Unter knorrigen Olivenbäumen verdorrt das Gras, im Schatten einer Steinmauer dösen zwei magere Esel – oder überlegen sie, umsummt von Fliegen, warum die Griechen nun doch den Euro behalten? Plötzlich ertönen Menschenstimmen am Hain bei Litochoro, eine Gruppe Männer und Frauen in wallenden Togen formieren sich zu einer Prozession. Einige beginnen zu singen, zu tanzen, andere entzünden Fackeln, deklamieren Verse in der Sprache Homers. "Wir lieben Zeus", ruft Tryphon Olympios , der Anführer des seltsamen Zuges.

Olympios war Professor für Ökonomie in Stockholm , jetzt ist er Rentner – und will die Religion der alten Griechen zurückholen. Seit 1996 findet die Prozession der Promithies um die Sommersonnenwende statt. Anfangs seien sie nur Wenige gewesen, 2012 aber schon insgesamt 3.000 Leute, die meisten Griechen, aber auch Israelis, Bulgaren, Rumänen, Italiener.

"Die Popen mögen uns nicht", sagt Tryphon Olympios. "Aber wenn wir uns vor der Kirche in Litochoro versammeln, läuft das ganze Dorf zusammen – und das christliche Gotteshaus bleibt leer."

Litochoro ist ein Städtchen am Fuß des 2.918 Meter hohen Olymps. Der schroffe, häufig in einen Wolkenschleier gehüllte Koloss aus Kalkgestein ist der höchste Berg Griechenlands . Die Menschen der Antike waren überzeugt, dass dort oben Zeus und die Seinen thronen. In Litochoro ist dieser Glaube noch immer lebendig.

Besuch beim Dienstältesten nach Zeus

Bei den Alten, die sich am Hauptplatz unter dem Blätterbaldachin einer mächtigen Platane treffen, sitzt auch Kostas Zolotas. Der hagere, braun gebrannte 79-Jährige hat den Olymp unzählige Male bestiegen. Er ist Bergführer und war ein halbes Jahrhundert lang Pächter der Spilios-Agapitos-Hütte , von den Einheimischen nur "Hütte A" genannt. Jetzt "faulenze" er nur noch, sagt Kostas in perfektem Deutsch, die Nachmittage verbringe er mit seiner aus Hamburg stammenden Frau am nahen Strand: Seine Tochter und der Schwiegersohn haben die Pacht der Hütte A übernommen.

Aber "als Dienstältester nach Zeus" wird Kostas Zolotas immer noch um Tipps gebeten, wie man den Sitz der Götter am besten bezwinge. Trotz der mörderischen Hitze rät er, Anorak, Handschuhe und Mütze einzupacken. Denn wenn der Göttervater einen seiner gefürchteten Anfälle kriege, sei der Berg binnen Minuten zentimeterhoch mit Hagelkörnern bedeckt. Viele Ahnungslose – Zolotas nennt sie "Flachlandtiroler" – hörten nicht auf ihn: "Dann muss wieder die Bergrettung ausrücken." Uns empfiehlt Kostas Zolotas den Weg über den Gipfel Skala, übersetzt die Treppe: Es sei die sicherste, landschaftlich reizvollste Route. Und, falls man sich die Kletterei vom Nebengipfel auf den lediglich ein paar Meter höheren Hauptgipfel Mytikas nicht zutraue: Auch so könne man behaupten, ganz oben gewesen zu sein.

In Prionia, einem Parkplatz mit Restaurant auf knapp 1.100 Metern, geht es los. Die Landschaft ist hier nicht mehr kahl und ausgedörrt, sondern von duftender Macchia bedeckt. Am Rand einer Schlucht führt ein schmaler Steig empor. Ein Wasserfall schäumt herab, sammelt sich zu einem türkisfarbenen Naturswimmingpool, man spürt den Wechsel von kalter und heißer Luft. Im steilen Zickzack über Stock und Stein gewinnt man rasch an Höhe. Unter uralten Buchen verrottet das abgefallene Laub vom Vorjahr und wird unter den Schuhen der Wanderer zu einem federnden Teppich zerrieben.

Ein Leben in der Stadt wäre schlimmer als Gefängnis

Durch das Blätterdach fallen glitzernde Lichtperlen. Die Kulissen erinnern an die Alpen – würden nicht im Gebüsch unermüdlich Zikaden singen wie Sägen. Glockengebimmel stammt nicht von weidenden Kühen, sondern von schwer bepackten Maultieren: "Alles außer Wasser muss auf diese Weise zur Hütte transportiert werden", sagt Euripides . Der muskulöse Kerl mit Fünftagebart hockt auf einem Maultier an der Spitze der kleinen Karawane, dahinter folgen Kopf an Schweif drei weiterer Maultiere. Später auf der Hütte wird Euripides erzählen, dass er den Job seit 20 Jahren mache, im Winter arbeite er als Holzfäller. In der Stadt in einem Büro zu sitzen, wäre für ihn "schlimmer als eine Haftstrafe".

Zum Schutz vor den Gefahren des Berges wurde die Spilios-Agapitos-Hütte – die Hütte A – auf eine Felskanzel gebaut. Mit Geröll bedeckte Schneereste und umgeknickte Bäume in einer Taleinkerbung verraten, dass hier häufig Lawinen herabdonnern. "Im Winter schaut nur das Hüttendach aus den Schneemassen heraus", sagt Maria Zolota. Die zarte Frau mit Ponyschopf ist die Tochter des Bergführers Kostas. Seit 2001 bewirtschaftet sie die "Hütte A" gemeinsam mit ihrem Mann Dionysis. Neben Bildern an der Stubenwand, die den Götterberg bei Sonnenuntergang zeigen, hängen auch Fotos eines verhutzelten, weißbärtigen Greises in Begleitung eines blonden Mädchens.

Der Greis ist Christos Kakalos, ein Hirte, der 1913 zwei Schweizern bei der Erstbesteigung den Weg zum Olymp zeigte. "Das Foto wurde 1972 aufgenommen. Christos war 93 und wollte noch einmal auf den Gipfel, mein Vater begleitete ihn – und hat dabei mich als Fünfjährige mitgenommen", sagt Maria Zolota. Sie sei auf der Spilios-Agapitos-Hütte aufgewachsen, genauso wie später die eigenen Töchter. "Als sie einige Monate alt waren, hielt ich sie im Arm, während uns ein Maultier herauf schleppte."