Wussten Sie, dass …Kreta feiert vorchristlichen Baumkult

Im Wettlauf zu den Apfelbäumen: Jeden September feiern die Menschen auf Kreta eine besondere Ökumene zum Fest der Kreuzerhöhung. Immer mehr moderne Pilger nehmen teil. von Luisa Schuschnigg

Der Kófinas ist die höchste Erhebung des Asteroússia-Gebirges auf Kreta.

Der Kófinas ist die höchste Erhebung des Asteroússia-Gebirges auf Kreta.  |  © Roger Laot

Der Kófinas ist die höchste Erhebung des Asteroússia Gebirges, des viertgrößten Gebirgsstockes auf Kreta. Der höchste Punkt liegt auf 1.236 Metern. Und er ist der markanteste Berg der Insel: Das langgezogene Gipfelplateau ist von hohen Felswänden begrenzt. Das feste Plattengestein erscheint wie ein Amphitheater. Mitten in dieser spektakulären Naturkulisse befindet sich ein Gipfelheiligtum aus spätminoischer Zeit, etwa 16. Jahrhundert vor Christus: ein Gipfelkreuz und eine Gipfelkapelle.

Wirft man einen Blick in alle Himmelsrichtungen, liegt nördlich die Hauptstadt Iráklion, südseitig leuchtet das libysche Meer. Sieht man Schiffe nach Osten ziehen, ist das Ziel meistens der Suezkanal. Blickt man direkt in die Tiefe, liegt an der Küste am Strand ein Kloster – Moní Koudoumá. Schaut man hoch in den Himmel, kreisen garantiert Greifvögel: Das ganze Gebiet ist als Naturschutzgebiet für Gänsegeier und Bartgeier bei Natura 2000 deklariert.

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Am Vortag der jährlichen Gipfelmesse am 14. September macht sich die männliche Jugend des nächstgelegenen Dorfes Kapetanianá auf den Weg. Wer als erstes die Apfelbäume erreicht, darf am nächsten Tag die Reihe der "Überbringer der heiligen Äpfel" anführen – und wird empfangen mit dem Segensspruch: "Die Freude des Kófinas sei deine Hilfe!"

Auf der Suche nach der Wasserleitung der Gottesmutter

Die Bäume stehen an exponierten Stellen, wurzeln oft in Felsspalten der hohen Kalkwände. Ohne wendiges Klettern kommt keiner ans Ziel. Es werden ganze Ästchen mit Früchten abgebrochen. Auch für die Mutigsten hängen die Äpfel zu luftig. Danach suchen die jungen Männer eine Quelle; sie liegt unterhalb der am Sattel sitzenden Kapelle Panagía Kerá (Allheilige Herrin). Die Bezeichnung der Quelle als "Wasserleitung der Gottesmutter" klingt ein wenig klempnerisch-skurril und für ein Heiligtum erstaunlich humorvoll.

Dort ruht die eroberte Ernte über Nacht im Nass. Der Volksmund ist überzeugt, diese Handlung mache die Äpfel rot. Am nächsten Morgen werden sie in einem kunstvoll geflochtenen Korb zum Gipfel getragen.

Ökumene von Christentum und Baumkult

Der Pope knotet seinen Mantel. So erlangt er mehr Schrittfreiheit und marschiert los. Die ungefähr 150 Höhenmeter sind leicht zu schaffen. In den letzten Jahren hat man einen Weg aus Steinstufen und Eisentreppen angelegt. Vorher musste man, wie Gipfelfunde belegen, tausende Jahre lang an den steilen Nordhängen Geröllfelder überqueren, ausgesetzte Felsstellen passieren und Rinnen hochklettern, bis man endlich den höchsten Punkt erreichte.

Bei der steinernen Kapelle angelangt, beginnt der Pope, umringt von der Schar der Gläubigen, die Liturgie. In Weihrauchschwaden gehüllt, hebt er den Apfelkorb über sein Haupt. Er trägt ihn dreimal um den Gipfel. Begleitet von den Pilgern, hält er in der Mitte des Weges inne, nimmt sowohl das Heilige Kreuz als auch einen Äpfel tragenden Zweig in seine Hände und weiht die vier Himmelsrichtungen. Nach dieser Zeremonie werden die Äpfelchen verteilt. Orthodoxes Christentum und vorchristlicher Baumkult praktizieren am Gipfel die Ökumene.

Luisa Schuschnigg
Luisa Schuschnigg

Luisa Schuschnigg, geboren 1959 in Kärnten, Österreich, nutzte schon ihre Schulferien für Au-pair-Aufenthalte in Südfrankreich, Holland und der Schweiz. In den 1980ern arbeitete und wohnte sie mit Familie in der damaligen DDR und in Russland. Heute führt sie gemeinsam mit Ehemann Gunnar auf Kreta ein Gästehaus, in Kapetanianá, einem Bergbauerndorf in 800 Meter Seehöhe. www.korifi.de

 Früher wie heute schlicht und bescheiden

Die Prozession auf den Kófinas war in den vergangenen Jahrzehnten das bedeutendste Ereignis der umliegenden Dörfer und der Messará-Ebene. Mit dem Ausbau des Gipfelweges erleichtert es den modernen Pilgern die Wallfahrt. Und dementsprechend zahlreich ist die Teilnahme der Bevölkerung.

Der heilige Ort auf dem Gipfel war – abgesehen von seinen Glanzzeiten in der Antike – bis ins 19. Jahrhundert eine bescheidene Anbetungsstätte mit der Bezeichnung Aféndis Christós, Herr Jesus Christ. Später wurde an dieser Stelle eine schlichte Steinkapelle errichtet und dieser laut einer Legende der Name Tímios Stavrós – Heiliges Kreuz – verliehen. Sie feiert am 14. September ihren Namenstag.

Die Weihe der Auferstehungskirche in Jerusalem

Eine zweite Kapelle, die Panagía Kerá – Allheilige Herrin –, liegt heute etwas verwaist im Schatten, nicht nur ihrer nördlichen Lage wegen. Die ältesten Grundrisse der Kapelle stammen aus byzantinischer Zeit (1000 bis 1260), einer Epoche, während der man ihr wesentlich mehr Bedeutung zugestand als der Anbetungsstätte in über 1.200 m Höhe. Ob nun Gläubige zum Tempel der Großen Göttin Erdmutter, der Göttin Athene oder zum Gotteshaus Panagía Kerá pilgerten, immer trugen sie dieselben zeitlosen Sehnsüchte nach Glück und Gesundheit zu diesen auserkorenen Plätzen, die gleichzeitig ein Dorado für Archäologen sind – wenig ist bis jetzt erforscht. Die Jahresliturgie dieser Kapelle findet acht Tage vor dem 14. September statt.

Warum das Septemberdatum? Am 14. September 335 weihte man in Jerusalem im Auftrag von Kaiser Konstantin die Auferstehungskirche – heute als Grabeskirche bekannt – und stellte in ihr die Kreuzreliquie Christi aus. Laut Überlieferung holte sie im Jahr 325 Konstantins Mutter Helena nach Konstantinopel. Persische Gruppen fielen 618 in Jerusalem ein und verschleppten Bischof Zacharis zusammen mit der hochverehrten Reliquie in die Nähe von Bagdad. Wenige Jahre später siegte der oströmische Kaiser Heraklios über die Perser und brachte die Reliquie 630 wieder zurück.

Seit 530 gibt es ein Fest der Kreuzerhöhung, 629 setzte man es auf den 14. September fest. Auf Kreta tragen besonders Gipfelkapellen den Namen Tímios Stavrós ("Heiliges Kreuz") bis heute. 

Erschienen im Michael Müller Verlag

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    • Serie Sehenswert - Wissenswert
    • Schlagworte Jerusalem | Kreta | Bagdad
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