Ragusa in Italien: Barocke Pracht à la Siciliana
Ein Erdbeben im Jahre 1693 erwies sich für die Stadt Ragusa als Glücksfall: Beim Wiederaufbau wetteiferten alter und neuer Adel um die schönsten Barock-Fassaden.
Im Herzen der Altstadt von Ragusa, im Südosten Siziliens, erhebt sich eindrucksvoll die Fassade von San Giorgio. Die drei Geschosse der Kirche bilden einen Turm, wie man ihn ähnlich auch in anderen Orten dieser Gegend sehen kann. Aber im Unterschied zu den meisten dieser Bauwerke bildet der Turm der Georgskirche keinen flachen Prospekt, sondern einen Körper. Das war Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Kirche gebaut wurde, in Sizilien neu und richtungweisend. Zwischen den eingeschossigen Flügeln und sechs hintereinander gestaffelten Säulen wölbt sich die Fassade nach außen. Das Hauptportal folgt dem Bogen. Darüber erhebt sich der Turm. Er trägt ein offenes Glockengeschoss mit Balustrade und reich verziertem Helm.
Es ist aber nicht die Verzierung, nicht der Bauschmuck, der sich um das Hauptportal und das darüberliegende Fenster konzentriert, sondern die Architektur selbst, die hier mit großer Geste den Gesamteindruck beherrscht. Selbst die vier monumentalen Heiligenfiguren, die auf ausladenden Voluten den Turm links und rechts begleiten, ordnen sich dem Gerüst der Säulen sowie der architektonischen Glieder unter. Eine breite Freitreppe, die vom Platz zur Kirche hinaufführt, steigert ihre Wirkung noch. Die Turmfassade von San Giorgio in Ragusa gilt zu Recht als einer der Höhepunkte des sizilianischen Barock. Den Entwurf für das Bauwerk schuf der sizilianische Architekt Rosario Gagliardi, dessen Zeichnungen noch heute in der Sakristei der Kirche aufbewahrt werden.
Die Architektur des Barock hat ihren Ursprung in Rom. Die Päpste nutzten den Stil seit dem frühen 17. Jahrhundert, um damit ihre Macht zur Schau zu stellen. Zu den ersten barocken Bauwerken zählen die Fassade der römischen Kirche Santa Susanna und der Baldachin über dem Hauptaltar der Peterskirche. Im Barock fanden aber nicht nur politische Ambitionen und religiöse Vorstellungen ihren Ausdruck, sondern auch die spektakulären wissenschaftlichen Erkenntnisse, die seit dem frühen 17. Jahrhundert die Sicht der Menschen auf die Welt veränderten.
Barock als Architektur der Hauptstädte
Im 17. und 18. Jahrhundert, als Frankreich neben Österreich und Spanien zur absolutistisch regierten Großmacht aufstieg, avancierte der ausdrucksstarke Barock schnell zum repräsentativen Baustil der Hauptstädte und des europaweit vernetzten Adels. Zwar blieb Rom das künstlerische Zentrum des Barock, seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert entwickelten sich jedoch in ganz Europa regionale Formen dieser großen Architektursprache, die ihrerseits stilbildend wirkten.
In Sizilien, das seit 1504 als spanisches Vizekönigtum regiert wurde, war das politische Zentrum die Stadt Palermo. Sie war auch der Hauptort des sizilianischen Barock, einer schmuckfreudigen, gleichermaßen den römischen Vorbildern wie der eigenen Tradition verpflichteten Variante dieses Baustils. Es ist bemerkenswert, dass kein Italiener, sondern ein Engländer, nämlich der bedeutende Barockforscher Anthony Blunt, 1968 dem sizilianischen Barock als Erster eine eigene Publikation widmete, in der er dessen Besonderheiten herausstellte.
Modernisierung nach dem Erdbeben 1693
Die Städte im Südosten der Insel waren vom Barock noch kaum erreicht worden, als 1693 ein schweres Erdbeben diesen Teil der Insel verwüstete. Der Wiederaufbau führte zu einer durchgreifenden Modernisierung der beschädigten Stadtanlagen. In Catania, der alten Universitätsstadt am Ionischen Meer, und in vielen anderen Orten dieser Region entstanden nun an der Stelle mittelalterlich verwinkelter Gassen rechtwinklige Straßennetze und großzügig angelegte Plätze. Die Stadt Noto wurde gar an einem anderen Ort von Grund auf neu errichtet. Beflügelt durch das Streben nach möglichst großem Einfluss in der Stadt, versuchten viele Bauherren, sich beim Wiederaufbau gegenseitig zu über treffen, etwa der Bischof die Stadtregierung oder eine adelige Familie die andere.








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Zwei Anmerkungen zum Artikel:
1. Von der alten Stadt Ragusa blieb nach dem Erdbeben von 1693 nicht viel übrig. Die einstmals mit Stadtmauern burgartig ausgestattete Stadt auf dem inselartigen Felsen verdankt ihre Entstehung einer frühgeschichtlichen Besiedlung, auf die viele Felsengräber und Wohnhöhlen hinweisen. Ergiebige Karstquellen treten in unmittelbarere Nähe von Ibla zutage. Dieser Wasserreichtum wird noch heute von der Stadt Ragusa genutzt. Die Flüsse und Bäche haben auch einen großen Teil des Stadtbilds von Ragusa geprägt. Sie gruben bis zu 400 m tiefe Schluchten in den Felsenuntergrund, die die Stadt in mehrere Teile zerschneiden.
2. Ihre Bilder zeigen beide Ibla, einmal den Domplatz mit Dom San Giorgio und Ibla auf der Felseninsel.
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