Nachhaltiges ReisenTouristischer Ablasshandel im Namen der Umwelt

Reisen bedeutet heute oft fliegen. Das schadet der Umwelt. Über Kompensationsanbieter kann man sich ein reines Gewissen kaufen. Doch die Preise schwanken – wieso? von 

Ein reines Gewissen für einen klimaneutralen Flug von Frankfurt am Main nach Palma de Mallorca kostet zwischen 2,90 Euro und 13,20 Euro. Alternativ kann man 1,54 Bäume pflanzen. Unterschiedliche Anbieter berechnen unterschiedlich viel Geld für Kompensationen des Reise- und Flugverhaltens. Auf der deutschen Webseite der gemeinnützigen Naturschutzorganisation naturefund zum Beispiel muss man Start-und Zielflughafen eingeben. Das Ergebnis für die Strecke Frankfurt am Main nach Palma de Mallorca: Auf dem Flug produziere man 926 Kilogramm Kohlendioxid und man müsste 1,54 Bäume pflanzen, um seine persönliche Klimabilanz wieder auszugleichen. Die amerikanische Firma terrapass kommt für dieselbe Strecke gerade mal auf ein Drittel der Emissionen: 317 Kilogramm. Und der englische Anbieter Resurgence , Ableger eines Umweltmagazins, errechnet 691 Kilogramm.

Woher stammen diese Zahlen? Wie funktionieren Kompensationsrechner – und warum kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen?

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"Der Radiative Forcing Index ist meist der Grund, warum die Berechnungen voneinander abweichen", sagt Wolfgang Strasdas. Der Professor für nachhaltigen Tourismus an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde beschäftigt sich seit Jahren mit Kompensationsrechnern. So haben er und einige Kollegen zum Beispiel vor zwei Jahren für den Bundesverband der Verbraucherzentrale deutsche Kompensationsanbieter miteinander verglichen.

Uneinigkeit über die Höhe der Berechnung

Um zu verstehen, was der Radiative Forcing Index (RFI) ist, muss man etwas ausholen. Neben Kohlendioxid tragen beim Flugverkehr in großer Höhe auch Stickoxide, Kondensstreifen und Eiswolken zur Erderwärmung bei. Die Klimawirkungen dieser Stoffe werden auf diejenigen des Kohlendioxids umgerechnet. Dies geschieht mithilfe des RFI – das ist die Zahl, mit der man den bloßen CO2-Ausstoß multipliziert. Das Ergebnis ist die Erwärmung, die die verschiedenen Schadstoffe eines Flugzeuges hervorrufen. Man spricht von CO2-Äquivalenten.

Wie hoch der RFI ist, darüber streiten sich die Experten. Die wenigen Studien, die es dazu gibt, kommen auf Werte zwischen 1,9 und 5,8. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) legte 2,7 als besten Mittelwert fest (2007). Das Umweltbundesamt geht seine Schätzungen konservativer an und ordnet den Faktor zwischen 3 und 5 ein, die britische Umweltbehörde DEFRA gibt 1,9 als Empfehlung heraus.

Wird die Rechenweise offengelegt?

Mit dem RFI-Faktor 2 arbeitet in Deutschland zum Beispiel myclimate . Ein Flug von Frankfurt nach Mallorca liegt demnach bei 550 Kilogramm CO2-Äquivalenten. Myclimate ist unter anderem Partner von TUI und Lufthansa . Bei Lufthansa aber erhält man als Wert für denselben Flug nur 340 Kilogramm CO2, denn der Lufthansa-Rechner berücksichtigt keinen RFI. Auch Terrapass tut dies nicht. Je höher der RFI ist, desto teurer ist die Kompensation eines Flugs, weil berechnet wird, dass mehr Schadstoffe pro Flug ausgestoßen werden.

"Berechnungen ohne RFI sind vollkommen unrealistisch", sagt Touristik-Professor Wolfgang Strasdas . Einen guten Kompensationsrechner erkenne man nicht nur daran, dass er mit einem RFI von mindestens 1,9 rechnet, sondern auch daran, dass die Rechenweise offengelegt wird. Darüber erfährt man mitunter nichts – oder zumindest nichts, was der Laie verstehen könnte. Was man als Verbraucher auf den ersten Blick erkennt, ist, dass die Rechner unterschiedliche Daten abfragen. Einige benutzen die Flugstrecke, andere, wie etwa der englische Anbieter Resurgence, erkundigen sich nur, wie viele Stunden man auf Kurz-, Mittel- und Langstreckenflügen verbracht hat. Bei dem amerikanischen Anbieter terrapass kann man entweder das eine oder das andere angeben.

Uneinheitliche Abfrage

Kaum ein Rechner fragt Daten über Sitzklasse, Flugzeugtyp, Wetterverhältnisse oder Zwischenstopps ab. Nur bei Atmosfair kann man angeben, ob man in der Businessklasse eines Airbus 380 auf einem Linienflug ohne Zwischenstopp saß oder in einer Boeing 747 in der Economyclass während eines Charterfluges mit Zwischenstopp. Das macht einen Unterschied, denn die Flugzeuge verbrauchen unterschiedlich viel Treibstoff – und wer Businessclass fliegt, nutzt mehr Platz, ergo wird für ihn ein höherer durchschnittlicher Spritverbrauch angesetzt.

Wie die Anbieter aber von den geflogenen Kilometern und Stunden in der Luft auf die Menge an Kohlendioxid kommen, darüber erfährt man selten etwas. Die Webseiten der meisten Anbieter sind intransparent und verständliche Erklärungen sind Fehlanzeige.

Leserkommentare
  1. "... kann man sich ein reines Gewissen kaufen. Doch die Preise schwanken – wieso?"
    ###
    Weil Gewissen - wie jedes andere Produkt - einen jeweils aktuellen (und damit schwankenden) Marktwert hat.
    Wobei sich allerdings die Frage stellt, wer das "Produkt Gewissen" eigentlich braucht.

  2. Gestern abend konnte man sich in der Glotze wieder von einer vermeintlichen Katastrophe zur nächsten vermeintlichen Katastrophe hangeln. Im Gedächtnis geblieben sind mir vom Hessischen Rundfunk die Simulation eines eintägigen Stromausfalls und vom ZDF irgendetwas mit Kaffee. Zwischendurch und danach gab es noch mehr, allerdings bin ich zwischendurch und danach immer wieder eingeschlafen. So ähnlich geht es mir bei dem Artikel. Ja, es ist alles ganz fürchterlich, und bald geht die Welt unter. Deshalb ist es mir vollkommen sch*****egal, wieviel CO2 ich produziere.

    P.S.: Der ZDF-Beitrag war zumindest ganz lustig. Am häufigsten waren die beiden ReporterINNEN(?) selbst im Bild. Da konnte man schön mitverfolgen, dass die eine ihre grüne Hose in Hamburg, in Frankfurt, in Genf (oder war es Lausanne) getragen hat. Muss die vielleicht gerochen haben ... Egal, Hauptsach Waschmittel gespart und das Ökogewissen hat Ruhe.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kiada
    • 14. Januar 2013 12:00 Uhr

    Das Einzige was ihr Kommentar mit seinen relativ vielen "Fans" aufzeigt, ist wie sehr sich schon unsere Gesellschaft von Konsum abhängig gemacht hat und deshalb die "Egal-Haltung" annimmt.
    Ihre "Argumentation" erinnert mich ganz stark an den Kindergarten, wo man einfach nur noch sagt "Du stinkst", um seine "Argumente" zu "unterstützen". Traurig, dass man solche Kommentare auch bei "Die Zeit" lesen muss.
    Auch würde mich interessieren, ob Sie Kinder haben, wie alt sie sind. Leute, wie sie, sind leider der Beweis dafür wie ignorant unsere Gesellschaft geworden ist.
    Beweis auch dafür, dass unsere Gesellschaft überfordert ist mit den Problemen, die sie selbst als Ablenkung für grundlegende Probleme, geschaffen hat.

  3. Der Artikel enthält viele Fakten und ist an sich nicht verkehrt. Der Titel allerdings, der ja eine Zusammenfassung, ein Fazit oder einen Kernaspekt herausstellen sollte, geht völlig am Artikel und an der Realität vorbei.

    Wer den Klimaussgleich wählt, neutralisiert oder im schlimmsten Falle neutralisiert zumindest zu einem großen Teil den verursachten CO2-Ausstoß. Die Diskussion über Standards bei der Berechnung ist ja richtig und wissenschaftlich notwendig, aber RELEVANT ist doch zunächst mal, DASS ausgeglichen oder fast ausgeglichen wird. Alle namhaften Reiseveranstalter und Fluglinien, die dies anbieten, arbeiten mit Gold-Standard oder VCS-Standard Projekten. Das sind die 2 weltweit strengsten und transparentesten Standards - da kommt das Geld an und der berechnete Effekt auch!

    Die pseudowissenschaftliche Diskussion dient bestens dazu, bloss nichts zu machen, solange nicht alles als 100% wissenschaftlich einheitlich bestätigt vermeldet wird. Und die ZEIT macht prima mit. Schade um eine so einleuchtende, einfache und funktionierende (!) Methode, sich zu engagieren. Gott sei Dank sehen das viele Menschen anders.

  4. Ich war grade zwei Wochen in Portugal. Erst Lissabon wieviele Autos da fahren. Die ganze Stadt quillt über vor Autos und Abgasen. Dann war ich weiter an der Algarve. Noch vor zehn Jahren konnte man am Strand spazieren gehen ohne Angst zu haben in Dosen, Plastikmüll etc. zu treten. Heute werden unmengen an Müll angespüllt.

    Außerdem sind die Flughäfen voll von Leuten. Mal eben übers Wochenende um die Welt fliegen.

    Also lassen wir doch diesen ganzen Quatsch mit der Umwelt.
    Das interessiert doch erst die Generation die die letzte sein wird....

    Gruß aus Münster

    • eeee
    • 28. September 2012 11:03 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/kvk

    • ohp
    • 01. Oktober 2012 11:28 Uhr

    Die unterschiedlichen Resultate der verschiedenen Rechner erklären sich nicht nur durch die RFI Faktoren, sondern auch durch die CO2-Menge pro Personenkilometer. Es wäre wünschenswert, wenn das Bundesumweltamt hier eine klare Richtlinie vorgeben würde anstatt nur eine vage Empfehlung bzgl. des RFI anzugeben. Die Briten sind hier deutlich weiter. Der von der DEFRA empfohlene RFI-Wert von 1,9 stammt im Übrigen von dem Forscherteam, das für den IPCC den Wert 2,7 ermittelt, sich aber anschließend korrigiert hat.

    Die unterschiedlichen Projektpreise sind nicht allein durch die Projektkosten begründet, sondern richten sich eher nach den Marktpreisen für die Tonne CO2. Allerdings haben nicht alle Anbieter ihre Preise entsprechend angepasst. Gold Standard sind auch deshalb teuer, weil sich der Brand sehr erfolgreich positioniert hat. Der Verified Carbon Standard erfüllt ebenso strenge Berechnungskriterien, ist aber in der Regel deutlich günstiger und somit effektiver, da hohe Preise auch dafür sorgen, dass Passagiere nach wie vor zu wenig zum freiwilligen Klimaschutz beitragen.

    Wie Professor Strasdas richtig bemerkt, Emissionen vermeiden ist besser, als zu kompensieren. Speziell für Flugreisen gilt aber auch, kompensieren ist besser, als über Sinn und Zweck oder Berechnungsmethoden zu lamentieren. Ebenso ist es kontraproduktiv, durch überhöhte Preise für die Tonne CO2 die Passagiere, die bereit wären einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisen, zu vergraulen.

    • Kiada
    • 14. Januar 2013 12:00 Uhr

    Das Einzige was ihr Kommentar mit seinen relativ vielen "Fans" aufzeigt, ist wie sehr sich schon unsere Gesellschaft von Konsum abhängig gemacht hat und deshalb die "Egal-Haltung" annimmt.
    Ihre "Argumentation" erinnert mich ganz stark an den Kindergarten, wo man einfach nur noch sagt "Du stinkst", um seine "Argumente" zu "unterstützen". Traurig, dass man solche Kommentare auch bei "Die Zeit" lesen muss.
    Auch würde mich interessieren, ob Sie Kinder haben, wie alt sie sind. Leute, wie sie, sind leider der Beweis dafür wie ignorant unsere Gesellschaft geworden ist.
    Beweis auch dafür, dass unsere Gesellschaft überfordert ist mit den Problemen, die sie selbst als Ablenkung für grundlegende Probleme, geschaffen hat.

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  • Schlagworte Lufthansa | Umwelt | Boeing | TUI | Umweltbundesamt | CO2
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