karin Scheel, die am früher "gesellschaftlicher Hauptbereich" genannten Areal die Galerie M. leitet . Heute dominiert das Einkaufszentrum Eastgate, das Ostgatter, am S-Bahnhof Marzahn. Scheel vermittelt leerstehende Promenadenlokale als temporäre Ateliers an Künstler.

"Die kommen von überall her und wissen oft gar nicht, wo sie hier überhaupt sind. Aber sie entwickeln immer eine seltsame Faszination für den Bezirk", sagt Scheel. Sie betritt die vormalige Filiale eines Brillengeschäfts: Die Räumlichkeiten werden gerade von den jungen Installations-Künstlern Ramon Muggli und Lukas Oertel in Beschlag genommen. Vergleichbare Räume in der Innenstadt könnten sie nie bezahlen. Die beiden mögen Marzahn: "Wir arbeiten raumbezogen, und dieses Marzahngefühl kannten wir vorher nicht", sagt Muggli. "Mein Körper ist in Marzahn von der Hauswand eigentlich immer 20, 30 Meter entfernt, und auch zu anderen Menschen auf der Straße hat man grundsätzlich eine viel größere räumliche Distanz." Auch das unterscheidet Marzahn von anderen Stadtteilen.