Flughafen Berlin-BrandenburgDer Bumerangeffekt des Tempowahns

Die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens wird verschoben, das kostet Geld und Nerven. Auch bei Großprojekten sollte mehr Gelassenheit herrschen, kommentiert E. Runge. von 

Hier ist er doch, der Brandschutz des Flughafens Berlin Brandenburg (Archivbild vom 2. Mai 2012).

Hier ist er doch, der Brandschutz des Flughafens Berlin Brandenburg (Archivbild vom 2. Mai 2012).  |  © Tobias Schwarz/Reuters

Jeder, der ein Haus baut, weiß, dass es Probleme geben kann: mit der Lieferung des Materials, mit der Witterung, mit den Handwerkern. Jeder, der einen Flughafen baut, sollte das auch wissen.

Die Aufregung darüber, dass die Eröffnung des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg abermals verschoben wurde, ist deshalb vor allem eines: ermüdend. Denn es gibt genug Großprojekte, die in den vergangenen Jahren den ursprünglichen Zeit- und Kostenplan sprengten oder nach Jahren der Verzögerung gar nicht gebaut wurden: Stuttgart 21 zum Beispiel, die Hamburger Elbphilharmonie oder der Transrapid .

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Weshalb die Empörung, die nun herrscht, die Suche nach Schuldigen, die am besten gleich zurücktreten sollen, wie ein Theaterspiel erscheint, das man schon lange kennt. Das macht es auch unglaubwürdig, wenn Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit sagt: "So ein Ding nicht hinkriegen, dafür hat mir bislang die Fantasie nicht ausgereicht." Das ist keine Frage der Fantasie, sondern langjährige Erfahrung: Beim Bauen kann einiges schiefgehen.

Der moderne Mensch ist getrieben von Rekord- und Tempowahn und nicht zuletzt vom Rausch seiner eigenen Schöpfungsmacht. Letztere ist nur manchmal nicht so groß, wie wir's gerne hätten. Doch wenn nun künftig bei weiteren großen Bauvorhaben realistischere Pläne – sowohl für die Kosten als auch für die Projektzeit – angegeben würden, dann hätte das Desaster um den neuen Flughafen in Berlin zumindest etwas Gutes.

Zumal die verschobene Eröffnung des Flughafens klar macht, wie eng die Welt inzwischen vernetzt ist: Ein lokaler Fehler im Brandschutz hat globale Auswirkungen. Von "gewaltigen logistischen Problemen" ist die Rede, von eventuellen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe. Ganz zu schweigen von der Angst vor Prestigeverlust, den Berlin erleiden könnte. Da scheint mehr Ruhe und Sorgfalt als das ständige Schneller-schöner-besser geboten.

Gemessen an der durchschnittlichen Lebenszeit eines Menschen ist die Verschiebung einer Flughafeneröffnung um drei, neun oder zwölf Monate ohnehin ziemlich kurz. Es ist nicht lebensverändernd, ob Passagiere noch eine Weile länger nach Tegel oder nach Schönefeld fahren, um von dort zu fliegen. Es macht keinen Unterschied für die Touristenzahlen: Berlin ist auch so beliebt.

Deshalb empfiehlt sich auf die Geschichte des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg nur eine Reaktion: zu lachen. Weil die Angelegenheit humoristisch und peinlich zugleich ist. Und gelassen zu bleiben.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, da unsachlich und unterstellend. Die Redaktion/mak

  2. Klar ist´s pillepalle, ob Juni oder August, vorausgesetzt man legt NICHT Juni fest und lässt Flugsicherung, lokale Verkehrsträger und globale Fluggesellschaften, Reiseveranstalter, die gesamte Umzugslogistik der anderen Flughäfen usw. im Mai gegen die Wand laufen.

  3. Frau Runge hätte einen Auftrag für den Bau ihres Eigenheimes vergeben. Die erste Verzögerung um ein halbes Jahr, obwohl kurzfristig mitgeteilt nimmt sie gelassen. Sicherheitshalber fragt sie zwei Monate vor dem neuen Termin noch einmal nach "alles im Plan" versichern ihr die hochbezahlten Profis. Sie kündigt die alte Wohnung, bestellt verbindlich den Umzugswagen, meldet um, doch kurz vor dem Termin erfährt sie "dauert noch etwas, wie lange wisse man nicht und die Rechnung für die längere Bauzeit sei schon in der Post".
    Da lacht Frau Runge, nimmt es gelassen und schreibt zum Zeitvertreib putzige Artikel.

    Eine Leserempfehlung
    • keibe
    • 09. Mai 2012 21:11 Uhr

    angebracht wäre, vermiest es einem so manche Presse + Akteure:

    "Eröffnung verschoben: Wowereit und Platzeck "stinksauer"

    http://www.tagesspiegel.d...

    oder

    "BER: Die Versager von Schönefeld"

    http://www.berliner-kurie...

    Ich lache trotzdem und hoffe, das verstößt nicht gegen die Netiquette.

  4. Für soein Projekt muß schon ein angemessener Zeitpuffer eingeplant werden. Sicherheit geht vor Geld und dem Gehabe von Politikern.
    Wowereit wird nicht gleich sterben, wenn er seine Party und sein Schaulaufen später bekommt.

  5. die Notbremse gezogen. Ein Jahr oder vielleicht noch ein halbes Jahr vorher, da kann man sich noch drauf einstellen. Aber vier Wochen vorher? Und die Eröffnung eines Konzertsaals ist lange nicht so komplex wie der Umzug eines Flughafens (bzw. zweier Flughäfen).

    Grundsätzlich ist eine exakte Kosten- und Zeitplanung wünschenswert und vielleicht auch weniger Tempowahn, aber in diesem Fall ist das kein Argument. Hier ist es pure Schlamperei und jemand sollte dafür geradestehen.

    • rvn
    • 09. Mai 2012 23:13 Uhr

    Ich habe dummerweise genau Anfang August einen Flug von BER aus gebucht. Sch*** wars. Wie schade dass das Tempo zu hoch für die Berliner war, um ihren Flughafen fertig zu bekommen.

    Vielleicht hätten sie noch langsamer machen sollen? Noch schlampiger?

    Meine Airline hat ständig belegte Telefone der Hotline und beantwortet keine Mails.

    Sehr schön.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Verfallen Sie jetzt irgendwie in Panik, weil Sie von "BER" gebucht haben? Wären Sie denn von TXL oder SXF überhaupt nicht geflogen? Was genau ändert sich gravierendes, dass Sie jetzt sofort sich die Finger zur Hotline der Fluggesellschaft wundwählen müssten?

    (Ansonsten schließe ich mich vollumfänglich #7 fragfix' Auffassung an.)

  6. Nach dem Transrapid, Tollcollect, U-Bahn Koeln usw. ein weiteres Desaster in der Aussendarstellung der Deutschen Wirtschaft was Grossprojekte angeht. Schoen dass die Autorin dem "gelassen" gegenuebersteht und "Lachen" empfiehlt.

    Schoen dass die Redaktion Leute anstellt die bei Themen an denen Arbeitsplaetze und Wirtschaftsleistung haengen Raum gibt fuer "Lachen und Gelassenheit" und die "Peinlichkeit" witzig finden.

    Echter Qualitaetsjournalismus; wenn der naechste Flughafen von Auslaendischen Firmen gebaut werden wird, weil Fluglinien Deutschen ARGES kein Vertrauen mehr schenken findet das die Zeit dann auch ganz witzig!?.

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