Leserartikel

StierkampfDer weinende Stier von Pamplona

Leser Hans Richter war einst fasziniert von der spanischen Tradition des Stierkampfes. Heute plädiert er für ein Verbot des Spektakels.

Toter Stier in der Arena von Pamplona, 1969

Toter Stier in der Arena von Pamplona, 1969

Vor Jahren habe ich mir mehrere Stierkämpfe angesehen. Der erste Stierkampf begeisterte mich als ein farbenprächtiges Spektakel. Es war so typisch spanisch und eine lange Tradition. 

Mein Interesse war geweckt. Zunächst verschlang ich das Buch Tod am Nachmittag von Ernest Hemingway. Dann besuchte ich in der Extremadura im Westen Spaniens die Weidefelder der Stiere. Dort konnte ich beobachten, wie die Kampfstiere friedlich grasen. Es sind herrliche Tiere. Angeblich werden sie schon auf der Weide mit Lanzen gereizt; nur die Tapfersten kommen in die Arena.

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Einige Tage vor dem Kampf werden die Tiere in dunkle Kammern gesperrt. Wenn sie das Verlies verlassen, blendet sie die Sonne in der Arena, und sie reagieren gereizt. Außerdem ist es üblich, die Hörner des Stiers um einen Zentimeter zu kürzen, damit er seinen Tastsinn verliert.

Wenn der Stier die Arena betritt, begreift er nicht, welch grausames Spiel beginnt. Das Tier hat einen gewaltigen Nackenmuskel, der zu Beginn durch den Banderillero mit einem Wurfspieß verletzt wird. An den Pfeilen hängen bunte Fähnchen, um die Aufmerksamkeit auf den blutenden Nackenmuskel zu lenken. Damit beginnt die Tortur: Ab jetzt kann der Stier den Kopf nur noch nach unten halten.

Als nächstes kommen Reiter, die Picadores, auf Pferden in die Arena. Die Flanken der Pferde sind durch Ledermatten geschützt. Die Reiter stechen mit Lanzen auf den Stier ein, um das Tier zu schwächen und ihm größere Qualen zu bereiten.

Am Ende erscheint, in prächtige Farben gekleidet, unter Applaus der Torrero. Er versucht, mit seinem Degen das Tier zu töten. Meist muss er mehrmals zustechen, da er das Herz nicht sofort trifft. Bei den Versuchen erwischt er oft die Lunge oder den Magen des Stiers. Der Stier blutet langsam aus.

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Eine weitere Tradition ist es, dass vor dem Kampf eine schöne Spanierin dem Torrero eine rote Nelke zuwirft. Um sich zu bedanken, schneidet der Torrero dem toten Stier ein Ohr ab und schenkt es der Schönen.

Ich habe mir die Tötungszeremonie von der untersten Reihe der Arena angeschaut. Ich sah genau, wie dem Stier Tränen aus dem Auge liefen. Er weinte vor Schmerz. 

Schon die Bezeichnung Stierkampf ist eine Lüge, denn der Stier hat ja keine Chance. Der Stierkampf ist ein Spektakel aus dem Mittelalter und sollte endlich Geschichte werden. Seinen traditionellen Wert hat er seit Langem verloren, es ist nur noch Kommerz. In einem Land der Europäischen Union gehört solch ein öffentliches Gemetzel von Tieren verboten.

 
Leserkommentare
  1. Mir ging es wie dem Verfasser; ich war ein Aficionado. Doch dann sah ich wie halbmüde Stiere nach nur 45 Sekunden in der Arena von den Picadores so verletzt werden, dass sie kaum noch eine Chance haben. Dann kommen irgendwann die Clowns, die sich Torreros nennen und sich dem Stier eigentlich stellen und einen fairen Kampf bieten sollten. Sie schlachten nur noch einen Halbtoten fürs Fernsehen und sind fast alle feige. Sie wollen ihre Gage und möglichst nichts riskieren; sie sind keine Torreros. Ja, der Stierkampf gehört unter diesen Bedingungen verboten. Weil es kein fairer Kampf mehr ist und nur darin hat der Stierkampf seine Berechtigung. Ohne richtig wilde, bestens trainierte und unverletzte Stiere mit Siegchance ist alles nur Show und Mord und äußerst entbehrlich.

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  2. Ob Pro oder Contra: Die Diskussion wird leider bislang auf Grundlage eines sachlich, und auch historisch, ungenauen und bisweilen falschen Artikels geführt. Ich habe wissenschaftlich zu diesem Thema gearbeitet und würde gerne berichtigen:

    - Der Torero schreibt sich mit einem r und bezeichnet alle Personen, die an einer Corrida teilnehmen. Im Kontext des Artikels müsste von Matador (~Stiertöter) gesprochen werden. (ToRRero bedeutet i.Ü. Turmwärter)

    - Ergänzung: "Schon die Bezeichnung Stierkampf ist eine Lüge" - Im Spanischen wird gar nicht von Kampf gesprochen. Wie das Englische "Bullfight" ist Stierkampf eine ungenaue Übersetzung ins Deutsche/Englische. Im spanischsprachigen Raum wird (kulturhistorisch bedingt) von Corrida (span. correr = laufen /mit den Stieren) gesprochen.

    - "Der Stierkampf ist ein Spektakel aus dem Mittelalter". Zwar belegen erste schriftliche Quellen Stierfeste im MA. Archäologische Funde (u.a. die Toros de Guisando) belegen den Umgang mit Stieren aber für prähistorische Zeiten auf der iberischen Halbinsel und lassen auf eine Art "Kulturaustausch" von Fruchtbarkeitsriten (zb aus Kreta)schließen.

    - "um sich zu bedanken, schneidet der Torrero dem toten Stier ein Ohr ab und schenkt es der Schönen": Dies geschieht nicht "um sich zu bedanken" - sondern ist Anklang an eben erwähnte Fruchtbarkeitsriten, das Ohr ist Trophäe der (rituellen) Opferung.

    Liebe Zeit-Redaktion, auch Leserartikel haben es verdient, genau redigiert zu werden.

    3 Leserempfehlungen
    • FoCS
    • 24.07.2012 um 9:18 Uhr

    Um den Kreis noch weiter zu ziehen, kann man auch die Grausamkeiten erwähnen, die Menschen anderen Menschen zufügen.

    Deswegen halte ich auch seit geraumer Zeit die Redensart "homo homini lupus" für eine bösartige Verleumdung des Wolfes.

  3. Nur kümmert das keinen weil man das auch nie sieht und gerne verdrängt. Fleisch wird weiter gefressen.

    Daher sollten Fleisch- u. sämtliche Tierprodukte verboten werden und nicht unter 10 Jahren Gefängnis bestraft werden. Langfristig sollte für Mord grundsätzlich eine lebenslange Haft eingeführt werden, also auch für Mittäter u. Auftraggeber - den Fleischfressern.

    Eine Leserempfehlung
  4. weiß, haben die Katalanen diese Tierquälerei bereits verboten. Ich hoffe, andere Regionen schließen sich an.

    Antwort auf "Ja, weg damit!"
    • smarp
    • 24.07.2012 um 11:50 Uhr

    strotzt nur so vor Ungenauigkeiten und falschen Behauptungen. Der sog. Torerro heißt Matador (was Schlächter bedeutet); alle am Stierkampf beteiligten Personen heißen Torerros. Die von Ihnen verlinkten Artikel, mit denen Sie die wirtschaftlicheen Erfolge des Stierkampfes dokumentieren möchten, sind über 20 Jahre alt - und heute, da der Stierkampf beispielsweise in Katalonien verboten wurde, vollkommen überholt. Und dann diese rührselige Geschichte vom weinenden Stier: wenn sie das Schicksal des in der Arena gestorbenen Stieres vergleichen mit den 100000000 Schweinen, Hühner und Kälbern, die jedes Jahr durch die deutschen Schlachtanlagen rutschen, scheint sein Leben durchaus akzeptabel zu sein. Das Fleisch wird schließlich auch noch verwendet - der Stier wird also komplett genutzt.
    Ich bezweifle, dass Sie jemals einen Stierkampf gesehen haben - Sie erscheinen mir eher wie ein radikaler Tierschützer, der sich hier im Schafspelz des vermeintlichen Kulturverstehers versteckt. Lassen Sie den Spaniern ihren Stierkampf - es ist gut, dass es solche Traditionen noch gibt in Europa.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Solange Menschen Spaß daran finden Tiere zu quälen, solange wird es Stierkämpfe, Hahnenkämpfe, Massentierhaltung und Sonderangebote in Supermärkten geben.

    Ich denke, es ist eine Frage der Entwicklung einzelenr Menschen. Manche sind noch auf dem Stand der alten Römer vor 2000 Jahren in Rom, wo man auch Christen quälte - andere fühlen mit dem Tier und leiden mit dem Tier und können nichts Schönes an Tierquälerei finden.

    Es ist auch ein gewaltiger Unterschied, ob man Tierversuche für die Medizin machen muß, oder ob man Tiere leiden läßt um Kosmetikartikel zu testen.

    Solange Menschen Spaß daran finden Tiere zu quälen, solange wird es Stierkämpfe, Hahnenkämpfe, Massentierhaltung und Sonderangebote in Supermärkten geben.

    Ich denke, es ist eine Frage der Entwicklung einzelenr Menschen. Manche sind noch auf dem Stand der alten Römer vor 2000 Jahren in Rom, wo man auch Christen quälte - andere fühlen mit dem Tier und leiden mit dem Tier und können nichts Schönes an Tierquälerei finden.

    Es ist auch ein gewaltiger Unterschied, ob man Tierversuche für die Medizin machen muß, oder ob man Tiere leiden läßt um Kosmetikartikel zu testen.

  5. 640 Liter pro Jahr pro Kuh vor fünfzig Jahren ist reiner Unsinn. Bereits vor dreihundert Jahren gab, eine Kuh zweitausend Liter pro Jahr.

    Antwort auf "Kühe und die Weide"
  6. Stierkämpfe besuchen heißt Stierkämpfe finanzieren.

    Bei bald acht Milliarden Bürgern weltweit, die einen ähnlich langen Anflauf zur "Einsicht" nehmen würden, wären sämtliche Stierkampf-Arenen Spaniens auf Jahrhunderte ausgebucht...

    Also ich musste da nicht hinein, um das zu erkennen.

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