Philip Makley spielt Doc Holliday in Tombstone. © Tim Gaynor/Reuters

Der klassische amerikanische shoot-out wurde an jenem Tag geboren, als die Earp-Brüder Wyatt , Virgil und Morgan zusammen mit ihrem Kumpel Doc Holliday die Allen-Street hochgingen und vor dem O.K. Corral auf die verhasste Clanton- und MacLary-Bande stießen. Schweigend zogen beide Seiten ihre Revolver und schossen, was die Magazine hergaben. Angeblich waren es nur dreißig Sekunden, die über Tod und Leben entschieden.

Wer in der glühenden Mittagssonne des 26. Oktober 1881 wen umlegte, wusste später niemand mehr zu sagen. Die Kugeln flogen von allen Seiten, Pulverdampf hüllte die Kämpfenden ein, es tönten Schreie, Flüche und Wehklagen. Am Ende lagen drei tote Männer im Staub, drei weitere waren verletzt, und Tombstone, Arizona , sollte für immer ein Teil des Mythos sein, der sich um Ehre, einsame Helden und endlose Landschaft rankt.

Außerhalb der Saison hat Tombstone heute 3.500 Einwohner und ist ein eher öder Ort, im Nowhere-Land zwischen der mexikanischen Grenze und Tucson im kargen Süden von Arizona gelegen. Dort sind die Kakteen größer als ein Mann, und Hyäne und Klapperschlange sagen sich Gute Nacht. In der Saison, und die dauert im warmen Klima Arizonas lange, spazieren bis zu 10.000 Menschen durch die Straßen. Showtime ist dann rund um die Uhr. Mit noch immer wehendem Mantel rauscht Doc Holliday um die Ecke, auf Schritt und Tritt begegnet der Besucher einem Wyatt-Imitat.

Gut und Böse spielen miteinander

Wer sein Geld mit der Verherrlichung der Killer-Episode verdient, trägt schwarze staubige Cowboyhemden, teure Boots und einen Colt um die Hüfte. Wie damals am OK Corral wird mächtig geballert, fallen die Statisten in den Staub. Um Kinder und politisch korrekte Naturen nicht zu verschrecken, stehen sie allerdings sofort wieder auf. Dies alles sei nur Spiel, und im wahren Leben die Benutzung von Waffen gefährlich, erklärt der Ansager vor Showbeginn, und auch die naive Handlung der Stücke achtet peinlichst genau darauf, dass Gut und Böse jederzeit ersichtlich sind.

Die Vergangenheitsvermarktung ist für die Bewohner nicht ohne Schaden geblieben. Tombstone ist mehr Freilichtbühne als Stadt. Saloon reiht sich an Souvenirladen, Souvenirladen an Restaurant. Die Saloons heißen Big Nose Kate's, Crazy Horse, die Restaurants Cactus Rose und Silver Nugget. Es gibt einen Doc Holliday Store und ein Rocking Horse Emporium. Erst jenseits der First und der Eighths Street leben wirkliche Menschen, für deren Bedürfnisse es sechs Kirchen, zwei Schulen, Bücherei, Feuerwehr, Swimming Pool und ein Tierheim gibt.

Ach, die Touristenattraktionen, sagt Barbara Wills, die dem einstigen Bordell von Tombstone vorsteht, das sei doch nur ein Teil der Stadt, sozusagen die Einnahmequelle, aber nicht der Alltag. Die shoot-outs seien den Bewohnern recht egal, sie zum Beispiel lebe in Tombstone wegen der Ruhe und der Abwesenheit krimineller Elemente. Vorher habe sie in Mesa, in Phoenix gelebt und dort seien nachts immer Polizeihubschrauber gekreist.

Lange sah es so aus, als würde Tombstone eine weitere Geisterstadt im Wilden Westen werden. Die Earps waren geflohen und auch tot, die Silberminen des Landes ausgebeutet. Depression, Arbeitslosigkeit und Abwanderung folgten den glorious days . Erst durch Hollywoods Verfilmungen wurden Tombstone und die Earps in den fünfziger Jahren aus der Versenkung geholt. Darum nennt sich Tombstone The town too tough to die , die Stadt, die zum Sterben zu zäh ist .