"Komm, lass uns eine Full-Moon-Party veranstalten", ruft Oscar seinem Freund Christian zu, der keine zwei Meter neben ihm auf dem Sofa liegt. Christian lacht nur und nickt. Heute ist kein Vollmond, aber das interessiert die beiden nicht. Oscar hat den Rechner hochgefahren und beginnt einen Flyer zu entwerfen, wie man ihn jeder Disco finden könnte: Regenbogenfarben, mit einem kitschigen Mond und Buchstaben, die aussehen, als würden sie schon tanzen.

Christian und Oscar wohnen in Boquete , einem kleinen Dorf im Hochland von Panama . Es ist umgeben von weiten Kaffeefeldern und Bäumen, die so überwuchert sind mit Bromelien und anderen Orchideen, dass man sie kaum noch als Bäume bezeichnen mag, eher als eine pflanzliche Vielehe. Hinter dem Dorf erhebt sich der mächtige Vulkan Barú , knapp 3.500 Meter hoch. Seine Spitze hängt oft in den Wolken, doch sollte man es schaffen, ihn an einem klaren Tag zu erklimmen, dann könnte man von dort oben aus den Pazifischen Ozean und die Karibische See erblicken. Denn Panama hat beides: Über dem einen Meer geht sie Sonne auf, um im anderen wieder zu versinken.

"Auf den Vulkan laufe ich nur für viel Geld", sagt Christian. Der 26-jährige Deutsche kam vor 15 Jahren mit seiner Mutter in das kleine Dorf. Heute betreibt sie ein Hotel und er zeigt den Touristen die Umgebung. "Der Vulkan ist schön, aber der Marsch da hoch ist viel zu anstrengend an einem Tag wie heute." Heute ist das Wetter wechselhaft: Wenn die Sonne sich zeigt, ist es innerhalb von Minuten unglaublich heiß. Genauso schnell verschwindet sie auch wieder hinter einer dichten Wolkendecke und Regen prasselt herunter. Heute träumt Christian lieber von einer Full-Moon-Party , ohne Vollmond.

Gestein wie graue Knetmasse, nur härter

Auf dem Tisch liegt eine Zeitung, auf dem Cover ist das Bild eines jungen Mannes mit braungebranntem muskulösem Oberkörper, der auf einem Felsvorsprung sitzt. "Das ist mein Kumpel Cezar", sagt Christian. "Der kann klettern wie eine Spinne." Und das versucht Cezar auch anderen beizubringen. Rund um Boquete gibt es wunderschöne Basaltformationen: Diese Gesteine sehen aus wie sechseckige Stränge von grauer Knetmasse, die jemand in der Landschaft hat liegen lassen, und die von der Natur erobert worden sind.

Cezar klettert darin herum, ohne Seil und Sicherung hangelt er sich von Stein zu Stein, von Vorsprung zu Vorsprung. Zwischendurch macht er einen Handstand, streckt sich seitlich von der Wand weg. Er scheint der Schwerkraft entkommen zu sein. Es sieht so einfach aus, doch kaum hängt man selber in der Wand, sieht man die Lücken vor lauter Steinen nicht, weiß man nicht, wo man hingreifen soll, spürt man, wie die Arme müde werden. Cezar hilft. "Beweg dich mehr nach links" ruft er, oder "Du musst mehr mit den Beinen arbeiten." Doch langsam versengt die Sonne den Kopf, bilden sich Blasen an den Händen, beginnen die Finger zu verkrampfen.

Künstlich-überaltert und abenteuerlustig-jung

Oscar arbeitet noch immer an seinem Flyer. "Schau mal", sagt er, "wie findest du das? Jetzt müssen wir ihn nur noch drucken lassen." Oscar will unbedingt eine Party veranstalten, denn in Boquete ist nach Sonnenuntergang nicht mehr viel los. Die Stadt ist bekannt für Kaffee und seine Orchideen – beides kann man nur im Sitzen genießen und interessiert allenfalls die amerikanischen Rentner, die hier ihren Altersruhesitz haben. Davon gibt es jede Menge, denn das Klima in Boquete ist nahezu perfekt. Das ganze Jahr über herrscht angenehm warmes T-Shirt-Wetter und die Luftfeuchtigkeit ist nicht so hoch wie im Flachland. Hinzu kommt, dass Panama ein sehr preisgünstiges Gesundheitssystem hat. In Panama-Stadt gibt es wöchentliche Werbeveranstaltungen für die Rentner der Babyboomer-Generation. So wird aus Boquete eine künstlich-überalterte Stadt.

Dabei hat Boquete vor allem etwas für die abenteuerlustige junge Generation zu bieten: Neben Klettern, auch Rafting oder Zip Lining , so nennt man es, wenn man sich entlang Drahtseilen über Schluchten schwingt – eine Seilbahn für Erwachsene.

"Ich habe eine Weile für eine Raftingfirma gearbeitet", sagt Oscar, während er in der kleinen Küche in Christians Hütte steht und Nudeln kocht. Auf dem Rechner leuchtet noch immer der Flyer für die Party, aber keiner hat Lust in den Kopierladen zu laufen, um ihn drucken zu lassen. "Es gibt viele Flüsse rund um Boquete – und jeder kann raften gehen", sagt er. Das weiß ich bereits, ich trage noch den Sonnenbrand auf der Nase von meinem Ausflug auf dem Fluss am Tag zuvor.