Éric Valli"Als Tourist sieht man ein Land und seine Menschen wie durch eine Glasscheibe"

Der französische Fotograf und Autor Éric Valli ist zu Menschen gereist, die fernab der Zivilisation leben – mitten in den USA. Im Interview erzählt er, warum Reisen für ihn gleichbedeutend mit Entdecken ist. Von Sandra Rauch

Leben fernab der Industriegesellschaft

Leben fernab der Industriegesellschaft

Éric Valli, Jahrgang 1952, hat sich mit Fotografien, Büchern und Filmen über fremde Kulturen, vor allem der Himalaya-Region, einen Namen gemacht. Für sein Buch Leben in der Wildnis ist er dagegen in die USA gereist. Tief in den Wäldern des Mittleren Westens hat er Menschen getroffen, die mit der modernen Gesellschaft radikal gebrochen haben und stattdessen so unabhängig wie möglich ein einfaches, nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur führen.

ZEIT ONLINE: Herr Valli, die Recherche für Ihr Buch hat drei Jahre gedauert. Sie haben sich zu Menschen durchgeschlagen, die mitten in den USA fernab jeglicher Zivilisation leben. Warum war es Ihnen wichtig, diese Dokumentation zu machen?

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Éric Valli: Weil es mich fasziniert hat, dass es in der größten Industrienation der Welt Menschen gibt, die nicht nur über unseren überbordenden Ressourcenverbauch reden, sondern radikal handeln. Sie machen einfach nicht mehr mit, leben bewusst ohne Kreditkarte, ohne Internet-Zugang, ohne Elektrizität. Ich finde es spannend, in diesem nach unseren Maßstäben reichsten Land der Welt das Entstehen einer totalen Gegenbewegung mitzuerleben. Wir alle sehen derzeit eine große Erosion der gewohnten Qualität unseres Lebens. Das Interesse, das mein Buch und der Film über eine der Protagonisten erregt hat, zeigt, dass es eine moderne Sehnsucht nach einer Umkehr gibt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie diese Leute gefunden?

Valli: Man erreicht sie nur über persönliche Tipps. Einer stellt dich dem nächsten vor, bringt dich hin. Alleine hast du keine Chance. Es hat mich viel Zeit gekostet. Es gab abenteuerliche Fahrten durch mit Geröll verblockte Flussbetten, viele Male bin ich auch verloren gegangen. Aber auch wenn man sich verirrt, trifft man interessante Menschen mit interessanten Geschichten.

ZEIT ONLINE: Hat Sie die Begegnung mit den "Netzunabhängigen" verändert?

Valli: Natürlich. Das ist ein langer Prozess, der schon früher bei meinen Reisen ins Himalaya begonnen hat. Man stellt sich Fragen zum eigenen Lebensstil, wenn man heute in der Jurte sitzt und am nächsten Morgen in ein Flugzeug steigt.

ZEIT ONLINE: Sollten wir das Reisen lassen, weil es zu viele Ressourcen verbraucht?

Valli: Ich bin da hin- und hergerissen. Wir sollten weniger reisen, aber das ist schwierig umzusetzen. Wir machen es nicht, obwohl wir es tun sollten.

ZEIT ONLINE: Hat die Erfahrung dieses modernen, rastlosen Lebens Ihre Gesprächspartner dazu bewegt, ein bewusst langsames, einfaches Leben zu führen?

Valli: Das war für viele sicher ein wichtiger Grund. John, den ich den Trapper von der Wallstreet nenne, war früher ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Versicherungsbranche. Er war viel unterwegs, doch sein Geld, seine Arbeit, das alles wirkte für ihn zunehmend sinnlos. Lynx, die in einer Jurte lebt, war mit Anfang zwanzig Punkerin, die zwischen Amsterdam und London auf der Suche nach sich selbst war. Sie bezeichnet diese Zeit heute als selbstmörderisch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie während der Recherche die USA neu entdeckt? Sie schreiben von einer Reise in mehreren Dimensionen.

Valli: Ich habe ein komplett neues Land kennengelernt. Das war eine Reise in das Fly-Over-Country, die riesige Mitte der USA, über die jeder fliegt, die aber kaum jemand besucht. Es gibt dort viel Land, für das sich niemand interessiert und wo dieses freie, netzunabhängige Leben möglich ist. Einmal habe ich zum Beispiel in Idaho auf einem Hügel gestanden und rundherum, die ganzen 360 Grad, war nur Wald. Zusätzlich zu diesem geografischen Aspekt habe ich aber eine Art Zeitreise gemacht. Das Leben der "Netzunabhängigen" gleicht oft dem der Gründerväter der USA. Sie leben die berühmte Unabhängigkeit, die diese Nation groß gemacht hat.

Leserkommentare
  1. Natürlich geht es darum, so viel wie möglich zu leben, und nicht nur zu existieren. Aber da schleicht sich auch schnell so eine versteckte Arroganz ein, bei dieser Gegenüberstellung von 'leben' und 'existieren'. Und wie definiert man das eigentlich genau? Wo/wann lebe ich und wo/wann existiere ich nur?

    Auch das 'selbstmörderische' Leben der ehemaligen Punkerin hatte wohl seine Berechtigung, und war ja ihre eigene Wahl. Und es hat sie erst dahin gebracht, dass sie für sich Einfachheit, Natur und Ruhe zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht hat.

    Wie ist es, wenn ich Kinder habe? Spätestens dann mache ich mich doch auch sehr 'abhängig von den Umständen'. Heisst das dann, dass ich nicht mehr 'lebe'?

    Ich glaube, 'leben' ist in jedem Moment, und auch im sogenannten normalen Leben, möglich, und hat mit innerer Authentizität zu tun. Seine Grenzen ausloten, ins Wasser springen und schwimmen - das passiert uns 'Normalbürgern' auch (und zwar immer öfter zur Zeit, würde ich sagen).

    Nichtsdestotrotz macht der Beitrag Lust darauf, mehr über Monsieur Vallis Portraits und Geschichten zu erfahren. Danke also für diese kleinen Farbtupfer im zeit-online Einerlei.

    Und richtige Natur ist allemal eine authentische Erfahrung - inclusive all ihrer weniger angenehmen Seiten.

    2 Leserempfehlungen
  2. Habe mir die Bilder auf seiner webseite angesehen, sind wunderschön. Interessant sind in der Tat die nordamerikanischen Jäger und Sammler in ihren Fellen. Immerhin kommen sie noch ab und an mal in einen Supermarkt...

    • eeee
    • 04.05.2012 um 18:43 Uhr

    ein Sinfonieorchester bzw. dessen schmierige Nachahmung war nicht in den Wäldern von Idaho dabei.
    Aber der Realitätsschock wäre natürlich viel zu groß, gerade in einem Dokumentarfilm.

  3. Da würde ich doch dem ersten Kommentar zustimmen, dass wir wohl in der Regel "existieren" und zwischendurch "leben".

    Ohne das Erstere geht es nicht. Zu viel notwendige Arbeit ist einfach öde und langweilig.

    Wenn der edle Wilde auch mal in den Supermarkt geht, muss dort jemand sein Leben an der Kasse verbringen. Und wenn der edle Wilde an Blinddarmentzündung erkrankt, ist er schnell abhängig von der Krankenschwester, die ihr Leben in Nachtschichten verbringt. Und wenn der edle Wilde alt und gebrechlich wird, muss er einen jungen Wilden finden, der ihm die Moos- und Flechten-Windeln wechselt.

    Das "Aussteigen" ist und bleibt eine schöne romantische Vorstellung. Die man am besten nicht konsequent zu Ende denkt.

    2 Leserempfehlungen
    • rvn
    • 05.05.2012 um 2:14 Uhr

    Vorstellung, so zu leben. Ich habe oft darüber nachgedacht, alle Zelte abzubrechen, das normale, bequeme westliche Leben zu verlassen, und einfach genau so zu leben, wie die Protagonisten in der Dokumentation.

    Einfach nicht mehr versichert sein, eingebettet, eingewickelt, von Schergen von (bezahlten) Anwälten, Polizisten, etc. beschützt vor allem Möglichen zu sein. Einfach keine Lebenserwartung von 80 Jahren mehr zu haben, einfach nicht mehr einfach so zum Arzt gehen zu können, nicht mehr zu optimieren, nicht mehr ständig Einfluss zu nehmen, nicht mehr auf die Geldanlage zu glotzen, sondern einfach zu LEBEN.

    Das ist die Frage für uns Menschen, wie wir leben wollen. Ob wir Fortschritt wollen, oder nicht. Ob wir Menschen sein wollen, oder ob wir "Menschen + x" sein wollen. Ich denke, diese Sinnfrage immer wieder zu stellen und sich vor sich selbst zu rechtfertigen, und sein Leben zu ändern, wenn man nicht zufrieden ist, ist sehr wichtig.

    Dann brauchen wir auch nicht komplett auszusteigen, sondern können den Sinn auch hier im Westen noch finden.

    • wauzi
    • 05.05.2012 um 14:25 Uhr

    jedes leben, das nicht ausschließlich fremdbestimmt ist, nötigt mir respekt ab.
    viel zu schnell findet man sich mit gegebenheiten ab, ohne sie zu hinterfragen und nach einer alternative zu suchen.

  4. Ich hatte durch 'Zufall' - während der Reise hat mir dann eine Wiener Dame (zufällig...?) erklärt, dass mir der Zufall zugefallen ist - eine solche 'WegistdasZiel'-Reise machen dürfen.

    Viel improvisiert, eine Art tägliche Achterbahnfahrt.

    Mal übernachten im alten Berliner Osten bei Studenten, am
    nächsten Tag Hochzeit feiern dürfen in Potsdam, wo die 4-Mächte 1945 Deutschlands Schicksal beschlossen!
    Durch die Balkan-Länder, via Griechenland.
    In Ankara eingeladen bei der ersten Türkin, die den Himalaja
    bestieg.
    In Homs - genau, das... - eingeladen zu einem jährlichen Wiedersehensfest von christl. Auslandssyriern, in Aleppo in einer Absteige auf der Terasse unter freien Himmel auf zersessenen Sofas geschlafen - mit Aussicht auf's Sheraton...

    In Beirut - Zufall? - in der 1 Jahr zuvor von Israel zerschossenen muslimischen Altstadt unter Favela-ähnlichen ärmsten Zuständen eingeladen und zusammen Wasserpfeife geraucht, am nächsten Tag von der Hisbollah-Garden festgenommen und nach paar bangen Stunden wieder frei...In Jordanien eine Nacht in der Wüste im Sand geschlafen und am nächsten Tag in Amman im 5* Radisan zum Aperitif...

    Alles improvisiert, ausser dem Zufall: der war bestens organisiert!

    Es war eine Tour voller Momentaufnahmen, ungeplant, unvorhergesehen, vom Botschafter bis zum Steineklopfer in
    Aleppo und der anatolischen Bäuerin, die uns gerade gerntete
    Trauben anbot - ich würde es ERLEBEN nennen - im wahren Sinne des Wortes!

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