Los AngelesDie Chinesen verlassen Chinatown

Neon, Disney, Exotik: Die Chinatown in Los Angeles ist beliebt bei Hollywood-Filmern und Galeristen. Nicht alle alten Chinesen begrüßen das. von 

Das Café Via in Chinatown, Los Angeles (Archivfoto)

Das Café Via in Chinatown, Los Angeles (Archivfoto)  |  © David McNew/Getty Images

Guanyin, die chinesische Göttin der Liebe und des Mitgefühls, stand immer schon hier, in dem bonbonfarbenen Haus mit dem Pagodendach und den beiden Löwenhunden. Seit 1938, als Chinatown, Los Angeles , errichtet wurde. Die weiße Statue lächelt im Tor eines Andenkenladens; sie steht in einer Schale mit immergrünen Blättern. "Früher war hier mal eine Disko", sagt Jody. Und zuvor war in dem Haus ein Restaurant, wie fast überall in Chinatown.

Das war die große Zeit im Zweiten Weltkrieg, als Hunderttausende G. I.s in Los Angeles darauf warteten, nach Japan geschickt zu werden und sich vorher noch mal amüsieren wollten. In Chinatown. Das ist vorbei; nur Guanyin , die Göttin der Liebe und des Mitgefühls, ist geblieben. Und die beiden Löwenhunde aus weißen Marmor, die Foo Dogs , Schutzhunde. "Sie treten immer als Paar auf", erklärt Jody. "Der weibliche Hund hält ein Junges unter ihrer Pfote, das sie beschützt, und der männliche Hund stellt seine Pfote auf die Erdkugel."

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Jody ist Filmscout, sie sucht Drehorte für Hollywood-Produktionen, und dabei hat sie Guanyin entdeckt – und Chinatown. Das ist zehn Jahre her. Sie hat sich in das Viertel verliebt: "Ich finde es wunderbar, frühmorgens hier zu sein, wenn die kleinen, alten Frauen ihre Tai-Chi-Übungen machen und es nach frischem Gebäck riecht." Wir treffen uns bei Hop Louie, einem Restaurant in einem Türmchen, ebenfalls mit Pagodendach. Es liegt nahe der Central Plaza mit der Statue von Sun Yat Sen , dem Vater des modernen China , dem Glücksbrunnen, in den Touristen Münzen werfen, dem blauen Drachen an einer Hauswand, der eine Perle jagt, und einem von als Kunstaktion aufgestellten rotem Klavier. Walter, der hier immer zu Mittag isst, kommt uns entgegen. Er ist einer der wenigen, der sich noch erinnern kann, wie Chinatown 1938 eine einzige riesige Baustelle war. Er hat damals, als kleiner Junge, im Familiengeschäft geholfen. Heute ist er mit einer "englischen Kriegsbraut" verheiratet und betreibt den Laden Phoenix Imports gleich gegenüber.

Ein Hollywood-Architekt entwickelte Chinatown

Wir bestellen Shrimps mit Cashew, Huhn süß-sauer und Brotstückchen mit einer Sauce aus Senf und Chili, und dann muss Jody erst einmal telefonieren. Sie kommt von einem Dreh in Chinatown, wo die Anwohner ihre Autos umparken mussten, und eines davon wurde abgeschleppt. Weil der Besitzer kein Englisch spricht, versucht sie herauszufinden, wo es geblieben ist.

Chinatown und Hollywood waren einander von Anfang an verbunden. Einige der Architekten, die für Hollywood Filmsets gebaut haben, hatten damals auch das Design für Chinatown entwickelt, angelehnt an das alte Shanghai. Das halbe Dutzend chinesische Familien, das um die Central Plaza herum baute, bekam sogar ein Stück Filmkulisse geschenkt, von dem Regisseur Cecil B. DeMille . "Die Chinesen wollten damals, dass das bisschen nach Hollywood aussieht, viel Neon, fast wie Disney, weil das für die Touristen damals exotisch war", sagt Jody

Und Hollywood kam immer wieder. Eine Szene von Chinatown mit Jack Nicholson wurde hier gedreht, auch Rush Hour und Lethal Weapon oder TV-Serien wie Beverly Hills 90210 und Melrose Place . Jody zeigt auf eine Gasse mit Eisengittern und steilen Treppen entlang der rückwärtigen Fassaden, wo Wäsche weht. "Hier wurde schon oft gedreht", sagt sie. "So was gibt es sonst nirgends in L.A." Und im Grand Star Nachtclub tauchen heute noch Hollywoodgrößen auf. "Tom Cruise war schon mal hier", erzählt Lalo, der Kellner. "Und Charles Bronson."

Die ältesten Häuser kommen aus dem Elsass

Die beide Hauptachsen von Chinatown sind die North Hill Street und der Broadway. Der zieht sich von der Ord Street, wo die Phoenix Inn liegt, vorbei an der Central Plaza und der Phoenix Bakery, die für ihre Sahnetorten berühmt ist, bis zur Chinese Historical Society, die an der Bernard Street liegt, in zwei Häuschen von 1886 und 1888. Dies sind die ältesten Häuser in der Gegend, sie wurden von Einwanderern aus dem Elsass gebaut.

Am Broadway und der North Hill Street sind Geschäfte wie Saigon Plaza und das Dynasty Center, mit Kleidung, aber auch Ginseng und getrockneten Pilze, sowie Gaststätten wie das (oft ausgebuchte) Ocean Seafood Restaurant.

Leserkommentare
  1. .
    ... mit zunehmenden Unterschieden zwischen den Klassen zunimmt, da üblicherweise Geschmack und Geld, Inspiration und Investition, Luxus und Lebendigkeit nicht zusammen vorkommen, weshalb der Geldige stets auf der Suche nach dem "echten", dem "authentischen" ist, weil's in seiner gated community halt einfach nur öde ist.

    Das gilt natürlich für Chinatown ebenso wie für Venice, Brooklyn, Harlem, Prenzlauer Berg, das Schanzenviertel und Untersendling.

    Erst wohnen die Lebendigen da, wo's billig ist und der Bär steppt, dann kommt der Geldmob und kooft das Leben tot.

    Sic transit gloria mundi oder so ähnlich.

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  • Schlagworte Sony | Broadway | China | Feng Shui | Hollywood | Jack Nicholson
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