Ein Verkäufer vor seinem Laden in Hebron © Ammar Awad/Reuters

Auf dem Highway 60, kurz hinter dem Stadtzentrum von Jerusalem, halten wir ein Auto an. In israelisch-direkter Art deuten wir mit dem Finger auf die Straße und zeigen dem Fahrer, wo er anhalten soll. Heute trampen wir nach Hebron. Genauer in das palästinensische Autonomiegebiet. Wir, das sind zwei Frauen aus Deutschland und Ofir – ein Israeli.

Beim Einsteigen in das Auto legt Ofir seine wahre Identität ab. Er behauptet, er komme auch aus Deutschland. Sein Name sei Daniel. In dem Wagen sitzen zwei Palästinenser und ein Israeli. Wie sie zusammengekommen sind und wohin sie wollen, verraten sie nicht. "Wir sind nur Freunde", sagt der israelische Fahrer und erzählt lieber von seinen Töchtern.

In dem Wagen werden vier Sprachen gesprochen: Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Ofir versteht fast jedes Wort. Arabisch hatte er drei Jahre in der Schule, einen Deutschkurs besucht er regelmäßig. "Die Araber sprechen gerade darüber, ob ich wirklich aus Deutschland komme", flüstert uns Ofir zu. Als sie nachfragen, erzählt er ihnen wahrheitsgemäß von seinen italienischen und ägyptischen Wurzeln. Ihnen verdankt er sein Aussehen und die Möglichkeit Orte zu besuchen, zu denen Israelis sonst keinen Zugang haben.

Hebron, die geteilte Stadt

Für die letzten Kilometer nach Hebron nehmen wir den Bus. Dieser fährt auch durch die 7.500 Einwohner zählende jüdische Siedlung Kiryat Arba. "Das hier ist die extremste jüdisch-orthodoxe Siedlung in Israel", sagt Ofir und blickt kopfschüttelnd aus dem Fenster. Eine Gedenkplatte erinnert an den Attentäter Baruch Goldstein. Er hatte 1994 in Hebron 29 betende Muslime erschossen. Vier Jahre später wurde im Hebron-Abkommen von 1998 die Stadt in zwei Zonen aufgeteilt: H1 wird palästinensisch kontrolliert, H2 israelisch. Palästinenser und jüdische Siedler leben in Feindschaft auf engem Raum nebeneinander. Dabei bedeutet Hebron sowohl im hebräischen als auch im arabischen Freundschaft.

Wir verlassen den Bus mit einigen jüdischen Siedlern in Zone 2, am Ende der Al-Shuhada-Straße. Die Al-Shuhada-Straße verbindet Kiryat Arba mit den jüdischen Siedlungen in der Altstadt Hebrons. Doch die Straße ist ein Niemandsland. Den Palästinensern ist es untersagt, die Hauptdurchgangsstraße durch Hebron zu benutzen – offiziell aus Sicherheitsgründen. Vor der Teilung gab es hier 1.500 Geschäfte, heute sind es nur noch vier. Unter ihnen ist eine arabische Keramikwerkstatt. "Früher war das hier eine lebendige Marktstraße, jetzt ist alles ausgestorben", erzählt der arabische Geschäftsführer.

Sperren, Türme, Drähte

Gegenüber seiner Werkstatt hat die israelische Armee einen Checkpoint eingerichtet. Durch ihn gelangen wir zur Abraham-Moschee. Das Grab der Patriarchen ist eine Heilige Stätte für Juden und Muslime. Der Bibel nach liegen hier Abraham und seine Frau Sara begraben. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde im nördlichen Teil der Moschee eine Synagoge errichtet. Vor der Moschee prangt ein großes Plakat mit der Aufschrift "Wir haben bezahlt. Wir bleiben hier." Ofir lacht und macht ein Foto davon. "Das ist so typisch für Israel", sagt er.

Knapp 1.500 israelische Soldaten schützen auf einer Fläche von nur wenigen Quadratkilometern 800 jüdische Siedler. Gleichzeitig sollen sie aufpassen, dass keine Israelis die palästinensische Zone betreten. Nicht nur die israelischen Streitkräfte, auch die palästinensischen Zivilpolizisten versuchen alle möglichen Kontakte zwischen Israelis und Palästinensern zu verhindern. Das Stadtbild in Hebron ist geprägt von Straßensperren, Überwachungstürmen und Drahtnetzen.

Oben leben jüdische Siedler, unten verläuft ein palästinensischer Markt. Der Zaun soll die Palästinenser vor Angriffen schützen. © Janina Trebing

Hinter der Moschee liegt ein zweiter Checkpoint. Über ein metallenes Drehkreuz gelangen wir in das palästinensische Autonomiegebiet H2. Nach unseren Ausweisen fragt niemand. Mit unseren Rucksäcken auf den Schultern und dem Reiseführer in der Hand sehen wir wie gewöhnliche Touristen aus. Wir machen viele Fotos, sprechen Deutsch und Englisch. Die israelischen Soldaten ahnen nicht, dass sie gerade einen Israeli die Grenze passieren lassen.

Arabische Aufgeschlossenheit

In H1, der palästinensischen Zone, bewegt Ofir sich unbeschwert durch die Altstadt. Auf dem Basar kauft er ein, er spricht mit Anwohnern und Händlern. Je nach Laune wechselt er seine Identität. Manchmal ist er Deutscher, dann wieder Spanier oder Italiener. Nur die Sprache bleibt gleich: Arabisch. Die Palästinenser sind herzlich und aufgeschlossen. Sie laden uns zum Tee ein, bieten uns Essen an und führen uns durch die Stadt.

Gegenüber einer kleinen Moschee machen wir eine Pause und trinken arabischen Kaffee. Wir bleiben nicht lange alleine. Frauen und Männer gesellen sich zu uns und stellen Fragen über unsere Heimat. Bald zieht eine ältere Dame einen Palästinenser-Schal aus ihrer Tasche. Darauf ist ein Foto von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas gedruckt. Die Frau legt den Schal um Ofirs Hals und macht ein Foto mit ihm. Unwohl fühle er sich dabei nicht – im Gegenteil. Er selbst trage oft ein Free Palestine-T-shirt: "Das kommt hier sicher besser an als in Israel."