GiglioWracktourismus zur "Costa Concordia"

Die Bergung des Wracks der "Costa Concordia" hat begonnen. Die Leute in Giglio dachten, die Gäste würden wegbleiben – jetzt erleben sie einen Touristenansturm wie nie. von Paul Kreiner

Die Sonne geht unter über Giglios Touristen und dem Wrack der "Costa Concordia".

Die Sonne geht unter über Giglios Touristen und dem Wrack der "Costa Concordia".  |  © Vincenzo Pinto/AFP/Getty Images

Dass diese hellbraunen Granitklippen zum Liegen sonderlich bequem wären, hat noch niemand behauptet. Die Leute aber schreckt das nicht. In Massen kommen sie hierher. Sie breiten ihre Badetücher aus, wo immer der Fels es zulässt, sonnen sich, springen ins glasklare, türkisfarbene Wasser, schnorcheln bunten Fischen hinterher oder schauen einfach nur aufs Meer hinaus, wo unzählige Motorboote ihre Schaumspuren über die Wellen ziehen oder weiße Segelboote still vorübergleiten.

Fröhliche Szenen sind das vor der Insel Giglio – Hochsommer, Ferien und Mittelmeer, wie es idyllischer nicht geht. Im Bogen der Klippen, gleich neben dem Hafen, ist zum ruhigen Plantschen sogar ein richtiger Pool entstanden. Große Wellen kommen hier nicht herein. Dafür sorgen die gelbroten Ölsperren, die sich kilometerweit durchs Wasser ziehen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Denn draußen, keine hundert Meter vor der Badebucht, liegt in immer noch blendendem Traumschiff-Weiß das Wrack des Jahres: die Costa Concordia .

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Aber wie klein sie geworden ist! Sieben Monate lang, seit der Havarie am 13. Januar , hat der Kreuzfahrtriese mit seinen 290 Metern Länge und seiner Hochhaushöhe das Bild der winzigen Insel beherrscht. Diese Woche nun ist eine bullige Arbeitsplattform vor der Costa Concordia aufgefahren, selbst mehr als hundert Meter lang; turmhohe Kräne überragen das Wrack und rahmen es auch von der Landseite her ein. Derart in die Zange genommen sieht das Schiff plötzlich aus wie Spielzeug. Bei genauem Hinsehen zeigen sich gar erste Rostspuren. Es ist Zeit geworden. Die Arbeiten zur Bergung haben begonnen.

Die größte Bergung der Weltschifffahrtsgeschichte

"Gut geht’s voran", sagt Ingenieur Alessandro Vettori, der im weit aufgeknöpften weißen Hemd vor der Bar Fausto an der Hafenpromenade sitzt. Auf Vettori stößt, wer sich beim Bergungskonsortium Titan-Micoperi nach dem Stand der Dinge erkundigt. Vettori gehört zur Reederei Costa, und deshalb versichert er auch in jedem dritten Satz, sein Unternehmen scheue keinerlei Mühe und Kosten, der Insel ihre Unberührtheit komplett zurückzugeben. Die Bergung, hat neulich ein italienischer Fernsehsender vorgerechnet, werde locker so teuer wie ein neues Kreuzfahrtschiff – also 400 Millionen Euro aufwärts –, aber Vettori sagt: "Das Geld war das letzte aller Kriterien." Und was die Arbeiten betrifft, so haben sich Reederei, Bergungsfirmen und Zivilschutz sowieso entschlossen, mit einer Stimme zu sprechen.

Fürs Erste kennt diese Geschlossenheit keine Kratzer, auch wenn die Arbeiten im Verzug sind. Ende Juli, hatte es ursprünglich geheißen, sollten landseitig so viele Betonpfähle in den Granitboden gesenkt und das Wrack mit so starken Drahtseilen an ihnen gesichert sein, dass es nicht in den nahen Meeresabgrund rutschen könne. Die Bohrungen beginnen aber erst jetzt. Man hat sich auf die Sprachregelung geeinigt, es gebe keine Verspätung. Nur hätten – zum Besten von allen – die technischen, die geologischen und die Umweltsondierungen eine "ingenieurtechnische Verfeinerung" der Pläne nach sich gezogen. Und, so fügt Vettori hinzu, bis alle Materialien, alle Spezialisten, alle Subunternehmer beieinander gewesen seien für diese größte Bergung der Weltschifffahrtsgeschichte.

Früher Dauermieter, heute Eintagstouristen

Kürzlich bekamen die Bürger von Giglio den "endgültigen Aktionsplan" vorgelegt. Nun wissen sie, dass es mit dem erhofften Abschleppen der Costa Concordia zum ersten Jahrestag der Havarie nichts wird. "Ende Frühjahr 2013" lautet der neue, "definitive" Termin, und selbst wenn das Schiff dann, aufgerichtet und umgeben von einem Schwimmreifen aus Stahlcontainern, die Insel verlassen hat, soll es noch einmal vier Monate dauern, bis der Meeresboden aufgeräumt und wieder mit ökologisch wertvollem Seegras begrünt ist.

Deshalb sieht die Insel Giglio auch noch ihre zweite Touristensaison gefährdet. Aber was heißt gefährdet? "So viele Tagestouristen wie dieses Jahr hatten wir noch nie", sagt eine Verkäuferin von Badetextilien am Hafen. "So richtig trauen sie es sich zwar nicht zu sagen, aber alle kommen, um die Costa Concordia zu sehen."

Die Ausflüge vom Festland auf die 15 Kilometer vorgelagerte Insel seien "ein richtiges Business" geworden, sagt die gebürtige Wienerin Gertraud Lang-Schildberger, die seit Jahrzehnten an der Hafenpromenade Wohnungen und Häuser vermittelt. "Früher war Giglio sehr elegant, sehr ruhig, eine Sache für Einzeltouristen, für Dauermieter, die vier Wochen blieben. Giglio war auch immer viel teurer als Rimini oder Riccione drüben an der Adria. Heute kommen die Leute gruppenweise, für einen halben Tag, nur wegen der Costa Concordia ."

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