Andere Künstler werfen nachts Videoprojektionen auf die Fassade eines Wohnsilos, das bald abgerissen werden soll, oder lassen wie der türkische Künstler Ahmet Ögüt ein gigantischen Heliumballon in Form von Magrittes schwebendem Felsen steigen – als Reminiszenz an die untergegangene linke Arbeiterkultur Gents. Und der Japaner Tazu Rous errichtet um die Spitze des Bahnhofsturms ein provisorisches Hotelzimmer, in dem man sogar wohnen und schlafen kann.

Neuer Zugang zur Stadt durch verborgene Orte

Sieben Jahre haben die Macher von Track die Ausstellung vorbereitet, die an zwei frühere Kunstprojekte in Gent 1986 und 2000 anknüpft und die sich in eine Reihe anderer Kulturmanifestationen in diesem Sommer in Flandern einbettet. Monatelang haben sie nach geeigneten, zum Teil verborgenen Orten gesucht, an denen die eingeladenen Künstler nun ihre Werke präsentieren. Die Ausstellung soll "einen neuen Zugang zur Stadt" ermöglichen, Anstoß geben zum Handeln und die Künstler in Dialog bringen mit den Bewohnern und Besuchern, sagen Philippe Van Cauteren, Direktor des städtischen Kunstmuseums SMAK , und die Kuratorin Mirjam Varadinis, die beiden Cheforganisatoren.

Gelungen ist dieser Dialog ganz sicher Massimo Bartolini, der wie andere der beteiligten Künstler auch auf der Documenta vertreten ist. Er hat im paradiesischen Weingarten einer aufgegebenen Abtei eine Freilichtbibliothek errichtet, in der Besucher in 30.000 Büchern stöbern und sie auch ausleihen können. Die Genter machen davon schon reichlich Gebrauch. Ob der Spanierin Lara Almarcegui Ähnliches gelingt? Sie hat auf einem brachliegenden Industriegelände 700 Kubikmeter Sand und Kies aufgeschüttet, als Ausdruck der umstehenden Bürogebäude der 1970er Jahre, die demnächst modernen Neubauten weichen müssen.

Wer genug von solchen Kulturanstößen hat, kann sich auch den weltbekannten Altar der Gebrüder Van Eyck in der Kirche St. Bavo anschauen und die Türme, die die Silhouette Gents bilden. Oder er kann einfach durch die verwinkelten Gassen der Altstadt mit ihren kleinen Geschäften und nachts beleuchteten Häusern streifen, in einem der vielen Bierlokale einkehren, in der die Spezialitäten belgischer Braukunst kredenzt werden, oder in einem der schicken neuen Restaurants auch anderes als die berüchtigten Fritten verzehren. Zum Beispiel vegetarische Spitzengerichte. Denn Gent rühmt sich auch, die "Veggie-Hauptstadt Europas" zu sein.

Nach einer Stunde legt Ip Man mit seinem Ruderkahn wieder an. Die Gäste verlassen, angefüllt mit vielen Eindrücken und Geschichten, das leicht schwankende Boot. Einmal im Jahr transportiert der belgische Chinese noch ganz andere Fracht. Dann wird ein Flügel auf seine Dschunke gehoben, über der Leie und den Kanälen erklingt quer durch die Altstadt klassische Musik. Gent ist für vielerlei Erlebnisse gut.