Kristine Hebenstreit: Reisen ist ein bisschen wie Verstecken

Der Urtrieb des Reisens basiert auf dem Freiheitsdrang des Menschen. Wer reist, ist sein eigener Herr. Im Zugabteil auf dem Weg zum Zielort wird der Alltag auf einmal nichtig. Die Landschaft rast vorbei, und würde mich der Schaffner nicht mit seinem schroffen "Die Fahrkarten, bitte!" aus den Tagträumen reißen, würde ich regelmäßig dabei einschlafen. So wohl fühle ich mich, wenn ich unterwegs bin.

Auf Reisen herrscht Unbefangenheit und Unverbindlichkeit. Alles ist plötzlich leichter. Ich komme mit anderen Reisenden ins Gespräch, erfahre von ihren Plänen, Geschichten und Familien. Als ich im letzten Winter spontan meinen Bruder in Innsbruck besuchte, bemerkte ich eine Gruppe junger Norweger, die einige Plätze von mir entfernt saßen. Ich verspürte den Drang, sie anzusprechen. In ihrer Landessprache fragte ich sie höflich, aus welchem Teil Norwegens sie stammen. Die verbleibende Zugfahrt saßen wir zusammen, tranken Bier und diskutierten, ob Schweden oder Norweger die besseren Skandinavier seien. Eine herrliche Reise!

Reisen ist für mich immer ein bisschen wie Verstecken. Auf dem Flughafen oder im Hauptbahnhof bin ich ein Mensch unter vielen. Niemand fragt mich nach den Akten für das nächste Meeting. Niemanden stört, dass ich statt Blazer und Aktentasche Jeans und Rucksack trage. Reisen ist wie eine Flucht vor dem Getöse der Welt.