UkraineDie Spielregeln des ukrainischen Fußballs
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Ideologie – oder Liebe zum Verein?

Die Macht des Geldes kann ich verstehen und nachvollziehen. Durch die Investition großer Summen in den einheimischen Fußball können die ukrainischen Klubs endlich erstklassige Legionäre kaufen, in den internationalen Wettbewerben mitspielen (und sogar gewinnen, wie es Schachtjor Donezk geschafft hat) und den Kampf um die Meisterschaft zu einem echten Drama machen, mit Siegestaumel und Enttäuschung. Natürlich wäre all das – die Stadien, die Legionäre, die westlichen Experten und die Sensationssiege über die großen europäischen Klubs – noch vor zehn, fünfzehn Jahren undenkbar gewesen. Der Fußball entwickelt sich offensichtlich nach seinen eigenen Regeln, und es ist töricht zu verlangen, der Fußball müsse den Vorstellungen von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit entsprechen, die man als Kind so hatte. Das leuchtet alles ein. Aber es überzeugt mich nicht.

Liebe oder Legionär?

Es gibt viele Dinge im ukrainischen Fußball wie auch in der ukrainischen Gesellschaft, die mir nicht gefallen. Es gefällt mir nicht, wenn Spiele gekauft und verkauft werden. Es gefällt mir nicht, dass in der Nationalmannschaft manchmal Fußballer auflaufen, die in ihrem Verein nicht zur Stammelf gehören. Es gefällt mir nicht, dass sich der Kampf um die Meisterschaft immer mehr zu einem Kampf der einen Geldsäcke gegen die anderen entwickelt. Die Übermacht der Legionäre und die schlechten Schiedsrichter gefallen mir nicht, ebenso wenig wie das unangemessene Verhalten der Nachwuchsspieler und die Fanschlachten, in denen es immer stärker um Ideologie und immer weniger um Leidenschaft für die eigene Mannschaft geht.

Denn alles ändert sich – die Mannschaftsaufstellung, die Trainer, die Besitzer, die politischen Kräfteverhältnisse –, aber der Klub bleibt. Und wenn du wirklich an deinem Verein hängst, unterstützt du ihn und machst dir nichts aus der Parteizugehörigkeit des Präsidenten und der Anzahl der Legionäre. Und wenn du ihn nicht unterstützt, heißt das, dass Fußball dich eigentlich gar nicht interessiert, und dann ist unser Gespräch auch schon zu Ende.

Hoffnungssaat einer Europameisterschaft

Und noch etwas. Die Ukraine ist heute wirklich im Fußballfieber. Natürlich hat das alles mit der EM zu tun, die viele Hoffnungen sät und die schon jetzt viele enttäuscht hat. Die Fans feiern die EM, die Funktionäre nutzen sie als Aushängeschild, Menschen, die mit Fußball scheinbar nichts zu tun haben, äußern sich dazu und geraten darüber in Streit. Wenn man den politischen Hintergrund beiseite lässt, der mit dem Fußball nichts zu tun hat, ist die Europameisterschaft für die Ukraine ein wirklich wichtiges Ereignis. Ob das Land diese Chance für die Entwicklung des einheimischen Fußballs und die Entwicklung des Sports insgesamt nutzen kann, ist eine andere Frage. Irgendetwas sagt mir, dass es am Ende doch wieder auf einen geplünderten Staatshaushalt und verspielte Chancen hinausläuft. So oder so ist Fieber auf Dauer ungesund. Jeder Boom geht vorbei. Und die EM wird sehr schnell vorbei sein. Und uns auf den Stadionrängen zurücklassen. Mit unseren Vereinen. Mit unseren Regeln.

Aus dem Russischen übersetzt von Claudia Dathe

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Leserkommentare
  1. schreibt, muss auch Dyvnamo Kiyiv schreiben.

  2. Hier eine nette Doku zum Thema Fußball in der Ukraine

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1367120/The-Other-Chelsea

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