ZEIT ONLINE: Miss Lamé, was macht Clubbing in London heute aus?

Amy Lamé: Die Menschen gehen wieder mehr in Clubs aus, weil sie einen bestimmten Musikstil hören wollen. Es geht in der Hauptsache nicht mehr darum, jemanden für eine Nacht zu finden – obwohl das natürlich ein netter Bonus ist, wenn das passiert. Und weil das so ist, gibt es eine große Bandbreite an Musik in den Clubs.

ZEIT ONLINE: Nicht nur Techno oder Elektro?

Lamé: Sagen wir so, es gibt zwei Kategorien von Ausgehwütigen: Zum einen die Hardcore-Clubber, die stundenlang verpeilt tanzen, ob ihnen die Musik zusagt oder nicht. Und dann die Musikliebhaber, die wegen einer Musikrichtung oder Mischung ausgehen. Das gab es vor 20 Jahren nicht, als ich aus Amerika in London ankam. Mitte der neunziger Jahre wurde überall Handbag-House gespielt, jeder schluckte Ecstasy, wenn ich mal jemanden knutschen wollte, war mir klar, dass ich dafür beschissene Musik in Kauf nehmen musste.

ZEIT ONLINE: Ganz anders heute?

Lamé: Absolut. Die Menschen sind anspruchsvoller geworden. Ich gehe am Freitagabend zum Beispiel gerne auf eine Hetero-Party in einem Schwulenclub – zu The Good Foot in Madame JoJo’s . Das ist eine alte Stripperbar in Soho, vor Jahren gingen vor allem steinalte Transvestiten in den Laden, junge Stricher, Prostituierte und schleimige Geschäftsmänner. Es war ein Mischmasch der menschlichen Trümmer, für die Soho berühmt war. Mittlerweile hat sich das Publikum völlig gewandelt. Meine Freundin und ich mögen ganz unterschiedliche Musik, das ist eine der wenigen Nächte, wo wir beide glücklich auf der Tanzfläche stehen.

ZEIT ONLINE: Welche Musik kann man da hören?

Lamé:DJ Snowboy legt großartige Platten auf: Oldschool-R&B aus den sechziger Jahren für mich, Funk-Stücke aus den siebziger Jahren für meine Freundin, dazwischen alte Ska-Lieder und ein bisschen Rock ’n’ Roll. Ich kenne keinen Club, in dem 20-jährige Studenten in T-Shirts und Jeans dermaßen zu Musik ausflippen, die fast 50 Jahre alt ist.

ZEIT ONLINE: Am Samstagabend können Sie dafür nicht ausgehen.

Lamé: Stimmt, da findet unsere Party Duckie in der Vauxhall Tavern statt. Ich mag das Viertel Vauxhall südlich der Themse . Hinter dem Pub stehen Sozialbauten, vorne laufen Bahnschienen entlang, es besitzt viel Authentizität.

ZEIT ONLINE: Duckies ist inzwischen eine der beliebtesten Partys in London, auch weil sie eine offene Türpolitik für Homo- und Heterosexuelle forcieren.

Lamé: Nur hen parties – Junggesellinnenabschied – lassen wir nicht rein. Die ruinieren uns die Stimmung. Die Mädchen finden es total witzig, eine Nacht mit Schwulen zu tanzen. Auf der anderen Seite verbieten wir den schwulen Jungs ihre T-Shirts auszuziehen. Das ist für keine Frau schön, in der Höhe von Männerachseln zu tanzen, egal wie viel Zeit die Typen im Fitnessstudio verbracht haben. Wenn den Jungs heiß ist, sollen sie raus gehen. Dazu spielen wir alles von Dusty Springfield bis zu Elektro-Pop. Wegen der verrückten Mischung kommen die Leute.