ZEIT ONLINE: Was bringt der Gesetzentwurf überhaupt, wenn die Beteiligung der Airlines freiwillig ist?

Lell: Ganz freiwillig ist es nicht. Das Justizministerium hat mitgedacht: Die Fluggesellschaften, die nicht mitmachen, müssen vor die behördliche Schlichtungsstelle. Und sie müssen dann auch für den Schlichtungsvorschlag zahlen. Allerdings besteht keine Verpflichtung, den Schlichtungsspruch anzunehmen. Das kann man nicht gesetzlich verordnen.

ZEIT ONLINE: Die Europäische Kommission hat Anfang Juli eine App vorgestellt , die Passagiere aller Verkehrsmittel über ihre Rechte informieren soll. Was halten Sie davon?

Lell: Die EU-Kommission benutzt die Fluggastrechte als Marketinginstrument, um sich als bürger- und verbraucherfreundlich darzustellen: Zuerst gab es Plakate an den Flughäfen, jetzt gibt es die App. Es gibt eine Schlichtungsstelle für grenzüberschreitende Streitigkeiten in Kehl , die Deutsche Verbindungsstelle für Schlichtung . Für Probleme bei innerdeutschen Flügen ist die aber nicht zuständig. Die Europäische Union verlangte auch, dass die Nationalstaaten Durchsetzungsstellen einrichten. In Deutschland ist das das Luftfahrtbundesamt . Viele Leute rufen dort an – und kriegen dann die enttäuschende Antwort, dass das Luftfahrtbundesamt nicht zuständig ist: Es verhilft den Verbrauchern nicht zu ihrem Recht. Eine Schlichtungsstelle würde diese Lücken schließen. Denn trotz Freiwilligkeitsprinzip sind Schlichtungsstellen erfolgreich, wie Beispiele aus der Versicherungswirtschaft und anderen Ländern wie Skandinavien zeigen. Die Akzeptanz in der Gesellschaft wächst mit der Zeit.

ZEIT ONLINE: Wo erfahren Reisende sonst, was ihnen zusteht, und wie können sie das einfordern?

Lell: Die Verbraucherzentralen der Länder sind die richtigen Ansprechpartner: Sie kümmern sich um die Rechte der einzelnen Passagiere. Falls nur noch der Weg zum Gericht bleibt, gibt es spezialisierte Kanzleien. Außerdem haben Inkassobüros wie Flight Right , EU Claim und Fair Plane Datenbanken, in denen sie überprüfen können, was zum Beispiel eine Verspätung verursacht hat.

ZEIT ONLINE: Läuft das dann über die Rechtschutzversicherung des Reisenden?

Lell: Nein, diese Firmen berechnen Erfolgshonorare. Der Verbraucher zahlt nichts, aber wenn die Firmen vor Gericht gewinnen, behalten sie einen Teil der Summe ein. Das sind kommerzielle Firmen, die sich eher um hochpreisige Probleme kümmern – also eher nicht um Internetbuchungen oder unseriöse Unternehmenspraktiken. Eine Schlichtungsstelle hätte kein kommerzielles Interesse.

ZEIT ONLINE: Macht es denn überhaupt Sinn, als Privatperson gegen eine Fluggesellschaft, also einen Konzern, zu klagen?

Lell: Die Chancen sind besser, als man meint. Mit spezialisierten Kanzleien kann man Erfolge erzielen. Aber es ist mühsam, und jedes Mal ist es ein Einzelfallentscheid, das heißt, die Fluggesellschaften müssen ihre Praxis nicht ändern. Von einer Schlichtungsstelle versprechen wir uns mehr Öffentlichkeitswirkung.