Pfarrer SchroedelKatholisch in Kairo

Weniger Touristen, mehr politischer Islam: Ägypten ändert sich seit der Revolution. Mitten in Kairo schafft der deutsche Pfarrer Joachim Schroedel eine Insel der Ruhe. von 

Weihnachtsmesse in der St Paul-Kathedrale in Kairo (Archivbild)

Weihnachtsmesse in der St Paul-Kathedrale in Kairo (Archivbild)  |  © Nasser Nuri/Reuters

Nur wenige Minuten entfernt vom Tahrir-Platz mitten in Kairo befindet sich die kleine Kapelle der St. Markus-Gemeinde. "Könnte auch in Deutschland sein, oder?" fragt Joachim Schroedel lächelnd. Der Pfarrer und Seelsorger der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Ägypten schiebt die Gebetsbücher in Reih' und Glied, die auf den hölzernen Kirchenbänken ausliegen. "Bitte die Türe leise schließen", steht auf einem Schild im Flur. In der Kapelle deutet nichts darauf hin, dass man sich mitten in der Hauptstadt eines der größten Länder der muslimischen Welt befindet.

Rund 25.000 römisch-katholische Christen leben in Ägypten, etwa 4.000 davon sind Ägypter, die überwiegende Mehrheit Ausländer. Die etwa 5.000 deutschsprachigen unter ihnen finden ihren Haltepunkt bei Joachim Schroedel und seinen Mitstreitern: Gemeinsam mit etwa 30 Schwestern des Ordens der Borromäerinnen und tatkräftig unterstützt von dem Theologen Dr. Frank van der Velden ist der charismatische Schroedel so etwas wie das deutsche katholische Herz Kairos. "Menschen, die weit entfernt von ihrer Heimat leben, suchen oft bewusst nach dem Vertrauten", sagt Schroedel, ein groß gewachsener und dynamischer Mann.

Anzeige

Die Deutsche Bischofskonferenz entsandte den Pfarrer und Seelsorger 1995 nach Nordafrika. In Kairo ist Schroedel schlicht als Abouna Joachim bekannt – Abouna, unser Vater, ist die übliche Bezeichnung für Pfarrer in arabischen Ländern. Mehr als die Hälfte seines Berufslebens hat Schroedel im Nahen Osten verbracht. Der Pfarrer spricht fließend Arabisch. Nicht nur die St. Markus-Gemeinde in Ägypten betreut er: Auch die rund 10.000 deutschsprachigen Christen in Syrien , Jordanien , im Libanon, auf Zypern , in Israel , Palästina , im Sudan und in Eritrea besucht Schroedel immer wieder. Er ist viel unterwegs in der Region – doch sein Lebensmittelpunkt ist Kairo.

"Der Alltag hier kann anstrengend sein", sagt er, "gerade in bewegten Zeiten suchen die hier lebenden Ausländer nach einer Art Insel in der Fremde, auf der sie Kraft schöpfen können." Kairo ist immer in Bewegung – auch nach dem Amtsantritt des Muslimbruders Mohammed Mursi, der erste frei gewählte Präsident Ägyptens . Ob es die politische Lage ist, die sich derzeit im Stundentakt ändern kann, oder ob es die stetigen Behinderungen im Verkehrsnetz der Millionenmetropole sind: Das Leben in Kairo ist eine Herausforderung.

"Geht raus, lernt Ägypten kennen!"

Schroedel nimmt diese Herausforderung gerne an. Auch die deutschen Christen in Kairo lädt er ein, ihr neues Zuhause und dessen religiöse Landschaft besser kennenzulernen. "Wir wollen eben nicht nur eine Insel mitten in Kairo sein, auf der sich die deutschen Katholiken vom Rest der Gesellschaft abschotten", sagt der Geistliche. Eine wesentliche Aufgabe der St. Markus-Gemeinde sei es, eine Brückenfunktion zu schaffen: "Geht raus, lernt Ägypten kennen", das ist der Appell des Pfarrers an die deutschen Christen im Land.

Daher organisiert die St. Markus-Gemeinde regelmäßig Spaziergänge durch jene Gegenden der Stadt, in die Ausländer eher selten reisen, wie etwa in die sogenannte Totenstadt im Osten Kairos. Auf einem Friedhof haben sich hier Familien aus ärmeren Schichten häuslich eingerichtet – die Totenstadt ist ein Resultat der Wohnungsnot in der stetig wachsenden Metropole Kairo. "Auch das ist ein Teil Ägyptens. Wer hier lebt, der sollte so viel möglich über das Land wissen", sagt Monsignore Schroedel. Auch Touristen können an den Spaziergängen teilnehmen.

Joachim Schroedel, Pfarrer und Seelsorger der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Ägypten

Joachim Schroedel, Pfarrer und Seelsorger der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Ägypten  |  © Katharina Pfannkuch

Ägypten muss derzeit Verluste im Tourismus hinnehmen, einer der wichtigsten Einnahmequellen des Landes: Um mehr als 30 Prozent sind die Gästezahlen 2011, dem Jahr des Arabischen Frühlings, zurückgegangen. Wie sich die Wahl Mursis auf die Reiselust der Touristen auswirken wird, ist noch ungewiss.

Doch in Kairo, der Stadt der tausend Minarette, erlebt der politische Islam nicht erst seit dem Sturz des Diktators Mubarak einen Aufschwung. "Die islamische Religion wird seit Jahren sichtbarer in den Straßen Kairos. In der aktuellen wirtschaftlichen Situation gewinnt sie gerade für junge Menschen an Bedeutung", sagt Schroedel. Er betont jedoch, er habe in den mehr als 17 Jahren, die er in Kairo verbracht hat, von keiner Seite Feindseligkeiten gegen seinen Glaubens erlebt: "Ich war jeden Tag bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz dabei – selbstverständlich in meiner Kluft." Lächelnd deutet der Pfarrer auf seine schwarze Soutane, dem Gewand katholischer Geistlicher. "Ich wurde immer herzlich aufgenommen und wir alle haben gemeinsam unsere Stimme gegen das Mubarak-Regime erhoben."

Leserkommentare
  1. Die sehr alte Hochkultur findet ihren Kreis, na bitte, da war ja auch was mit Moses. Agypten hat ja auch mal ein wenig Ruhe verdient, wenn das die Katholische Kirche an einen Hort schaft, dann kann ich das nur begrüßen. Das Land wurde ja seid ewigkeiten Ausgebeutet, was man so gelesen, hat, wieviel Gelder da reingeflossen sind, und nichts ist unten angekommen. Kann man nur wünschen das dies nicht im gleichen Maße, mit dem vorspielen falscher Tatsachen, weiter so geht.

  2. von soviel toleranz innerhalb der bevölkerung träumen die nicht-kölner auch....

    naja, geschickt-subtile überschrift jedenfalls. wirkt als wäre die ursache für die ruhe auf theologischer ebene zu suchen, nicht auf vorschriftlicher.....

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Kairo | Ausländer | Ägypten | Minarett | Nordafrika
Service