Der Lektor der amerikanischen Ausgabe meines Romans Museum der vergessenen Geheimnisse (deutsch 2010) schlug mir unlängst vor, dem Buch einen Stadtplan Kiews und seiner Umgebung mit jenen Orten beizufügen, an denen die Handlung des Romans spielt. Dies quasi in Anlehnung an den Nachrichtenstil im Format einer CNN-Reportage über ein exotisches Land: Die "GPS-Position", damit der Leser sich besser zurechtfindet... Das ließe sich wahrscheinlich mit der Spezifik des amerikanischen Buchmarkts erklären, auf dem jeder übersetzte Roman – ganz gleich ob aus Kiew, Paris oder Peking – an und für sich ein Kuriosum darstellt, wenn, ja wenn es mir nicht auch innerhalb der EU-Grenzen, gerade mal ein bis zwei Flugstunden von zu Hause entfernt, bereits mehr als einmal passiert wäre, dass sonst gut belesene Gesprächspartner Kiew ebenfalls nicht richtig lokalisieren können ("irgendwo da im Osten") und es mit einer einzigen Erinnerung aus dem Fernsehen assoziieren: mit dem orangefarbenen Menschenmeer auf dem Unabhängigkeitsplatz im Herbst 2004. Und das ist dann noch der günstigere Fall.

Die blinden Männer und der Elefant

Die fehlende kulturelle Präsenz kommt einer Nicht-Existenz gleich. Wenn bei der Erwähnung einer bestimmten Stadt nicht wenigstens ein halbes Dutzend kultureller Impressionen (Panoramen, Gemälde, Melodien, bekannte Namen, historische Geschichten ...) wie Kerzen an einem Weihnachtsbaum aufflammen, ist es schwer eine solche Stadt als eine der ältesten europäischen Hauptstädte wahrzunehmen – selbst wenn es sich de facto um eine solche handelt. Dafür lässt sich nach Belieben über eine "verlorene Stadt" schwadronieren und bis hin zu fantastischsten Hirngespinsten fabulieren, wie man sie in mittelalterlichen Reisebeschreibungen über die weißen Flecken auf der Landkarte findet, "wo die Löwen hausen".

Es ist paradox, denn wie jede "ewige Stadt" – die für immer war und deren Countdown mit den Jahrestagen von den ersten schriftlichen Erwähnungen (gegen Ende der Sowjetunion hielt man das Jahr 482 für so einen Endpunkt – gegenwärtig wird auch dieses Datum in Frage gestellt) zu gegenwärtigen Namen führt – eröffnet auch Kiew jedem, der will, unzählige Möglichkeiten es je nach eigener Perspektive wahrzunehmen, wie in dem Gleichnis "Die blinden Männer und der Elefant": Einmal wird die Realität des Elefanten als Säulen-Fuß, als Rüssel-Schlange, dann als Trommel-Bauch oder Schwanz-Seil verstanden, man braucht nur die Wikipedia-Artikel zu Kiew in verschiedenen Sprachen zu lesen, um herzhaft über diesen Streit der "blinden Männer" zu lachen.

Die historiographischen Schichten der Stadt

Für die einen existiert nur das Kiew der imperialen russischen Historiographie (obwohl die russische Garnison dort erst im Lauf des 18. Jahrhunderts stationiert wurde und es bis 1870 außer der russischen Kolonialverwaltung kaum russische Zivilisten dort gab, die eigentliche Russifizierung Kiews begann mit der Industrialisierung). Für einen anderen ist Kiew vor allem das Erbe von Byzanz, das Zentrum des orthodoxen Christentums (auch das existiert und hat sich ungeachtet des Stalinschen Terrors in den 1930er Jahren gegenüber der unbotmäßigen Stadt erhalten, auch wenn über dreihundert alte Kirchen gesprengt wurden und sich das architektonische Gesicht der Stadt auf immer änderte). Wieder für andere ist es die Stadt der polnischen Kirchen (von fünfhundert Jahren polnischer Präsenz ließen die Bolschewiken freilich nicht viel übrig, doch sie völlig auszuradieren war unmöglich!), und dann ist es auch noch die Stadt des "Kiewer Jugendstils", aus dem schließlich zu großen Teilen die ukrainische und russische Avantgarde der 1920er Jahre hervorging, einschließlich der Kiewer Kasimir Malewitsch, Alexandra Exter und Alexandr Archipenko.

Außerdem ist Kiew noch die Stadt des Magdeburger Rechts und der "orthodoxen Reformation" (auch sie findet man noch, die Reste des sogenannten Mazepa-Barocks, und die Kiewer Mohyla-Akademie, die einzige frühmoderne Universität, die auf der Grundlage einer orthodoxen Schule aufgebaut wurde und die wie zu Gogols Zeiten von der Energie der niedrigen, "demokratischen" Schicht der Stadt angesteckt ist – die Geschichte, wie der Rektor der Akademie 1991 den ursprünglichen historischen Gebäudekomplex in einer Schachpartie gegen den Leiter der hier zu Sowjetzeiten untergebrachten Militärschule gewann, entspricht ganz und gar diesem Gogolschen Geist ...).

Topographische Geheimnisse des jüdischen Kiews

Darüber hinaus kann man – auch außerhalb der Friedhöfe – noch das jüdische Kiew finden, das hier ebenso seine tausendjährigen Wurzeln hat, die im letzten Jahrhundert abwechselnd von Stalin, dann von Hitler, und dann wieder vom Sowjetregime vernichtet wurden, woran ich mich bereits erinnere, wie der genius loci der ehemaligen jüdischen Viertel zusammen mit den nun über die Welt zerstreuten Bewohnern vertrieben wurde und man das verfolgte Jiddisch endgültig von der Sprachkarte der Stadt ausradierte – doch wenn man einen Begleiter findet, der in die topographischen Geheimnisse der alten Kiewer Architektur eingeweiht ist und die Sprache der hundertmal umgebauten Gebäude zu lesen versteht, dann kann man noch den Puls der Kultur des ukrainischen Judentums erspüren, aus dem Golda Meir und Scholom-Alejchom hervorgegangen sind, bevor man vor ganz und gar vor Babyn Jar und den Gulags erstarrt ...