Lübeck lag im Fokus von Literaten. Bekannte Meistererzähler von Gogol , Fontane über Dostojewski, Raabe, Kafka und Benn besuchten die alte Handelsstadt. Ein 26-jähriger Kopenhagener darf dabei nicht vergessen werden: Hans Christian Andersen . Wie er Lübeck wahrnahm, verrät einiges über den Charme der vielleicht schönsten deutschen Hansestadt.

1805 als Sohn eines verarmten Schuhflickers und einer alkoholkranken Wäscherin auf der dänischen Insel Fünen geboren, verließ der spätere Schriftstellerstar seine Heimatstadt Odense mit nur 14 Jahren, um als Schauspieler in Kopenhagen zu scheitern. Es sah nicht unbedingt danach aus, dass er eine steile Karriere einschlagen sollte – und für seine Kunst sogar von höchster Staatsstelle besoldet würde. Doch es geschah. Die harte, unterprivilegierte Kindheit verarbeitete er in seinen Geschichten, die oftmals ohne Happy End und ohne Zeigefingermoral auskommen.

Der keck-kritische Fabulierer erfand unter anderem Die Kleine Meerjungfrau und Die Prinzessin auf der Erbse ; ebenso stammen Des Kaisers neue Kleider (alle 1837) und Die Schneekönigin (1844) aus seiner Feder. In seinen Tagebüchern outet sich Andersen als Hypochonder, Legastheniker und zwanghaft, als einer, der nach dem Verlassen eines Raumes zweimal überprüfen musste, ob er die Kerzen wirklich gelöscht hatte. Auf Bahnhöfen erschien er Stunden vor der Abreise. Er schwamm gerne, was damals als seltsame Grille abgetan wurde, war Linkshänder und soll ein Seil in seinem Gepäck verwahrt haben, um sich bei einem Hotelbrand retten zu können. Andersens größte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Manchmal verfasste er vor dem Nachtschlaf einen Zettel. Darauf stand: "Ich bin nicht wirklich tot."

Trotz – oder gerade wegen – dieser mentalen Grenzlagen liebte es der Meistererzähler, unterwegs zu sein: zur Inspiration, als psycho-hygienische Maßnahme und zum Vergnügen. Am 16. Mai 1831 besuchte er im Stile eines Tagestouristen und per Dampfschiff von Kopenhagen aus die freie Reichs- und Hansestadt Lübeck. Seine Travefahrt beschreibt er im Tagebuch: "Um halb zwölf kamen wir nach Travemünde . (…) Wir konnten vor lauter Nebel nichts sehen, aber als wir hineinglitten, lag er hinter uns und meine erste Flußschiffahrt begann."

Lübeck florierte Anfang des 19. Jahrhunderts

Diese Flussschifffahrt schildert Andersen in seinen Umrissen einer Reise von Copenhagen nach dem Harze, der Sächsischen Schweiz und über Berlin zurück , einer 1839 in Berlin publizierten Reisebeschreibung: "Die Trave ward schmäler; das Dampfschiff schien ihr ganzes Bett ausfüllen zu wollen; bald sehen wir das siebentürmige Lübeck zwischen den Matten und dem Walde herauftauchen (…). Die vielen Biegungen veranlassen, dass man nicht recht weiß: ob man von oder zur Stadt fährt."

In den 1830er-Jahren erlebte das Seebad Lübeck seinen ersten Höhepunkt. Die Stadt erholte sich von der Fremdbesetzung durch die Franzosen – und florierte. Hans Christian Andersen, der auf seinen 30 groß angelegten Reisen, die ihn nach England , Italien , Frankreich, Spanien , Nordafrika und ins Osmanische Reich führten, auch gerne nach Deutschland kam, war von der authentischen Handelsstadt angetan.

In jener Reisebeschreibung heißt es: "Unter den spitzgiebeligen Häusern, engen Seitengässchen und unter den historischen Erinnerungen glaubt man sich hier um Jahrhunderte zurückversetzt; diese eckigen Gebäude, diese Steinbilder am Rathause, die gemalten Glasscheiben hier an der alten Kirche, an welcher wir vorbeigingen, sehen noch so aus, als könne Jorgen Wollenweber (…) ein kräftiges Wort mit dreinreden (…)." Jürgen Wullenwever war ein sehr populärer Volkstribun und zupackender Bürgermeister, der die Reformation in Lübeck einführte, Kaperfeldzüge gegen Holland und Dänemark befahl – und die Kritik an seiner Person unter Strafe stellte.