Leserartikel

Warum reisen Sie?Flucht vor dem Getöse der Welt

Die Freiheit genießen, das Fremde entdecken: Vier unserer Leser erklären, warum sie reisen – und warum die ursprüngliche Idee des Reisens verloren zu gehen droht. von , , und

Kristine Hebenstreit: Reisen ist ein bisschen wie Verstecken

Der Urtrieb des Reisens basiert auf dem Freiheitsdrang des Menschen. Wer reist, ist sein eigener Herr. Im Zugabteil auf dem Weg zum Zielort wird der Alltag auf einmal nichtig. Die Landschaft rast vorbei, und würde mich der Schaffner nicht mit seinem schroffen "Die Fahrkarten, bitte!" aus den Tagträumen reißen, würde ich regelmäßig dabei einschlafen. So wohl fühle ich mich, wenn ich unterwegs bin.

Auf Reisen herrscht Unbefangenheit und Unverbindlichkeit. Alles ist plötzlich leichter. Ich komme mit anderen Reisenden ins Gespräch, erfahre von ihren Plänen, Geschichten und Familien. Als ich im letzten Winter spontan meinen Bruder in Innsbruck besuchte, bemerkte ich eine Gruppe junger Norweger, die einige Plätze von mir entfernt saßen. Ich verspürte den Drang, sie anzusprechen. In ihrer Landessprache fragte ich sie höflich, aus welchem Teil Norwegens sie stammen. Die verbleibende Zugfahrt saßen wir zusammen, tranken Bier und diskutierten, ob Schweden oder Norweger die besseren Skandinavier seien. Eine herrliche Reise!

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Reisen ist für mich immer ein bisschen wie Verstecken. Auf dem Flughafen oder im Hauptbahnhof bin ich ein Mensch unter vielen. Niemand fragt mich nach den Akten für das nächste Meeting. Niemanden stört, dass ich statt Blazer und Aktentasche Jeans und Rucksack trage. Reisen ist wie eine Flucht vor dem Getöse der Welt.

Leserkommentare
  1. "Niemanden stört, dass ich statt Blazer und Aktentasche Jeans und Rucksack trage"
    Lesen Sie bitten den Benimm-Ratgeber für Pseudo-Etablierte, z.B. auf Zeit Online. Da werden Sie erfahren, warum nur vollständiges Business-Dress geht. Immer.

    • uwilein
    • 06. August 2012 19:52 Uhr

    - und das geht überall - dem Getöse der Welt und den Smartphones entkommen, geht auch ganz einfach mit abschalten - wirklich traurig, dass Spontanität, Drahtlosigkeit und und und gewissermaßen als Sensation empfunden werden - was machen und fühlen diese Menschen während des Jahres?

  2. F. Knoblich spricht mir aus der Seele:
    Reisen muss zumindest die Möglichkeit eines Abenteuers beinhalten. Das ist ganz einfach, weil alles Unbekannte eine Herausforderung sein kann, das können Menschen, Landschaften, Tiere sein oder eine kleine Unterkunft in einem Dorf...oder ein Zelt...Kreuzfahrten empfinde ich als ein großes Übel sowohl für die Meeresumwelt als auch die Landziele, wenn da plötzlich hunderte, ach, sogar tausende von Menschen eine Bucht überfallen, um Seehunde und Co. an der südchilenischen Küste zu gucken und zu verschrecken und ins Meer zu jagen, wenn da gerade die Belugas warten.Und wie langweilig ist das, diese Menschenmassen habe ich doch zu Hause in der Großstadt!! Ich erwandere mir die kleinen Abenteuer, das geht sogar in der heimatlichen Umgebung mit kleinem Geldbeutel.

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    Nach meiner Erfahrung gibt es so zwei Typen von Reisenden/Urlaubern. Die einen brauchen Aktion und Abenteuer die anderen suchen Entspannung und Erholung. Oft ist der Urlaub das genaue Gegenteil vom Altagsgeschäft.

    Die Kreuzfahrten richten nicht mehr Schaden an, als die Individualtouristen auf der Jagd nach dem nächsten Abenteuer.

    • Torm
    • 07. August 2012 20:19 Uhr

    Viele Menschen reisen in ferne Länder, kennen jedoch die nähere Umgebung (25 km Radius) ihres Heimatortes noch nicht einmal richtig. Diese Menschen reden über Mallorca, Pukhet oder die Kanaren, kennen aber den nächsten Hügel in der Nachbarschaft nicht.
    Wie kann ein Reisender die gewonnenen Eindrücke reflektieren, wenn die Folie und die Wurzeln fehlen?
    "Reisen bildet", ist allgemeines Wissen. Aber Reisen bildet meiner Ansicht nach nur, falls Schlüsse und Erfahrungen gewonnen werden können. Die Basis hierfür kann nur Daheim gelegt werden.
    Reisen braucht Zeit und innere Ruhe! Gibt uns die heutige Gesellschaft diese Möglichkeiten noch?

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    • an-i
    • 25. September 2012 8:35 Uhr

    Gibt uns die heutige Gesellschaft diese Möglichkeiten noch?"
    Man muss sich diese einfach nehmen...

    • joeyyy
    • 07. August 2012 20:41 Uhr

    Schöne Artikel.

    Lassen mich über die Bedeutung des Reisens für mich nachdenken.

    Das echte und nachhaltige Erleben von Natur, Landschaft, Kultur und Mensch bereichert mein Leben erheblich.

    Mit echt meine ich unmittelbar und ausgeliefert. Mit nachhaltig meine ich mit möglichst kleinem ökologischen und kulturellen Fußabdruck.

    Menschen und Kulturen beobachte ich und ich höre ihnen zu. Missionierung lehne ich ab – egal ob religiös, juristisch, ethisch, ökonomisch oder ökologisch. Das heißt nicht, dass ich unkritisch bin.

    Das ganz Besondere an allen Reisen ist, dass ich Menschen kennenlerne, die ich nie wieder sehen werde. Aber die in diesen kurzen Augenblicken des gemeinsamen Weges echte Freunde sind.

    Auf meinen Reisen erkenne ich, dass das System Erde vielfältig, komplex und fantastisch ist. Wir Menschen aber – und auch das lerne ich immer wieder neu – gehen mit ihm um als würden wir wissen was wir tun.

    Meine Reisen führen mich in die Welt und dadurch die Welt in mich:

    In Spanien entdeckte ich die Demut vor der Schönheit der Natur für mich. Demut heißt für mich: Eigene Grenzen akzeptieren. Wissend, dass sie nicht die Grenzen allen Wissens und Seins sind und damit ahnend, wie groß Größe sein muss.

    In Marokko entdeckte ich den Ort, an dem ich gern sterben würde. Eins werden könnte mit dem ewigen Sein. Das hat mich meine Endlichkeit akzeptieren lassen.

    Der Fotoapparat ist wichtig, meine Reisen erlebe ich zweimal - einmal vor Ort und dann beim Bloggen: gondermann.net

  3. Nach meiner Erfahrung gibt es so zwei Typen von Reisenden/Urlaubern. Die einen brauchen Aktion und Abenteuer die anderen suchen Entspannung und Erholung. Oft ist der Urlaub das genaue Gegenteil vom Altagsgeschäft.

    Die Kreuzfahrten richten nicht mehr Schaden an, als die Individualtouristen auf der Jagd nach dem nächsten Abenteuer.

    Antwort auf "Reisen ins Unbekannte"
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    • xpeten
    • 10. August 2012 12:01 Uhr

    Da fallen mir allein schon zig verschiedene Typen von Erholungssuchenden ein, da braucht man gar keine Wanderer, Pilger und Angler zu bemühen, die einen brauchen eine Thai-Massage fürs Wohlergehen, andere liegen 3 Wochen faul in der Sonne herum, wiederum andere finden es erholsam, in Istanbul im 5-spurigen Verkehr zu stehen, der in eine enge Altstadtgasse mündet,

    die einen empfinden es als Action und spannend, mit einem Strohhalm aus einem 10-Liter Eimer zu saufen oder bei schönstem Wetter in Las Vegas die Spielautomaten zu füttern, andere, wenn sie in einen rauchenden Vulkan hineinschauen, im Dschungel Gold schürfen oder auf einem Skatebord im Hochgebirge herumfahren - oder nur im Wohnwagen sitzen und sich hinter Glas das Meer anschauen.

    Das waren schon mal 12.

  4. Die Kreuzfahrten und ergo die Leute die eine solche buchen, richten sehr wohl mehr Schaden an als ein Individualtourist. Der Reisende ist verpflichtet sich über die Auswirkungen seines Drangs zu informieren. Bin von einiger Zeit von meiner Haustür aus losgelaufen. Habe mir dann spontan drei Kilometer weiter einen Vierbeiner und einen Esel erstanden und bin nach 4 Wochen und jeder Menge Spaß wieder zu Hause angekommen. Meine Arbeitskollegen waren übrigens auf Ibiza. Dem einen gefällt das besser, dem anderen jenes. Würde aber behaupten, dass ein ökologisch verträglicher Urlaub möglich ist.

  5. In jeder Kultur hat Reisen einen anderen Stellenwert. Europaeer und Nordamerikaner sind Abenteurer, wollen etwas erleben, moeglichst einmalig und aussergewoehnlich. In Asien ist Reisen ein Statussymbol. Etwas, dass man sich leisten kann. Sobald man das Ziel erreicht hat ist das Ziel erreicht. Die Destination selbst ist in beinahe jeder Hinsicht uninteressant. So passiert es, dass Touristen auf szenischen Rundfahrten durch die spektakulaersten Landschaften Karten spielen oder ein Nickerchen halten waehrend die aufgebockte Kamera ein Video zur Erinnerung dreht. Interessant ist zudem, wie sich Reisen in kurzer Zeit veraendert. Jedes Erlebnis wird mittlerweile gut verpackt angeboten. Sich mit einem Bungyseil an den Fuessen in den Abgrund zu stuerzen ist sicherer als in Ulan Bator die Strasse zu ueberqueren und der Adrenalinspiegel duerfte sich auf gleichem Niveau befinden. Trotzdem erntet man dafuer mehr Bewunderung und fuehlt sich abenteuerlustiger. Gutem Marketing sei Dank. Gut erzaehlt kann eine Strassenueberquerung in der Mongolei aber dennoch interessanter sein als die immer gleichen Abenteuer aus der Retorte. Man sollte nur zwischen Touristen und Reisenden unterscheiden koennen. Ganz wie Chesterton sagte: " Der Reisende sieht was er sieht, der Tourist sieht was er kam zu sehen."

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