Wussten Sie, dass...Der letzte Tag des "Duce"

Der italienische Diktator Benito Mussolini wurde am Comer See von der italienischen Widerstandsbewegung exekutiert. Noch heute erinnern dort ein Kreuz und Blumen an ihn. von Eberhard Fohrer

Uferpromenade am Comer See

Uferpromenade am Comer See  |  CC BY-ND 2.0 Riccardo T.

Über Jahrhunderte waren die stillen Ufer des Comer See ein Refugium der Reichen und Schöngeistigen Europas. Prächtige Villen mit opulenten Parkanlagen signalisieren die lange Präsenz von Geldadel, Prominenz und Politik. Heute gehören die Uferstraßen Urlauberautos und Rennradlern und die Blumenpromenaden den Spaziergängern. Dass es hier zu epochalen Ereignissen kam, vermutet wohl kaum jemand, der hier seinen Kaffee trinkt.

Und doch – vom unscheinbaren Örtchen Mezzegra etwa in der Mitte des Westufers führt eine schmale Straße hinauf nach Giulino di Mezzegra, an der Durchgangsstraße weist ein braunes Schild Fatto Storico – Historical Sight den Weg. Nach etwa 300 Metern erblickt man rechts neben der Straße ein Kreuz, oft mit frischen Blumen besteckt. Hier, vor der Villa Belmonte, sollen am Nachmittag des 28. April 1945 Benito Mussolini und seine Geliebte Clara Petacci vom Partisanen Walter Audisio erschossen worden sein: "Ich schoss fünf Kugeln auf Mussolini, der auf die Knie fiel, während sein Kopf auf die Brust sank. Dann war die Petacci dran. Gerechtigkeit war getan."

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Die Vorgeschichte: Im Frühjahr 1945 zeichnet sich die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten deutlich ab. Mussolini, der von den Nazis am Gardasee als Führer der Marionettenregierung der faschistischen "Italienischen Sozialrepublik" – der sogenannten Republik von Salò – eingesetzt ist, verhandelt mit den Partisanen über eine Kapitulation seiner Regierung. Die Verhandlungen scheitern und Mussolini versucht, angetan mit einer deutschen Offiziersuniform, in einer langen Lastwagenkolonne am Comer See entlang in die nahe Schweiz zu entkommen.

Eberhard Fohrer
Eberhard Fohrer

Jahrgang 1952, studierte Germanistik und Geschichte, wandte sich aber gleich nach dem Staatsexamen dem Reisejournalismus zu. In den ersten Jahren nach der Gründung des Michael Müller Verlags war Fohrer nicht nur Autor, sondern auch Lektor und Layouter. Mittlerweile arbeitet er seit über dreißig Jahren als hauptberuflicher Reisebuchautor. Seine Bücher sind Bestseller und sein Reiseführer zu Kreta gilt unter Griechenlandkennern als "Kreta-Bibel".

Am 27. April 1945 wird der 61-Jährige bei einer Straßensperre südlich des Straßentunnels von Musso durch die kommunistische Partisanenbrigade Giuseppe Garibaldi entdeckt. Man inhaftiert ihn im Palazzo Comunale von Dongo und erschießt ihn, seine 33-jährige Verlobte und weitere Begleiter einen Tag später ohne wirkliche Gerichtsverhandlung. Fotos der Wagenkolonne sind heute im Museum von Dongo zu sehen.

Die obige Darstellung der Exekution war bis Ende der neunziger Jahre Teil der offiziellen Geschichts­schreibung. Doch dann widerlegte sie eine Augenzeugin – nachdem sie jahrzehntelang anonym davor gewarnt worden war, über den tatsächlichen Vorgang zu sprechen. Nach ihrer Aussage wurde Mussolini nämlich bereits vormittags im Hof des Bauernhauses der Familie De Maria erschossen. Täter war vermutlich Luigi Longo, ein führender Politiker der kommunistischen Partei Italiens (KPI) und später ihr Generalsekretär.

Clara Petacci wurde wahrscheinlich vergewaltigt, bevor man sie in den Rücken schoss. Indiz dafür sind unter anderem ihre dokumentierten Hilfeschreie sowie die Tatsache, dass sie unter ihrem Kleid nackt war. Die beiden Leichen wurden dann vor die Villa Belmonte geschleift, wo nochmals von vorn auf die Toten geschossen wurde, um eine "ehrenwerte" Hinrichtung durch den "richtigen Mann" vorzutäuschen.

Audisio war nämlich Verbindungsmann zur Kampftruppe des gesamten italienischen Widerstands (Re­sistenza). So konnte die von den Kommunisten eigenmächtig durchgeführte Erschießung – die im Übrigen gegen eine eindeutige Absprache mit den Alliierten verstieß, welche Mussolini vor Gericht stellen wollten – als eine Aktion der gesamten Resistenza hingestellt werden. Nebenbei kehrte man die Vergewaltigung Clara Petaccis unter den Tisch.

Am 29. April werden die beiden Leichen auf dem Piazzale Loreto in Mailand an den Füßen aufgehängt und öffentlich zur Schau gestellt. Ein Priester erbarmte sich vorher und bindet das Kleid der nackten Toten zusammen. Seltsame Kongruenz der Ereignisse – nur einen Tag später begeht Adolf Hitler Selbstmord im Führerbunker in Berlin.

Der Leichnam des "Duce" wird in Mailand anonym beerdigt, doch Faschisten graben ihn aus und verstecken ihn. Jahre später wird Benito Mussolini in seiner Familiengruft im Apennin-Städtchen Predappio beigesetzt, wo er 1883 geboren worden war. Bis heute ist das Grab Treffpunkt italienischer Faschisten.

Erschienen im Michael Müller Verlag
 

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Leserkommentare
    • hladik
    • 01. August 2012 10:37 Uhr

    Soweit ich weiss, war diese "Kongruenz" nicht so seltsam: Es waren gerade die Berichte ueber das Ende von Mussolini und seiner Maetresse, die Hitler zu dem Entschluss brachten, sich (und Braun) auf keinen Fall lebend gefangennehmen zu lassen und den Siegern auch keine Leichen zu hinterlassen.

    Und auch bei Goebbels ist dieser Ansatz ja nur an Benzinmangel gescheitert.

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    • TomFynn
    • 01. August 2012 18:48 Uhr

    "Er brennt nicht!"

  1. ...dass Macht eigentlich immer auf unlauterem Verhalten gegründet ist. In schlimmen Zeiten mehr (wie hier) bis hin zu Mord und Vergewaltigung, in weniger schlimmen Zeiten (wie heute) auf Korruption, Vetternwirtschaft, krummen Geschäften etc.

    Der Mechanismus ist immer derselbe. Je je mächtiger die Person, umso mehr Dreck am Stecken. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  2. Sitzt nicht auch Mussolinis neo-faschistische Enkelin im italienischen Parlament? Ist doch noch anstößiger, oder?

    Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

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    • pfodi
    • 01. August 2012 14:27 Uhr

    Sie war Mitglied des europäischen Parlaments und ist aktuell im italienischen Parlament:

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://www.europarl.europ...

    http://nuovo.camera.it/29...

    • okrim83
    • 01. August 2012 13:39 Uhr

    Auf jeden Fall ist es anstoessiger, Max View. Und was ich als Italiener noch widerlicher finde, ist dass sie auch ganz oft zu Talk-Shows eingeladen wird. Jedesmal ist ihr Benehmen frech und besserwisserisch: Familientradition. Man muss auch in Betracht ziehen, dass einige Rechtspolitiker in Italien noch den Hitlergruss gemacht haben. Einer von diesen war die Ex Ministerin Brambilla bei einer Propagandarede vor zwei Jahren gerade in Como (Lombardia). Natuerlich ist sie nicht zurueckgetreten.

  3. ...warum wurde sie eigentlich erschossen ?

    Hatte sie irgenwelche Titel oder eine Stellung innerhalb des Regimes inne, die das rechtfertigen würde ?

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    • hladik
    • 01. August 2012 16:38 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • pfodi
    • 01. August 2012 14:27 Uhr

    Sie war Mitglied des europäischen Parlaments und ist aktuell im italienischen Parlament:

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://www.europarl.europ...

    http://nuovo.camera.it/29...

    Antwort auf "Enkelin"
    • Tiroler
    • 01. August 2012 16:08 Uhr

    Man sollte vielleicht noch hinzufügen, dass Mussolini seine erste Frau Ida Dalser umbringen ließ, damit er Rachele Guidi ("Donna Rachele") auch kirchlich heiraten konnte. Clara Petacci war seine Geliebte, aber Mussolini fand nichts dabei, Ehefrau und Geliebte mit Dutzenden weiterer Frauen zu betrügen. Auch die katholische Kirche fand nichts dabei, und heute werden für das Seelenheil des Diktators Messen gelesen. Die arme Petacci war sonst eher harmlos, aber damals sind in Italien viele harmlose Frauen wegen "Kollaboration" mit dem deutschen oder italienischen Feind umgebracht worden.

    • hladik
    • 01. August 2012 16:38 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf " Clara Petacci..."

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