Bologna : Die Stadt des Aberglaubens

Die Italiener sind ein abergläubisches Volk, vor allem in Bologna. Fünf Beispiele, was sie tun, um Unglück zu vermeiden, Glück zu beschwören oder um Mut zu beweisen
Die Basilika San Petronio am Piazza Maggiore © Andreas Solaro/Getty Images

In  Bologna liegen Glück und Unglück, Altertümliches und Moderne nah beieinander. Wer sich an Regeln hält, kann sein Schicksal beeinflussen. Diese Geschichte erzählt, was Fußball mit Heiligen Jungfrauen zu tun hat, warum ein Turm den Studienabschluss verhindern kann und wieso die Villa Clara eine Facebook-Fanpage hat.

Heilige Jungfrau, lass uns nicht im Regen stehen!

In Bologna braucht man keinen Regenschirm. Da die Stadt rund 40 Kilometern an Arkaden bietet, bleiben die Bewohner meistens trocken, auch wenn es wie aus Kübeln schüttet. Im Sommer ist es angenehm kühl im Schatten der Bögen, und das Klack-Klack der Absätze hallt so wunderbar. Der längste Bogengang der Welt führt hoch zur San-Luca-Kirche . Dort blickt man über die Dächer der Stadt und ins Fußballstadion, das am Fuße des Hügels liegt. In der im 18. Jahrhundert erbauten Kapelle steht eine von Sagen umwobene Bildtafel, sie zeigt die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind.

Andrea ist Fan des FC Bologna . Als er neun Jahre alt war, nahm ihn sein Vater zum ersten Mal mit ins Stadion und erzählte ihm von der Legende von San Luca. Die Legende besagt Folgendes: Im Frühling des Jahres 1433 regnete es so heftig, dass die Ernte bedroht war. Also verordneten die Stadtherren die Bildtafel von San Luca vom Hügel herunterzuholen, kaum war die Madonna in der Stadt, ließ der Regen nach.

Seitdem wird der Brauch jedes Jahr wiederholt, immer am Samstag vor dem fünften Sonntag nach Ostern – 2012 ist das der 12. Mai. Für den Fall, dass es just an diesen Tagen regnen sollte, errichteten die Bolognesen die Weltrekord-Arkade. Knapp vier Kilometer ist der Gang lang, er besteht aus 666 Bögen – ausgerechnet 666! – und 15 Kapellen.

An all den anderen Tagen bleibt die Madonna in San Luca , was nicht heißt, dass sie dort ihre Ruhe hat. Denn wenn sie nicht zu den Stadtbewohnern kommt, dann kommen die zu ihr und zwar längst nicht mehr nur, um für weniger Regen zu beten. Vor einigen Jahren dankten die Spieler des FC Bologna für den knapp geglückten Klassenerhalt; später dann dafür, dass der Club nicht Pleite gegangen ist. "Keine Ahnung, ob es tatsächlich geholfen hat", sagt Andrea. "Aber es schweißt Mannschaft und Fans zusammen."

Studenten, überquert die Piazza nicht!

Den stärksten Aberglauben haben die Studenten in Bologna. 1088 wurde hier die erste Universität Europas gegründet, heute leben rund 100.000 angehende Akademiker in der Stadt, das ist mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Bolognas Studenten tun seltsame Dinge. Zum Beispiel weigern sie sich, die Piazza Maggiore, den größten Platz der Stadt, zu überqueren. Sie laufen lieber im Schatten Basilika San Petronio um die Piazza herum, als wären sie Vampire, die in der Sonne zu Staub zerfallen, als würde sich in der Mitte des Platzes Dantes Höllenschlund auftun.

Paolo ist kein Vampir . Paolo hat Politik studiert und er weiß, dass unter dem Platz nicht Dantes Inferno liegt, sondern ein Netz aus alten Wasserkanälen. Es ist schlicht der Aberglaube, der ihm das Überqueren verbietet, denn es heißt, wer das tut, den wird beim Studium das Unglück ereilen. Niemand weiß warum, doch man warnt davor von Studentengeneration zu Studentengeneration, wahrscheinlich schon seit 1088 – als noch nicht einmal Dante geboren war.

"Ich habe während meine Studienzeit die Piazza tatsächlich kein einziges Mal überquert" sagt Paolo. Und seinen Abschluss hat er tatsächlich in Rekordzeit geschafft.

Wehe den Studenten, die zu hoch hinaus wollen!

Im 12. Jahrhundert war Bologna die Stadt der Türme. Das Manhattan des Mittelalters. Scheinbar stecknadeldünn ragten sie in die Höhe – rund 180 sollen es gewesen sein, sie dienten wohl der Verteidigung, als Wohnanlagen mit Panoramablick oder als Kerker. Im Laufe der Jahrhunderte sind viele eingestürzt, gesprengt oder abgetragen worden.

Rund 20 Türme gibt es noch, der berühmteste davon ist der windschiefe Asinelli-Turm, der bis zum Bau des Stephansdoms in Wien als das höchste Gebäude Europas galt. 97 Meter misst er und es wirkt so, als könnte er beim sanftesten Windstoß zu Boden krachen.

Noch heute streiten sich Historiker über den Grund für den Turmbau zu Bologna, eines jedoch ist in der Stadt unumstritten: Wehe dem, der während seines Studiums die Spitze des Turms erklimmt, er wird, das ist gewiss, nie ein Diplom in den Händen halten.

Beim Asinelli-Turm handhabte Paolo es genauso wie bei der Piazza. Bloß nichts riskieren! "Aber nach dem Abschluss bin ich hoch", erzählt er. "Das konnte ich mir nicht entgehen lassen – diese Aussicht!"

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