Lieber noch Kind oder doch schon Geschäftsmann? In dieser Hinsicht ist Francesco Harusha opportunistisch. Er ist ein Teenager aus dem Dörfchen Thethi in den Bergen Nordalbaniens. Wuschelköpfig und breitbeinig steht er bei der Brücke über den Fluss Shala und stoppt jedes fremde Auto, das vorsichtig vom Schotter der Piste auf die einspurige Überfahrt zirkelt. "Camping?" ruft er ins offene Seitenfenster, ernst bemüht, neue Gäste zum Zeltplatz seiner Familie zu lotsen.

Der Zeltplatz ist eine Wiese mit kleinem Dusch- und Toilettenhäuschen. Als ein Besucher ein Mountainbike aus dem Innern seines Campingbusses zieht, strahlt Francesco. " Bicycle ", ruft er mit heller Stimme. Blitzschnell haben das Kind in ihm und die freundliche Neugier der albanischen Mentalität den coolen Geschäftsmann besiegt. "Kann ich bitte das Fahrrad ausleihen?", fragt Francesco. In Badelatschen steigt der Junge auf die Pedale, schaukelig manövriert er das für ihn viel zu große Gefährt über die holprige Dorfstraße.

Erst seit einigen Jahren gibt es hier markierte Wanderwege

Mountainbikes, Kletterschuhe oder gar eine Slackline besitzen für viele Kinder in den dünn besiedelten Bergen Nordalbaniens noch Seltenheitswert. Wer hier, in den Bjeshkët e Namuna , den "verwunschenen Bergen" im Dreiländereck zwischen Albanien , Montenegro und dem Kosovo , aufwächst, kennt keine TÜV-geprüften Spielplätze. Die Familien sind zum großen Teil Selbstversorger. Der nächste größere Ort ist Shkodër, drei Stunden Autofahrt auf einer unbefestigten Piste entfernt. Im Sommer wachsen Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln auf kleinen Feldern. In den Vorgärten der Gehöfte suhlen sich Schweine. Es gibt kein Krankenhaus, die Dorfschule wird für einige Monate im Jahr von einer britischen Nichtregierungsorganisation betrieben . Die Kinder helfen beim Heumachen, sie treiben Ziegen auf die Weide oder gehen schon als Halbwüchsige mit dem Gewehr zur Jagd.

Rund 60 Familien leben im Sommer in der Streusiedlung Thethi im oberen Shala-Tal, nur zehn von ihnen bleiben auch im Winter. Mächtige, mehr als 2000 Meter hohe Bergriesen aus hellem, verkarsteten Kalkstein umrahmen das Tal. An den Hängen wachsen Laub- und Nadelbäume, mehrere Quellen und der Fluss Shala liefern Wasser in Trinkwasserqualität. Keine Seilbahn erschließt die steilen Berge, erst seit ein paar Jahren gibt es einige markierte Wanderwege. Wer in dieser Gegend zelten will, stellt sein Zelt auf, wer fischen will, geht zum Fluss.

Diese fast paradiesische Unerschlossenheit der Natur lässt seit einigen Jahren Touristen in die nordalbanischen Berge reisen. Sie kommen trotz oder gerade wegen der Abgeschiedenheit der Region. Noch bewegen sich die Zahlen auf überschaubarem Niveau, doch der Trend geht deutlich nach oben: Kamen im Jahr 2006 nur 300 Besucher nach Thethi, waren es 2010 bereits 8.500 Touristen, 90 Prozent davon aus dem Ausland.

Vision des ökologischen Individual- und Wandertourismus

Mehr als 130 Fremdenbetten in Privathäusern gibt es mittlerweile in Thethi, eine Übernachtung mit üppiger Verpflegung kostet rund 20 Euro. Die Herbergen sind auf Initiative der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ( GIZ ) entstanden. Etwa 2.000 Euro Unterstützung hat jede Familie erhalten, die ihr Haus für Touristen modernisiert und zum Beispiel eine Toilette mit Spülung installiert hat. Das Ziel der GIZ ist ehrgeizig: Der Tourismus soll den Dorfbewohnern eine wirtschaftliche Perspektive geben und gleichzeitig die Unberührtheit der Natur bewahren. Die Vision ist nachhaltiger, ökologisch sinnvoller Fremdenverkehr, der auf die Nische der Individual- und Wanderurlauber setzt.

Vor allem Trekking-Wanderer und Offroad-Fahrer mit Camping-Fahrzeug oder Motorrad machen in Thethi Station. Aber auch Abenteurer und Extremsportler haben die nordalbanischen Alpen als Ziel entdeckt. Mitten in Europa gibt es hier noch alpinistisches Neuland: Dieser Umstand resultiert vor allem daraus, dass Albanien während der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas viele Jahre komplett von der Außenwelt abgeriegelt war. In den schroffen Bergen gibt es noch Felswände, durch die kein Mensch geklettert ist. Der 2.217 Meter hohe Berg Arapit, ein mächtiger Felsklotz am Talschluss von Thethi, bietet an seiner Südseite eine solche Wand. Der Fels ist senkrecht bis überhängend, auf einer Gesamthöhe von 800 Metern.

Das weckt die Abenteuerlust ausländischer Alpinisten. Schon früher haben sich am Arapit und an den umliegenden Gipfel Bergsteiger versucht. Die vermutlich erste alpinistische Expedition in die Berge um Thethi unternahm 1930 eine von Georg Heinsheimer aus Innsbruck geführte Gruppe. Die Österreicher trafen auf "nie bestiegene Berge, die für unsere Klettergelüste eine ganz gewaltige Verlockung bedeuteten", schreibt der Expeditionsteilnehmer Egon Hofmann später in einem Bericht für die Jahreszeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins.