LwiwWalk on Lviv. The Discrete Charm of Freaking Out

Erst über den Friedhof, dann ausgiebig die richtige Kneipe suchen: Der ukrainische Autor Ljubko Deresch spaziert durch Lemberg und spricht über Drachen und Gnome.

Am Eingang des Kryjiwka wartet ein Türsteher in Uniform

Am Eingang des Kryjiwka wartet ein Türsteher in Uniform

"Wir haben einen netten Vorschlag für dich", sagt Kostja vom Fahrersitz seines Range Rovers zu mir. Kostja ist 35, wir sind in Lemberg, ukrainisch Lwiw, es regnet, alle feiern Ostern. Kostja ist Unternehmer, Geschäftsmann und spirituelle Person in einem, das ist eine neue Erscheinung, die man eher aus Kiew kennt. Kostja und seine Frau Olja sind eigentlich auch Kiewer. Nach Lemberg sind sie gekommen, um Ostern zu feiern, meine Familie hat sie zum Osterfrühstück eingeladen.

Kostja ist Hedonist und Mystiker, paradox irgendwie, nach dem überaus üppigen Frühstück bei meinen Eltern will er sich den Lytschakiwskij-Friedhof anschauen, nicht gerade der typische Ort für einen Osterspaziergang in der Stadt. Aber Christ ist erstanden und hat mit seinem Tod den Tod besiegt, und so begeben wir uns zum größten Lemberger Friedhof, um ihn zu erkunden. Der stadttypische Nebel macht unseren Spaziergang noch geheimnisvoller. Ab und an weise ich das Paar auf eine Grabplatte hin. Die meisten haben etwas mit den kabbalistischen Juden aus der K.u.k-Zeit zu tun. Das habe ich zumindest gehört. "Ein Eichenkreuz wurde für diejenigen errichtet, die nicht ordentlich ausgesegnet worden waren. Damit sie nicht zurückkehren", ich wiederhole, was mir eine Freundin erzählt hat. "Und ein achteckiger Obelisk wurde für Okkultisten gesetzt."

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Zu den auf dem Lytschakiwsker Friedhof Beigesetzten gehören unter anderem der bedeutende ukrainische Autor Iwan Franko, der berühmte Underground-Dichter der 1970er Jahre Hryzko Tschubaj, der Komponist Stanislaw Ljudkewytsch, aber an ihren Gräbern kommen wir nicht vorbei, dafür treffen wir immer häufiger auf Gräber von Leuten, die als Vampire, Zauberer und Magier gelten. Unter den ukrainischen Gräbern heben sich die Gräberreihen gefallener polnischer Soldaten ab. Sie sind mit frischen Kränzen und Blumen geschmückt und gut gepflegt.

Ljubko Deresch
Ljubko Deresch

geboren 1984, gilt als einer der wichtigsten ukrainischen Autoren der Gegenwart. Er wurde bekannt mit Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet (deutsch 2006). Zuletzt erschien auf Deutsch sein futuristischer Roman Intent! oder Die Spiegel des Todes (Suhrkamp Verlag, 2008).

In den letzten Jahren kommen mehr und mehr Polen zu Besuch nach Lemberg. So ist die Stadt an allen Ecken und Enden verschönert worden, die Innenstadt verfügt über ein paar Dutzend originelle Cafés und Restaurants mit ausgefallenem Interieur. Als wir genug zwischen den Gräbern herumspaziert sind, wollen wir einkehren und uns bei einem heißen Getränk aufwärmen. Unterwegs überlege ich, wohin ich die Gäste am besten führe. Vielleicht ins Kryjiwka (deutsch das Versteck) auf dem Markt? Es ist im Stil eines alten UPA-Verstecks aus der Zeit des ukrainischen Partisanenkampfes in den 1950er Jahren eingerichtet. Am Einlass zur Geheimtür muss man eine Parole sagen und einen doppelten Wodka trinken. Wenn sich der Wachmann davon überzeugt hat, dass keine Moskaugetreuen unter den Gästen sind, darf man hineinschlüpfen. Die Kneipe ist allerdings besser geeignet, wenn man mit einer lauten Truppe unterwegs ist und Spaß haben will.

Schriftsteller zur EM

Sechs Gegenwartsautoren aus der Ukraine und Polen schreiben in ihren Essays über die Austragungsstädte der Europameisterschaft, ihr Verhältnis zum Fußball und das Fan-Sein.

Dorota Masłowska: Warschaus Seejungfer zückt die gelbe Karte
Serhij Zhadan: Die Spielregeln des ukrainischen Fußballs
Andrej Kurkow: Polit-Touristen, kommt nach Charkiw!
Oksana Sabuschko: Die Stadt an sich!
Joanna Bator: Der Mantel
Ljubko Deresch: Auf der Jagd nach touristischer Extravaganz

Nach einem Spaziergang über den Lytschakiwskyj-Friedhof suchen wir eher ein ruhiges Plätzchen, wo wir bei einem gemächlichen Plausch die Seele baumeln lassen können. Wir könnten am Kryjiwka vorbei im selben Eingang zwei Treppen höher steigen und im Masony (deutsch Freimaurer) einkehren. Der Türsteher, der an einen verschrobenen Bewohner eines Mietshauses erinnert, testet gleichfalls das Reaktionsvermögen der Gäste. Wenn Sie bei der Frage "Zu wem wollen Sie?" nicht gleich die Nerven verlieren und den Verrückten davon überzeugen können, dass Sie ins Masony wollen, öffnet er ihnen die Tür eines unscheinbaren Schranks, und Sie finden sich im abgefahrensten Restaurant von Lemberg wieder. Die Wände ziert okkulte Symbolik, und wenn Sie nicht über einen Geheimrabatt verfügen, fallen die Preise fallen genauso hoch aus wie in einer Wirtschaft auf dem Kiewer Chreschtschatyk oder an der Berliner Friedrichstraße. Allerdings sind meine Freunde ja extra nach Lemberg gekommen, um ihre Geldbörse zu schonen, und ich habe keinen Rabatt.

Dann erwäge ich Odynytschka (deutsch die Eins) an der Boim-Kapelle, ein Künstlercafé, der Kaffee und die Snacks sind gut, aber die Auswahl an warmen Gerichten ist miserabel, oder doch die Hasowa Lampa (deutsch die Gaslaterne) in der Wirmenska-Straße, der Kultort der ersten Lemberger Erdölförderer? Das Restaurant geht über mehrere Etagen und verbindet klassische Literatur mit Hardrock, ist aber meistens ziemlich laut. In der letzten Zeit ist es bei jungen Leuten beliebt, man kann dort gut essen, aber wir suchen ja ein ruhiges Eckchen.

Leserkommentare
  1. habe eine Großteil der beschriebenen "Erlebnis"-Cafes und Restaurants besucht. Sie sind recht originell und bemerkenswert, eine Art gastronomisches Disneyland auf höherem Niveau. Ich kenne das aus keinem anderen Ort. Allerdings haftet dem Ganzen etwas Künstliches an.
    Dazu paßt das Gerücht, daß alle Restaurants demselben Besitzer gehören. Weiß der Autor näheres darüber?

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