UkrainePolit-Touristen, kommt nach Charkiw!

Downgrade einer Stadt: Charkiw ist schon oft aufgestiegen und wieder gefallen, nicht nur im Fußball. Trotz anhaltender Russifizierung spricht die Jugend Englisch. von Andrej Kurkow

Lenin-Statue am Platz der Freiheit im ukrainischen Charkiw

Lenin-Statue am Platz der Freiheit im ukrainischen Charkiw  |  © Christopher Lee/Getty Images

Vor gut zweihundert Jahren gründete man in der Provinzstadt Charkow eine kleine Universität. Mit ihr wurde die Stadt immer "klüger" und begann sich rasant zu entwickeln. Nach der Revolution von 1917, – Charkow war zuerst in der Realität und dann erst auf der Weltkarte des frisch gegründeten Sowjetstaates aufgetaucht –, wurde Charkow zur Hauptstadt der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik. Und wieder brummte die Stadt nur so vor Leben: man sprach, las und schrieb auf Ukrainisch; neue Theater tauchten auf, eine Literaturszene entstand; und auch die Wissenschaft blühte und gedieh.

Die Stadt hatte offensichtlich Spaß an der Architektur, denn sie ist bis heute für ihre kühnen konstruktivistischen Gebäude berühmt. Das bekannteste von ihnen ist das Gosprom -Gebäude , das sich über den größten Platz Europas erhebt, den Platz der Freiheit. Er hieß früher Lenin-Platz, denn in der Mitte dieses riesigen asphaltierten "Feldes" steht ein Lenin-Denkmal.

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Die Emigration der Intelligenz

Seit der Zeit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine wurde Charkow, das Hauptzentrum der ukrainischen Wissenschaft, um einiges weniger wissenschaftlich: Hunderte, wenn nicht Tausende von Professoren und Lehrbeauftragten der Charkower Hochschulen sind in alle Welt emigriert und unterrichten jetzt in den Universitäten von Europa, USA , Japan und Israel . Die wissenschaftlichen Aktivitäten wurden abgelöst durch politische Aktionen und so entstand Ende der neunziger Jahre in Charkow die mächtige politische Partei Narodnaja demokratitscheskaja partija mit Jewgenij Kuschnarjew an der Spitze. Er wurde Gouverneur und hatte keine schlechten Chancen, eines Tages die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen.

Andrej Kurkow
Andrej Kurkow

Andrej Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren. Seit seiner Kindheit lebt er in Kiew, der Hauptstadt der heutigen Ukraine. Er schreibt auf Russisch. Ein Welterfolg wurde sein Roman Picknick auf dem Eis (deutsch 1999). Zuletzt erschien auf Deutsch sein Roman Der Gärtner von Otschakow (Diogenes Verlag, 2012).

Doch ausgerechnet vor den Präsidentschaftswahlen des Jahres 2004 – genau die, die später zum Anlass für die Orange Revolution wurden –, begab sich dieser herausragende Politiker mit seinen Freunden und Kollegen auf die Jagd. Und dort ereignete sich dann der "klassische Jagdunfall" – er wurde erschossen. Die offizielle Version lautete "unglücklicher Zufall", doch an diese Version glaubte wohl kaum jemand. Als nun dieser bemerkenswerte Politiker namens Jewgenij Kuschnarjew von der Bildfläche verschwand – er war übrigens der ideologische und dabei sehr gebildete Gegenkandidat von Viktor Juschtschenko , der in eben diesem Jahr Präsident der Ukraine wurde –, verschwand mit Kuschnarjew auch seine mächtige Partei. Und mit ihr verschwand ebenso sang- und klanglos das leidenschaftliche politische Leben in Charkow. Seit dieser noch gar nicht so lange verflossenen Zeit, sind die "abwartenden" Blicke der ukrainischen Bürgerinnen und Bürger auf das Industrie-Gebiet von Donetzk gerichtet, denn ein Vertreter dieser Region – weniger "wissenschaftlich", dafür aber etwas reicher als sein Vorgänger – wurde der nächste Präsident des Landes.

Neues Touristenzentrum?

Für die Fußball-Europameisterschaften wurde Charkow ein bisschen aufgepeppt: Man hat ein modernes Stadion gebaut und es wurden Hotels und Restaurants neu eröffnet. Es sah ganz so aus, als brauche man nun bloß noch auf die feierliche Eröffnung zu warten. Aber dann stellte sich heraus, dass die ersten "Touristen" vor der Europameisterschaft gar keine Fußball-Fans waren. Zuerst brachte man die verhaftete Julija Timoschenko ins Gefängnis von Katschanowka, das bei Charkow liegt. Nach ihr bevölkerten ihre Fans die Region; danach ausländische Politiker, die mit ihr ein Treffen beantragten und von der ukrainischen Regierung oder der Gefängnisverwaltung dafür keine Genehmigung erhielten. Heute, wo das Dorf Katschanowka weltberühmt ist, wäre es langsam an der Zeit, daraus ein neues internationales Tourismuszentrum zu machen. Dann allerdings müsste man auch das Gefängnis zum Museum erheben, samt einer "Gedenk-Zelle" an dem Ort, an dem die von der Regierung Janukowitsch hinter Gitter gebrachte Führerin der Opposition gelitten hat.

Charkiw

1,5 Millionen Menschen leben in Charkiw (russisch: Charkow), der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Gegründet hat den Ort der russische Zar Alexei I. 1654, in jenem Jahr, als der Moskauer Monarch die aufständischen ukrainischen Kosaken unterwarf. In dem Spannungsfeld zwischen russischer Herrschaft und ukrainischem Freiheitsdrang behielt in Charkiw meist die Moskauer Macht die Oberhand – nicht immer zum Nachteil der Bevölkerung. 1805 gründete Zar Alexander I. hier die älteste Universität der Ukraine.

Die Sowjets entwickelten Charkiw zur Wirtschaftsmetropole, in der vor allem Traktoren und der berühmte Weltkriegspanzer T-34 entwickelt und gefertigt wurden. Heute gilt Charkiw trotz seiner weiterhin starken Industriestruktur als liberale Universitätsstadt und intellektuelles Zentrum der Ostukraine. Besucher sollten sich den riesigen Freiheitsplatz anschauen und anschließend zum Kontrast durch die gemütliche Café- und Einkaufsstraße Puschkinska bummeln.

Das Stadion

Das EM-Stadion ist Liga-Spielstätte des ukrainischen Spitzenclubs FK Metalist Charkiw. Die Arena fasst knapp 40.000 Zuschauer und ist Austragungsort von drei Vorrundenspielen der Gruppe B (Niederlande- Dänemark, Niederlande- Deutschland, Portugal-Niederlande). Die Anhänger der holländischen Mannschaft wollen Charkiw mit ihrer berühmten Fankarawane ansteuern und dort ein Oranje-Camp errichten.

Doch die Geschichte rückt sowieso alles wieder an seinen angestammten Platz. Und sie beginnt bereits jetzt damit. Bloß, dass das Ergebnis für die Ukraine nicht besonders tröstlich ist: Niemand möchte den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch treffen. Dabei würde der sich über jeden Besuch von Kollegen herzlich freuen. Doch alle rennen nur zur Gefängniszelle von Julia Timoschenko ... Dutzende von Präsidenten und Premierministern haben den Boykott der Fußball-Europameisterschaft erklärt. Der Kapitän der spanischen Nationalmannschaft hat sogar angekündigt, im Falle des Einzugs seiner Mannschaft ins Finale, würden sie sich weigern, auf ukrainischem Boden zu spielen und die Austragung des Endspiels in Polen verlangen.

Leserkommentare
    • keibe
    • 26. Juni 2012 21:13 Uhr

    als ich etwa las:

    "Für die Fußball-Europameisterschaften wurde Charkow ein bisschen aufgepeppt"

    Nicht in diesem Artikel, sondern als ich zur Kenntnis nahm, dass die deutsche Nationalmannschaft dort aufspielte. Vier Schlachten gab es im 2. Weltkrieg um diese Stadt

    http://de.wikipedia.org/w...

    ... eine schlimmer als die andere.

    Dass dieses keine Erwähnung fand und auch in diesem Artikel nicht findet, dass Deutschland frisch, fröhlich, frei dort aufspielte/aufspielen konnte, zeigt zum einen ein wenig Geschichtsvergessenheit. Zum anderen mag man es auch so deuten, dass viel Gras über die Wunden von einst auf Ukrainischer Seite gewachsen ist.

    • Abyr
    • 27. Juni 2012 17:09 Uhr

    Die Behauptung des Authors, dass Kharkòw russifiziert worden ist, ist schlichtweg eine Lüge. Wie der Author bereits darlegte, wurde die Stadt vom russischen Zaren Alexander II gegründet - mit dem Namen Kharkòw. Aktuelle Schreibweise Kharkiw ist eine künstlich ukrainisierte Version desselben.

    Nur am Rande sei erwähnt, dass rund ein Drittel der Stadtbevölkerung ethnische Russen sind.

    Der Author stellt weiterhin fest, dass Kharkòw eine Hochburg der Wissenschaft, Kultur und Industrie in der Ukraine war und weiterhin ist. Es stellt sich somit die Frage, ob diese Bereiche, wie der Author unterschwellig angedeutet hat, ebenfalls russifiziert worden sind. Dies ist eindeutig zu verneinen, denn ein Wissenschafts-Ukrainisch hat es nie gegeben. Die Sache mit der Kultur ist etwas komplizierter, dennoch lässt es sich festhalten, dass es bis in die 1850-er Jahre keine schriftliche ukrainische Sprache gegeben hat und diese somit lediglich einen regionalen Dialekt darstellte. Dann kamen "Aufklärer" aus dem benachbarten Ausland mit der Idee, dass Ukrainer doch sich von den Russen unterscheiden würden. So begann die Suche der (einigen wenigen) ukrainischen Intellektuellen nach nationaler Identität. Man hat die Sprache wie ein Lego-Bausatz erschaffen - alles was zu russisch klang, wurde künstlich polanisiert, sogar Deutsch musste zum Einsatz kommen.
    So viel zum Thema Russifizierung, Herr Author.

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