Uferpromenade am Comer See

Über Jahrhunderte waren die stillen Ufer des Comer See ein Refugium der Reichen und Schöngeistigen Europas. Prächtige Villen mit opulenten Parkanlagen signalisieren die lange Präsenz von Geldadel, Prominenz und Politik. Heute gehören die Uferstraßen Urlauberautos und Rennradlern und die Blumenpromenaden den Spaziergängern. Dass es hier zu epochalen Ereignissen kam, vermutet wohl kaum jemand, der hier seinen Kaffee trinkt.

Und doch – vom unscheinbaren Örtchen Mezzegra etwa in der Mitte des Westufers führt eine schmale Straße hinauf nach Giulino di Mezzegra, an der Durchgangsstraße weist ein braunes Schild Fatto Storico – Historical Sight den Weg. Nach etwa 300 Metern erblickt man rechts neben der Straße ein Kreuz, oft mit frischen Blumen besteckt. Hier, vor der Villa Belmonte, sollen am Nachmittag des 28. April 1945 Benito Mussolini und seine Geliebte Clara Petacci vom Partisanen Walter Audisio erschossen worden sein: "Ich schoss fünf Kugeln auf Mussolini, der auf die Knie fiel, während sein Kopf auf die Brust sank. Dann war die Petacci dran. Gerechtigkeit war getan."

Die Vorgeschichte: Im Frühjahr 1945 zeichnet sich die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten deutlich ab. Mussolini, der von den Nazis am Gardasee als Führer der Marionettenregierung der faschistischen "Italienischen Sozialrepublik" – der sogenannten Republik von Salò – eingesetzt ist, verhandelt mit den Partisanen über eine Kapitulation seiner Regierung. Die Verhandlungen scheitern und Mussolini versucht, angetan mit einer deutschen Offiziersuniform, in einer langen Lastwagenkolonne am Comer See entlang in die nahe Schweiz zu entkommen.

Am 27. April 1945 wird der 61-Jährige bei einer Straßensperre südlich des Straßentunnels von Musso durch die kommunistische Partisanenbrigade Giuseppe Garibaldi entdeckt. Man inhaftiert ihn im Palazzo Comunale von Dongo und erschießt ihn, seine 33-jährige Verlobte und weitere Begleiter einen Tag später ohne wirkliche Gerichtsverhandlung. Fotos der Wagenkolonne sind heute im Museum von Dongo zu sehen.

Die obige Darstellung der Exekution war bis Ende der neunziger Jahre Teil der offiziellen Geschichts­schreibung. Doch dann widerlegte sie eine Augenzeugin – nachdem sie jahrzehntelang anonym davor gewarnt worden war, über den tatsächlichen Vorgang zu sprechen. Nach ihrer Aussage wurde Mussolini nämlich bereits vormittags im Hof des Bauernhauses der Familie De Maria erschossen. Täter war vermutlich Luigi Longo, ein führender Politiker der kommunistischen Partei Italiens (KPI) und später ihr Generalsekretär.

Clara Petacci wurde wahrscheinlich vergewaltigt, bevor man sie in den Rücken schoss. Indiz dafür sind unter anderem ihre dokumentierten Hilfeschreie sowie die Tatsache, dass sie unter ihrem Kleid nackt war. Die beiden Leichen wurden dann vor die Villa Belmonte geschleift, wo nochmals von vorn auf die Toten geschossen wurde, um eine "ehrenwerte" Hinrichtung durch den "richtigen Mann" vorzutäuschen.

Audisio war nämlich Verbindungsmann zur Kampftruppe des gesamten italienischen Widerstands (Re­sistenza). So konnte die von den Kommunisten eigenmächtig durchgeführte Erschießung – die im Übrigen gegen eine eindeutige Absprache mit den Alliierten verstieß, welche Mussolini vor Gericht stellen wollten – als eine Aktion der gesamten Resistenza hingestellt werden. Nebenbei kehrte man die Vergewaltigung Clara Petaccis unter den Tisch.

Am 29. April werden die beiden Leichen auf dem Piazzale Loreto in Mailand an den Füßen aufgehängt und öffentlich zur Schau gestellt. Ein Priester erbarmte sich vorher und bindet das Kleid der nackten Toten zusammen. Seltsame Kongruenz der Ereignisse – nur einen Tag später begeht Adolf Hitler Selbstmord im Führerbunker in Berlin.

Der Leichnam des "Duce" wird in Mailand anonym beerdigt, doch Faschisten graben ihn aus und verstecken ihn. Jahre später wird Benito Mussolini in seiner Familiengruft im Apennin-Städtchen Predappio beigesetzt, wo er 1883 geboren worden war. Bis heute ist das Grab Treffpunkt italienischer Faschisten.

Erschienen im Michael Müller Verlag