Berlin: Urlaub in Marzahn
Da bist du platt: Berlin-Marzahn gilt als Großbetonien. In Wahrheit aber ist es vielfältig. Denn hier gibt es Galerien, Gärten und Kaninchenjagd. Von Sebastian Blottner
© Sebastian Blottner

Ganz klar: Alle Wege führen nach Marzahn. Und einige auch wieder weg.
Aus der Perspektive niedlicher schwarzer Knopfaugen trügt die Idylle gewaltig. Im Sommer landen unvorsichtige Karnickel im Seelgrabenpark schnell frisch gehäutet auf dem Grill. "Im Prinzip ist das Wilderei, aber erklären Sie das mal jemandem aus der kasachischen Steppe", sagt Torsten Preußing. Der Autor des Wanderführers Marzahn Nordwest macht seine russischstämmigen Nachbarn für eine Ordnungswidrigkeit verantwortlich, die ihm persönlich wenig ausmacht. Er fühlt sich wohl in Marzahn.
"Auf Marzahn wird immer nur von außen geschaut und ein regelrechter Meinungsdruck aufgebaut", sagt Preußing, "doch Druck erzeugt Gegendruck und deswegen ist Marzahn fast schon eine Weltanschauung geworden. Was wir brauchen, sind die Stimmen von innen." Wer mit ihm durch den Kiez schlendert, lernt all die Plattenbauten mit einem liebevollen Blick zu betrachten.
Mit seinem Wanderstab deutet Preußing das Rinnsal der Neuen Wuhle hinauf. "Hierher haben wir an einem ersten April einmal ein Fernsehteam vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg gelockt, mit der Ankündigung, das wäre der neue Startpunkt für Dampferfahrten." Er lacht heute noch darüber: Die Anekdote zeigt, dass man selbst Berlinern alles Mögliche über Marzahn weismachen kann. Mit einer Ausnahme: Dass es hier ganz nett ist, glaubt so schnell niemand.
Der westdeutsche Blick verstellt die Realität
Nichts als grauer Beton, perspektivlose Menschen und eine hohe Kriminalitätsrate, dieses Image wird der Bezirk nicht los. Alles Unfug – und ein typisch westdeutscher Blick, meint man im Quartiersbüro Marzahn-Nordwest. Tatsächlich seien vergleichbare Großsiedlungen im Westen ja auch immer für unterprivilegierte Schichten errichtete Problemkieze gewesen.
Doch in Marzahn geht diese Gleichung nicht so einfach auf. Hierher musste man zunächst nicht, man durfte. Wer in den achtziger Jahren eine Wohnung bekam, befand sich nicht ganz unten in der Versorgungskette, sondern weit oben. Es war völlig egal, dass man vor der Hochhaustür noch baubedingt in die Gummistiefel schlüpfen musste, Hauptsache die Wohnung war bezugsfertig.
Denn erstens herrschte akuter Wohnungsmangel und zweitens hielt sich die Attraktivität der unsanierten Altbauwohnungen im Zentrum, wo Außenklos und Ofenheizungen üblich waren, in engen Grenzen.
Viel hat sich seit der Wende getan in Marzahn: Fassaden wurden farblich aufgepeppt, innovativer Rückbau hat gestutzte Vorzeigeprojekte wie die Ahrensfelder Terrassen hervorgebracht, bei Berlinern beliebte Ausflugsziele wie die Gärten der Welt sind entstanden, eine riesige interkulturelle Grünanlage, in der man sich unter japanischen Kirschbäumen küssen, in einem englischen Labyrinth verirren oder sich von orientalischen Wasserspielen bezaubern lassen kann. Das beschauliche Wuhletal, ländlich anmutende Einfamilienhaussiedlungen oder den alten Parkfriedhof gab es sowieso schon.
Genauso wie das original erhaltene märkische Angerdorf Alt-Marzahn im Zentrum. Dort steht heute das Bezirksmuseum und hält die Geschichte eines Ortes lebendig, an dem einst Bauern mit der Versorgung Berlins zu Wohlstand gelangten. Die Ernten auf den Rieselfeldern und in den Gewächshausbatterien waren besonders reichhaltig.
Eine unerwartete Vielfalt, aber dennoch trägt Marzahn nicht von ungefähr den Spitznamen Großbetonien. Ein Riesenbaukasten: Glatte Fronten, schnurgerade Fluchten, enorme Freiräume – kaum ein Schnörkel stört die Struktur. Ein Eldorado für Stadtplaner und Architekturinteressierte, die hierher pilgern, um ein real existierendes Lebensraumprojekt kennenzulernen.
Körperliche Kunst in Großbetonien
Eine einzigartige "Großbausiedlung in industrieller Bauweise", die wegen der üblicherweise zersplitterten Eigentumsverhältnisse nie unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen hätte entstehen können. Ein sozialistischer Traum. Ist er geplatzt? "Man kann nicht sagen, dass er komplett gescheitert ist", findet Karin Scheel, die am früher "gesellschaftlicher Hauptbereich" genannten Areal die Galerie M. leitet. Heute dominiert das Einkaufszentrum Eastgate, das Ostgatter, am S-Bahnhof Marzahn. Scheel vermittelt leerstehende Promenadenlokale als temporäre Ateliers an Künstler.
"Die kommen von überall her und wissen oft gar nicht, wo sie hier überhaupt sind. Aber sie entwickeln immer eine seltsame Faszination für den Bezirk", sagt Scheel. Sie betritt die vormalige Filiale eines Brillengeschäfts: Die Räumlichkeiten werden gerade von den jungen Installations-Künstlern Ramon Muggli und Lukas Oertel in Beschlag genommen. Vergleichbare Räume in der Innenstadt könnten sie nie bezahlen. Die beiden mögen Marzahn: "Wir arbeiten raumbezogen, und dieses Marzahngefühl kannten wir vorher nicht", sagt Muggli. "Mein Körper ist in Marzahn von der Hauswand eigentlich immer 20, 30 Meter entfernt, und auch zu anderen Menschen auf der Straße hat man grundsätzlich eine viel größere räumliche Distanz." Auch das unterscheidet Marzahn von anderen Stadtteilen.






>Und zu sagen, der Alexanderplatz hätte nichts Reizvolles, spricht ja schon für einen sehr eigensinnlichen Geschmack.
Das spricht wohl eher dafür, dass der Verfasser in Berlin wohnt und lebt. Der Bahnhof ist der schlimmste in ganz Berlin, voller Punks, Obdachloser, "erlebnisorientierter Jugendlicher", davon viele dauerbetrunken, gewaltbereit und aufdringlich. Im Sommer kommen dann auch noch im Weg stehende Touristenschwärme und natürlich die rumänischen Bettler-Frauen mit ständig wechselnden Kindern. Das ganze Ensemble, an mehr oder weniger unliebsamen Gestalten, wird noch eingerahmt in einer ostalgischen Betonlandschaft und einem fast ganzjährigen "Jahrmarkt" mit Fressbuden, Apres-Ski-Musik und Ausschank.
Für Touris ganz spannend, für Menschen die dort Leben und Arbeiten eher nervig. Die fussläufig erreichbaren Sehenswürdigkeiten sind schon "mal reizvoll", allerdings auch eher für Touristen und nicht für Leute die dort leben.
>Was wäre denn ein reizvoller Ort in Berlin?
Da sich der Großteil seiner Lebenszeit um die Familie, Wohnung, Wohnumfeld und Arbeit dreht, wäre ein reizvoller Ort einer, über eine gut erschlossene Infrastruktur verfügt (Supermärkte, Kitas und Schulen, Naherholung, Spaß und Freizeit), verkehrs- und kriminalitätstechnisch sicher ist und möglichst kurze Arbeitswege ermöglicht und dabei möglichst kostengünstig ist.
Für Marzahn mögen einige der Punkte gelten, allerdings nicht alle. Welche davon man wie priorisiert muss jeder für sich entscheiden.
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