Nach anderen Bildern suchen als nach denen, die Touristen schon im Kopf haben: Dieses Paar führt sein Kaninchen südlich der Themse in London aus. © Chris Helgren/Reuters

ZEIT ONLINE: Warum reisen wir, Herr Weisshaar?

Bertram Weisshaar: Wir reisen, um eine Differenz zum sonst üblichen Alltag zu schaffen. Man möchte anders sein, anders leben, eine andere Rolle haben. Das kann man auch über Verlangsamung erreichen. Je stärker die Entschleunigung ist, desto eher kommt man in diese Differenzsituation rein. Heute meinen viele, das passiere am besten an einem anderen Ort. Aber eine Ortsverlagerung ist keine Gewähr dafür, dass man sich vom Alltag entfernt. Im Gegenteil, oft findet man an Orten im Ausland die deutsche Speisekarte.

ZEIT ONLINE: Sie selbst entfernen sich in Deutschland immer wieder vom Alltag. Wie machen Sie das?

Weisshaar: Zum Beispiel bin ich mit einer Gruppe in Sachsen-Anhalt auf den Spuren der Fruchtbringenden Gesellschaft gewandert, der größten literarischen Gruppe des Barock . Von Köthen aus gingen wir zu Fuß durch Städte, die heute eher in der Provinz liegen. Das war auch schon vor 300 oder 400 Jahren so, aber damals hatten diese Städte für die Region eine große Bedeutung. Heute haben sie nicht einmal ICE-Anschluss.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es, wenn eine Stadt so im Abseits liegt?

Weisshaar: Diese Regionen fallen in den Schatten der Hochgeschwindigkeitsnetze. Je weitmaschiger diese Netze werden, desto mehr weiße Flecken und damit auch ferne Ziele gibt es bei uns. Wir sind damals pro Tag 20 bis 30 Kilometer gewandert. Wenn wir Autofahrer nach dem Weg fragten, schauten sie uns an, als seien wir von einem fremden Kontinent. Wir waren als Fußgänger sehr entrückt von deren Alltag, und auch das zeigte, dass die Reise vor der Haustür beginnt.

ZEIT ONLINE: Sie beginnen Ihre Reisen oft vor der Haustür: Sie sind Spaziergangsforscher , ein Promenadologe. Was beschäftigt Sie?

Weisshaar: Die Grundlage für die Spaziergangswissenschaft hat Lucius Burckhardt gelegt, ein Baseler Soziologe, der an der Gesamthochschule Kassel (heute Universität Kassel, d. Red.) im Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung und Architektur unterrichtete. Die Spaziergangswissenschaft kommt aus der Urbanismuskritik: Wer plant die Planung? Welche Rolle spielt der Planer, soziologisch reflektiert? Und: Warum ist die Landschaft schön?

ZEIT ONLINE: Sie fragen also nach der Wahrnehmung einer Umgebung?

Weisshaar: Ja. Wir sehen nur die Landschaften, die wir zu sehen gelernt haben. Landschaft ist kulturell vermittelt. Wir wissen deshalb auch, was nicht zur Landschaft gehört. Die Alpen , die Heide, das Meer waren einst keine Landschaften. Sie sind es erst geworden, als Maler, Schriftsteller und Poeten sie als solche entdeckt haben, und anschließend deren Blick verallgemeinert wurde. Heute können wir die Alpen, das Meer, die Heide nicht mehr anders betrachten als als Landschaften. Das ist sehr nah an der Reise: Wir meinen, wir hätten alles gesehen. Doch: Wo kann man heute noch neue Landschaft finden – oder erfinden? Das Wort finden steckt ja auch in erfinden.

ZEIT ONLINE: Und diese Sensibilisierung wollen Sie mit Ihren besonderen Spaziergängen leisten?

Weisshaar: Die ersten Spaziergänge habe ich Mitte der neunziger Jahre in einem der Braunkohletagebaue in Ostdeutschland gemacht. Sie galten damals als die Altlast der DDR und wurden als Drecklöcher bezeichnet. Ich dagegen fand es wunderschön darin!

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, aus einem Dreckloch eine Landschaft zu machen?

Weisshaar: Die Teilnehmer an diesen promenadologischen Spaziergängen brachten im Kopf medial verbreitete Bilder und vorgefasste Bewertungen mit. Es dauert jedes Mal etwa eine halbe Stunde, bis sie diese losgeworden sind. Man muss diese Bilder beiseite legen und neue zulassen. Es gab auch Anfragen von Busreiseunternehmen, die für eine halbe oder eine Stunde in den Tagebau kommen wollten. Mehr Zeit hätten sie nicht, sagten sie. Ich habe das immer abgelehnt: Man muss sich eine gewisse Dauer durch den Raum bewegen, sonst begreift man ihn nicht.