Der Koffer platzt schon vor Reiseantritt aus allen Nähten und muss noch einmal entschlackt werden: Was muss mit, was kann da bleiben? Was ist erlässlich, und worauf kann unter keinen Umständen verzichtet werden? Heikle Fragen mitunter. Aber philosophisch betrachtet kann Entwarnung gegeben werden. Das wichtigste nämlich haben wir immer dabei, völlig egal, was in den Koffer passt: unsere Erwartungshaltung.

Wer reist, ist Utopist. Nichts scheint größer zu sein als die Utopien Reisender. Und nichts könnte dies besser illustrieren als die Geschichte eines Landes, das keine Reisefreiheit kannte und in dem die Reiseintensität nichtsdestotrotz so hoch war wie nirgends sonst auf der Welt: die DDR. Utopien sind nicht an geographische Grenzen gebunden, und so konnte es denn auch sein, dass ein Land wie die DDR zum Reiseweltmeister aufstieg und diesbezüglich selbst die Bundesrepublik überflügelte – auch wenn der Titel fälschlicherweise meist den Westdeutschen nachgesagt wurde.

Die Zahl der Urlaubsreisen in Bezug auf die Bevölkerung lag in der DDR über dem westdeutschen Niveau, schreibt der Historiker Christopher Görlich in seinem Buch Urlaub vom Staat. Tourismus in der DDR . Seine jüngst veröffentlichte Geschichte des real existierenden Tourismus’ untersucht mustergültig die Antriebskräfte von Urlaubern. Der klare Befund: Größer noch als die Utopien der Urlauber wäre wohl nur diejenige, sie ihnen nehmen zu können.

Erholungsaufenthalt statt Urlaub

In der DDR wurde dies nämlich implizit versucht. Der Staat trat als Veranstalter auf und Urlaub wurde zu einer staatlichen und gewerkschaftlichen Dienstleistung. Noch vor der Gründung der beiden deutschen Staaten formierte sich 1947 in der sowjetischen Besatzungszone der "Feriendienst der Gewerkschaften". Im Sommer desselben Jahres verreisten bereits 17.500 Urlauber mit diesem Feriendienst. Zuletzt verbrachten in der DDR jährlich rund fünf Millionen Besucher ihre Ferien in Heimen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) oder betrieblichen Erholungseinrichtungen.

Schon die Wortwahl ist verräterisch, offiziell sprach man in der DDR nicht von Urlaub, sondern von Erholungsaufenthalt. Weil Arbeit und Erholung als harmonische Einheit und die Ferien als in die Freizeit hinein verlängerte sozialistische Lebenswelt verstanden wurden, war der Gegensatz zwischen Alltag und Urlaub aufgehoben – zumindest in der Theorie. An Badeseen eingerichtete Ernst-Thälmann-Gedenkstätten waren so gesehen zwar folgerichtig, "aber in Bezug auf die Funktionärswunschträume verhielten sich die DDR-Urlauber nun allerdings völlig antiutopisch", sagt Görlich.

"Fernweh nach der Freiheit"

In den Ferien wollte niemand etwas von Ernst Thälmann wissen. Das Gedenken an antifaschistische Widerstandskämpfer war ja genau jener Alltag, dem im Urlaub jeder zu entfliehen bestrebt ist. Das Raus aus dem Alltag ist sogar viel entscheidender als das Rein in die Badehose.

So zumindest analysierte es im Jahr 1958 Hans Magnus Enzensberger in seinem 20-seitigen Essay Theorie des Tourismus , der trotz der fachlichen Außenseiterrolle seines Urhebers bis heute einer der markantesten Beiträge zur Tourismusforschung in Deutschland geblieben ist. Tourismus, so Enzensberger, speise sich aus dem Verlangen nach Glück und Freiheit; "Fernweh nach der Freiheit" nannte es der Schriftsteller. Damit umreißt er wiederum nichts anderes als den utopischen Anspruch aller Reisenden. Er konstatierte zugleich, dass jeglicher Versuch ihrer Alltagsflucht zum Scheitern verurteilt sei.

Nacktbaden statt Italien

"Überall folgt der Urlauber klassischen Enzensbergerschen Vorgaben", sagt Autor Christoph Görlich, sei es nun heute oder in der sozialistischen DDR: "Seit Goethe will der Deutsche zwar nach Italien , wer das aber wie die DDR-Bürger nicht durfte, konnte sein Freiheitsbedürfnis auch mit Nacktbaden am Ostseestrand steigern." Das Bedürfnis bleibt dasselbe, nur der Ort, um es auszuleben, ist äußerst variabel.

Görlichs Bemerkung geht über das Enzensbergersche Diktum aber noch hinaus: Sie liefert nicht nur ein Argument für die Triftigkeit von Enzensbergers Thesen, sondern beweist, wie unsinnig die Vorstellung ist, daran würde sich etwas ändern lassen. Das Fernweh nach der Freiheit ist resistent gegen jede Form von Ernst-Thälmann-Gedenkstätten und Reisebeschränkungen.

Der Utopieverlust der Führung

Harry Tisch , Vorsitzender des FDGB, begriff das erst 1982, in einer so außerordentlich banalen wie prominent gewordenen Äußerung auf dem 10. FDGB-Kongress. Er erkannte die individualistischen Ansprüche von Urlaubern erstmals hochoffiziell an – mit dem Satz: "Wenn er laufen will, mag er laufen; aber möchte er schlafen, dann soll man ihn nicht stören."

Deswegen muss die Geschichte des DDR-Tourismus zwar als die eines großen Utopieverlustes geschrieben werden – allerdings dem der Führung. Mit einem scheinbar unpolitischen Akt, dem Verreisen, ließ sich das Establishment in seine Grenzen verweisen. Die politische Kaste hatte schlicht das Grundlegende nicht verstanden: Niemand kann dem Reisenden seine Utopien rauben, weil sich ohne sie die Reise erübrigt hätte. Die Utopie ist schon im Gepäck, noch bevor das erste Paar Socken im Koffer landet.