Wussten Sie, dass...Leben wie Aussteiger in Frankreich

In Südfrankreich verließen viele Menschen ihre abgelegenen Siedlungen. Wussten Sie, dass ein deutscher Aussteiger das Dorf Bardou kaufte und zum Touristenziel machte? von Ralf Nestmeyer

Häuser im Dorf Bardou, das durch die Familie Erhardt neu belebt wurde

Häuser im Dorf Bardou, das durch die Familie Erhardt neu belebt wurde  |  © Elisabeth Erhardt Nolan

Die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren die große Zeit des Aufbruchs; Globetrotter und Hippies zogen durch die Welt , um ihren Traum von einem alternativen, ungebundenen Leben zu verwirklichen. Zum großen Tross der Aussteiger gehörten auch Klaus Erhardt und seine aus Amerika stammende Frau Jean. Zusammen mit ihren Kindern bereisten sie Europa und den Mittelmeerraum.

Doch im Gegensatz zu den vielen Blumenkindern, die dem Müßiggang frönten, suchten Klaus und Jean nach einem Ort fernab der großen Zentren, an dem sie mit ihren Kindern heimisch werden konnten. Irgendwann verschlug es sie nach Südfrankreich , in den Haut-Languedoc , wo sie den Bauern bei der Obsternte und Weinlese halfen.

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Frankreich war beliebt in jenen Jahren, die französische Lebenskultur galt als Gegenentwurf zum strebsamen deutschen Arbeitsethos. Der Existentialismus war in aller Munde, französische Autos genossen einen Kultstatus wie die legendäre Ente oder der Citroën DS mit seinem Haifischmaul.

Ralf Nestmeyer
Ralf Nestmeyer

Ralf Nestmeyer, geboren 1964, ist Historiker und lebt seit 1995 als freier Autor in Nürnberg. Er veröffentlichte Reiseführer und Texte zu Bildbänden und Sachbüchern. Zudem gab er literarische Anthologien über die Provence und Sizilien heraus. Seine Essays, Reportagen und Rezensionen erscheinen unter anderem in der Nürnberger Zeitung und den Nürnberger Nachrichten.

Durch Zufall entdeckten Klaus und Jean 1965 in einem Seitental des Jaur einen verlassenen Weiler namens Bardou . Sie verliebten sich sofort in diesen Ort: Hier wollten sie leben und arbeiten. Noch zwei Jahre vergingen, bis die Erhardts das am Ende eines engen Tals liegende Bergdorf samt mehreren hundert Hektar Land – mit Felsen, Bergweiden und Äcker, Eichen- und Kastanienwald – erwerben konnten. Erst mussten sie sich mit zwölf verschiedenen Besitzern oder Erbengemeinschaften arrangieren. Die Einheimischen schüttelten den Kopf, da sie nicht nachvollziehen konnten, warum jemand freiwillig auf Strom und andere Annehmlichkeiten des modernen Lebens verzichtete, um in dieser Einöde zu leben.

Ruinen werden renoviert

Skepsis schien durchaus angebracht: Das im 16. Jahrhundert gegründete Bardou war in den sechziger Jahren kaum mehr als ein Ruinenfeld; die aus groben, schlecht zugeschnittenen Steinen errichteten Häuser waren von Dornen und Hecken überwuchert und unbewohnbar. Dächer waren eingestürzt, kaputte Fenster und Türen gähnten wie dunkle Mäuler in den sonnigen Himmel des Midi.

Der Verfall des Dorfes hat, wie Klaus Erhardt erzählte, Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt: "Die einst knapp 100 Seelen zählende Bevölkerung nahm stark ab, da die Menschen in die Ebene abwanderten. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebten nur noch etwa 50, größtenteils alte Menschen in Bardou. Zwar wurde 1923 ein Wirtschaftsweg vom Tal nach Bardou angelegt, um die alten Maultierpfade zu ersetzen, doch der Niedergang ließ sich nicht aufhalten: Bis auf einen einzigen Mann war das Dorf zu Beginn der sechziger Jahre ausgestorben."

Leserkommentare
  1. ...rückblickend wohl eher ein schlauer Investor.

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    Von dem "Investment" kann man nicht leben. Nehme an, dass die Einnahmen durch Mieten eben die Instandhaltung decken. Ist wohl eher ein romantisches Abenteur. Aber sowas muss auch mal sein.

    die Investoren sind hier zu finden (ob schlau oder gierig sei dahingestellt)- war abzusehen und mal wieder tut keiner was (!!!):
    Bauernland in Investorenhand Gute Großgrundbesitzer

    Anleger kaufen verstärkt Äcker auf – oft in Ostdeutschland. Während die Agrarminister besorgt reagieren, kämpft der Ökolandbau mit massiv steigenden Pachten.
    Innerhalb von drei Jahren erhöhten sich die Durchschnittspreise für Ackerland in Ostdeutschland extrem: von 4.200 Euro (2007) auf 7.800 Euro (2010).

    Nicht nur in Afrika oder Lateinamerika ist der Aufkauf von landwirtschaftlichen Flächen durch Finanzinvestoren ein Problem. Auch hierzulande wächst das Interesse an Landkäufen, wie eine Studie des Bundeslandwirtschafts-ministeriums nahelegt. Insbesondere in Ostdeutschland werden landwirtschafts-fremde Käufer vorstellig. Die Nachfrage verteuert die Böden.

    • dacapo
    • 26. April 2012 8:38 Uhr

    Investor? Auch gut, so hat er sich und seiner Familie ein Auskommen geschaffen. Gewusst wie, kann ich da nur sagen.
    Aber - zuvor waren das Ehepaar mit Kindern Aussteiger. Solche Aussteiger gab es zu genüge, die dann später durch Investitionen, wie Sie es bezeichnen mögen, Einkommensmöglichkeiten geschaffen haben, mit dem sie zufrieden sein konnten. Nochmal: Gewusst wie. Phantasie ist im Leben gefragt und notwendig, dann kommt man auch nicht in die Lebenssituaution, zu nörgeln, besserzuwissern und zu jammern.

  2. Von dem "Investment" kann man nicht leben. Nehme an, dass die Einnahmen durch Mieten eben die Instandhaltung decken. Ist wohl eher ein romantisches Abenteur. Aber sowas muss auch mal sein.

    Antwort auf "Aussteiger?"
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    Ich möchte es durchaus auch als schlaues Investment bezeichnen, denn nicht jedes Investment muss auf den Erwerb materiellen Reichtums ausgerichtet sein.
    Die Familie hat sich mit dem Wiederaufbau des Dorfes einen bescheidenen, aber mit Erfolg umgesetzten Lebensinhalt gegeben. Sie haben etwas greifbares geschaffen auf das sie zurecht stolz sein können.
    Ist es nicht der Sinn des Aussteigens, nach einer Phase der Selbstfindung zum Umsteiger zu werden?
    Es waren sicher harte Jahre, aber ich wette auch sehr glückliche.
    Ein wirklich(!) schlaues und weitsichtiges Investment.

    MfG
    AoM

  3. ...denn irgendwie träumen ja viele von sowas, ich auch, ohne sich jemals an sowas ranzuwagen. Mich überfordert ja schon mein eigenen Haus finanziell und zeitlich :-)

    Viel Glück und Erfolg!

  4. über mutige "Pioniere"...

    Mal was anderes als der übliche "Mainstream-Journalismus"...

    Danke dafür...

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    • dacapo
    • 26. April 2012 8:30 Uhr

    Es könnte ja mal auch mal darüber nachgedacht werden, was man unter dem abgedroschenen Begriff "Mainstream" zu verstehen ist. Und - warum sollte gerade dieser Artikel nicht "Mainstream-Journalismus" sein? War Mainstream eigentlich schon das "Unwort" des Jahres?

  5. Ich möchte es durchaus auch als schlaues Investment bezeichnen, denn nicht jedes Investment muss auf den Erwerb materiellen Reichtums ausgerichtet sein.
    Die Familie hat sich mit dem Wiederaufbau des Dorfes einen bescheidenen, aber mit Erfolg umgesetzten Lebensinhalt gegeben. Sie haben etwas greifbares geschaffen auf das sie zurecht stolz sein können.
    Ist es nicht der Sinn des Aussteigens, nach einer Phase der Selbstfindung zum Umsteiger zu werden?
    Es waren sicher harte Jahre, aber ich wette auch sehr glückliche.
    Ein wirklich(!) schlaues und weitsichtiges Investment.

    MfG
    AoM

    Antwort auf "Glaube ich nicht."
  6. als bei uns in Deutschland "das Leben in Südfrankreich" als Alternative diskutiert wurde. Jemand erklärte den Unterschied zwischen hier und dort einmal so: "Wenn bei uns einer nichts anderes täte, als jeden Tag einen schweren Stein durch die Gegend zu rollen, würde man ihn verspotten und für verrückt erklären. Wenn das dort jemand täte, würden die anderen nur mit den Schultern zucken und sagen, daß der sicher seine Gründe dafür habe!" Das erschien uns damals als sehr verheißungsvoll!:)

  7. die Investoren sind hier zu finden (ob schlau oder gierig sei dahingestellt)- war abzusehen und mal wieder tut keiner was (!!!):
    Bauernland in Investorenhand Gute Großgrundbesitzer

    Anleger kaufen verstärkt Äcker auf – oft in Ostdeutschland. Während die Agrarminister besorgt reagieren, kämpft der Ökolandbau mit massiv steigenden Pachten.
    Innerhalb von drei Jahren erhöhten sich die Durchschnittspreise für Ackerland in Ostdeutschland extrem: von 4.200 Euro (2007) auf 7.800 Euro (2010).

    Nicht nur in Afrika oder Lateinamerika ist der Aufkauf von landwirtschaftlichen Flächen durch Finanzinvestoren ein Problem. Auch hierzulande wächst das Interesse an Landkäufen, wie eine Studie des Bundeslandwirtschafts-ministeriums nahelegt. Insbesondere in Ostdeutschland werden landwirtschafts-fremde Käufer vorstellig. Die Nachfrage verteuert die Böden.

    Antwort auf "Aussteiger?"
    • dacapo
    • 26. April 2012 8:30 Uhr

    Es könnte ja mal auch mal darüber nachgedacht werden, was man unter dem abgedroschenen Begriff "Mainstream" zu verstehen ist. Und - warum sollte gerade dieser Artikel nicht "Mainstream-Journalismus" sein? War Mainstream eigentlich schon das "Unwort" des Jahres?

    Antwort auf "Schöner Artikel...."

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