MadagaskarDie bedrohten Engel von Marojejy

In Madagaskars Nationalpark Marojejy leben die Seiden-Sifakas. Diese Lemuren sind vom Aussterben bedroht. Forscher wollen sie retten. Auch Touristen sind willkommen. von 

Seiden-Sifakas gibt es nur auf Madagaskar. Doch auch hier sind die Tiere vom Aussterben bedroht.

Seiden-Sifakas gibt es nur auf Madagaskar. Doch auch hier sind die Tiere vom Aussterben bedroht.  |  © Franziska Badenschier

Der Mann sucht seine Engel. In Regenhose und Wanderstiefeln stiert er in die Baumkronen: Alles ist so grün. So viele Schattierungen einer Farbe. Der Mann blinzelt. Ihm rinnen Schweißperlen in die Augen.

Keine Engel in Sicht.

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Erik Patel stapft weiter, immer tiefer in den Wald des Nationalparks Marojejy, in einen der letzten noch halbwegs unberührten Regenwälder Madagaskars . Immer wieder schaut er nach oben. "Die Engel müssen hier irgendwo sein", sagt der US-Amerikaner.

Die Engel von Marojejy: Das sind Lemuren mit seidenweißem Fell – die Silky Sifakas , auf Deutsch Seiden-Sifakas. Außerdem sei die eigentlich schwarze Haut weitestgehend entfärbt, so dass das Gesicht, die Hände und die Füße der Tiere rosa schimmern, erklärt Erik Patel . Er sucht also weiße Kleckse im grünen Wald. Doch die einzigen hellen Flecken in der Baumkrone sind jene Stellen, durch die die Sonne gleißendes Licht in den Regenwald wirft.

Die Seiden-Sifakas sind vom Aussterben bedroht

"Die Engel werden schon auftauchen", sagt Patel zuversichtlich und wischt sich Schweiß aus dem Gesicht. In den vergangenen elf Jahren hat er 31 Gruppen mit insgesamt 131 Seiden-Sifakas entdeckt. Nun arbeitet er für das US-amerikanische Duke Lemur Cente r. Kein anderer Wissenschaftler hat wohl so viel Zeit bei den Engeln von Marojejy verbracht: Jedes Jahr verbringt Patel drei bis zehn Monate bei seinen Silkies . Er kennt sie alle mit Namen. Einst hatte er im Zoo von San Diego mit Menschenaffen gearbeitet und in Puerto Rico mit Affen. Dann kam er nach Madagaskar: "Lemuren sind so einzigartig." Und selten.

Nur noch 300 bis 2.000 Seiden-Sifakas gibt es schätzungsweise. Sie leben nur hier in Marojejy und in zwei nahe gelegenen Naturschutzreservaten. Nirgendwo sonst auf dieser Welt kommen sie vor, nicht einmal in anderen Ecken Madagaskars. Das nennt man mikroendemisch. "Und in Gefangenschaft überleben sie nicht", sagt Patel. Damit gehört die Art Propithecus candidus zu den seltensten Säugetieren der Welt. Sie steht auf der Roten Liste bedrohter Arten , seit 2008 gilt sie als vom Aussterben bedroht.

Marojejy braucht Hilfe – und verdient sie

Patels Forschungsassistent Rabary Désiré, der für den Nationalpark als Touristenführer arbeitet, hat bislang in einem fort geplappert: Diese Pflanze hier sei importiert worden, dieser Frosch komme nur auf Madagaskar vor, und das Chamäleon dort lege gerade Eier.

Doch als Patel erzählt, wie es um die Silkies steht, wird Rabary Désiré ganz still. " Poor Silkies ", "arme Seiden-Sifakas", sagt er nur. Erik Patel hat eine Nichtregierungsorganisation gegründet: "Simpona" soll Spenden sammeln und den Umweltschutz in Marojejy vorantreiben. "Es gibt nur sehr wenige Wälder in der Welt, die so viel Hilfe benötigen und verdienen wie Marojejy", sagt der Forscher.

Grün, grüner, neongrün

Im Grün-in-Grün des Regenwaldes taucht ein neuer Farbton auf: neongrün. Es ist die Regenjacke von Janvier. Er ist einer der zwei Silkies -Aufspürer in Patels Team: Sie suchen die Silkies und verfolgen sie dann den restlichen Tag lang, bis die Tiere sich in ein paar Bäumen einen Schlafplatz einrichten. Die Aufspürer merken sich den Ort und kommen am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang wieder, um bei den Silkies zu sein, wenn diese aufwachen und weiterziehen. Janvier hockt auf einer Baumwurzel und schaut gelassen in die Baumkronen. Patel folgt Janviers Blick. Da sind sie: die Engel von Marojejy! Kleine weiße Knäuel mit schwarzen Augen!

"Das ist unsere Hauptuntersuchungsgruppe", stellt Erik Patel vor. Sie lebe recht nah am Hauptwanderweg des Marojejy-Nationalparks und sei deswegen gut über Monate und sogar Jahre hinweg zu beobachten. Nach und nach lassen sich die sechs Gruppenmitglieder blicken: das erwachsene Männchen, die zwei erwachsenen Weibchen sowie zwei Jungtiere und ein acht Monate altes Baby. Patel gibt die Tagesaufgabe vor: "Die Frage ist: Ist das acht Monate alte Baby ein Männchen oder ein Weibchen?" Die zwei Geschwister sind nämlich Jungs – es wäre mal wieder Zeit für ein Mädchen.

Janvier und sein Kollege Nestor sind sich auch sicher: Es ist ein Mädchen. Die beiden Männer besuchen diese Silkies -Gruppe mindestens einmal pro Woche, sie haben den jüngsten Engel schon öfter gesehen. "Aber wir lagen schon so oft falsch", warnt Patel.

Das Problem ist: Bei Gorillas, Pavianen und anderen Primaten sind die Männchen im Durchschnitt größer als die Weibchen – Lemuren hingegen sind die einzigen Primaten, bei denen die Weibchen genauso groß sind wie die Männchen, wenn nicht sogar größer. "Und aus der Ferne sehen die Genitalien dieser Tiere eh gleich aus", sagt Patel. Man könne noch ein Jahr oder anderthalb Jahre warten und dann schauen, ob sich ein brauner Fleck auf der Brust bildet, sagt Patel. Nur die männlichen Sifakas beginnen dann nämlich, ihre Brust an Ästen zu reiben, so dass die Brustdrüse ein Sekret absondert und ein Fleck entsteht.

Dunkle Wolken über dem Regenwald

Die Seiden-Sifakas springen weiter durch die Bäume. Die Mutter des Babys hat es besonders eilig. Das Baby springt der Mutter hinterher, von einem Baum zum nächsten – und schafft es nicht ganz. Purzelt ein, zwei Meter durchs Geäst, fängt sich wieder, springt weiter. "Mommy, lass' mich nicht zurück", quietscht Patel. Dann holt das Baby die Mutter ein, springt auf ihren Rücken und windet sich um deren Oberkörper, um an die Brust zu gelangen. Es fängt sich eine Ohrfeige.

"Ich habe ja schon immer gesagt: Das ist nicht die liebevollste Mutter", sagt Patel. Der Forscher holt ein Fernglas aus seinem Rucksack, um einen Blick zwischen die Hinterbeine des Babys zu erhaschen. Es gelingt nicht. "Wir sollten morgen noch mal herkommen", sagt Patel und schaut auf die dunklen Wolken über dem Regenwald.

Spielfreudiger Lemuren-Vater

Also stapft Patel am nächsten Tag mit seinem Assistenten Rabary Désiré und den beiden Spürmännern Janvier und Nestor wieder los. Gegen zwölf Uhr lassen sich die Seiden-Sifakas in drei Bäumen zum Mittagsschlaf nieder. Nur das Baby wuselt herum. Es springt weiter zu dem Baum, wo sich der Vater ausruht. Ein paar Sekunden später hängt das Baby kopfüber von einem Ast und beginnt, den Vater auf dem Ast darunter zu kitzeln. "Guter Dad: Er spielt sogar mit", lobt Patel.

Während Silkie senior und Silkie junior miteinander herumtollen, holt Patel wieder sein Fernglas hervor. Da bleibt das Baby ein paar Sekunden still kopfüber hängen: mit dem Bauch und dem Gesicht Patel zugewandt – der hat nun erstmals freie Sicht auf die Genitalien des Babys: "Ein Mädchen!"

Hätte Erik Patel vor elf Jahren die Geduld verloren, er stünde heute nicht hier und würde nicht Vater und Tochter beim Spielen in den Bäumen zuschauen. "Als wir 2001 zum ersten Mal in den Park gingen, haben wir das alles so sehr gehasst, dass wir beinahe aufgegeben hätten", erinnert sich Patel. "Wir konnten die Tiere nicht finden. Wir wussten nicht, wo wir suchen sollten. Und sie flohen wohl auch vor uns. Die ersten zehn Wochen liefen wir einfach durch den Wald, von morgens bis abends, und nie bekamen wir die Silkies zu Gesicht. Wir waren genervt. Außerdem regnete es so viel. Wir hatten keinen Platz zum Essen außer auf dem Waldboden. Wir hatten nicht genügend Lebensmittel dabei. Und ich hatte kaum noch genügend Forschungsgelder."

Doch dann, in der elften Woche, eilten die Tiere an ihm vorbei: "Ich sah sie für gerade einmal gut zehn Sekunden. Dann sprangen sie auch schon wieder fort." Daraufhin konnte Patels Team die Tiere schon ein-, zweimal pro Woche finden und bald schon so gut wie täglich.

Bungalows im Regenwald

Mittlerweile gibt es drei Camps im Marojejy-Nationalpark: Hier können Touristen unterkommen und Wissenschaftler ein Basislager aufschlagen. Mitten im Regenwald stehen Bungalows mit zwei Doppelstockbetten. Die Toilette hat einen ganz normalen Spülkasten, weil ein Fluss in der Nähe fließend Wasser liefert. Und in der großen Freiluftküche sorgt ein Koch für Berge von madagassischem Reis, flambierten Bananen und einen Topf mit heißem Wasser zum Duschen.

Marojejy-Nationalpark

Der Nationalpark Marojejy liegt im Nordosten Madagaskars, im regenreichsten Gebiet der Insel. Dieser Regenwald gehört zu den artenreichsten Gegenden, auch wenn Madagaskar insgesamt schon als Biodiversitäts-Hotspot gilt: Mehr als 2000 Pflanzenarten kommen hier vor, ebenso jede dritte in Madagaskar bekannte Reptilien- und Amphibienart und elf Lemuren-Art. Die Seiden-Sifakas sind die bekanntesten Lemuren Marojejys. Seit 2007 gehört der Regenwald von Marojejy zum UNESCO-Weltnaturerbe. Im Dorf Manantenina gibt es ein Empfangsbüro. Dort kauft man seine Eintrittskarten und heuert einen Parkführer, einen Koch und Träger an.
Offizielle Homepage des Marojejy-Nationalparks von der Dachorganisation Madagascar National Parcs (deutsch, englisch, französisch)
 

Sehenswürdigkeiten

Die Attraktion des Nationalparks Marojejy sind die Seiden-Sifakas. Es gibt aber noch mehr zu entdecken: Eine Badestelle ("Piscine naturelle") etwa drei Kilometer hinter dem Parkeingang erfrischt nach dem ersten Aufstieg. Vom Camp 1 (425 m NN) führt ein 800 Meter langer Weg zu einem Wasserfall. Von Camp 2 (775 m NN) aus lassen sich die elf Lemuren-Arten am besten suchen und finden. Wer höher hinaus möchte, wandert über Camp 3 (1225 m NN) bis zum Gipfel des Marojejy-Massivs. Viele verschiedene Frösche trifft man auf Nachtwanderungen, die von jedem Camp aus möglich sind.

Bedrohte Lemuren

Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Gerade auf der Rückseite des Marojejy-Nationalparks, dort, wo man erst nach drei, vier Tagen Fußmarsch hingelangt, wird der Regenwald geplündert: Früchte sind kostenloses Obst; Pflanzen dienen als Hausapotheke; Edelhölzer werden illegal geschlagen und exportiert; Lemuren werden gefangen, um sie zu essen. Erik Patel, der Seiden-Sifaka-Forscher, findet immer wieder Fallen. Besorgt beobachtet er: "Am Rand des Nationalparks werden Lemuren neuerdings auch mit Waffen gejagt. Die Jäger suchen nicht speziell nach Seiden-Sifakas. Sie gehen einfach in den Park und schießen alle Lemuren, die sie finden können." Die Seiden-Sifakas brächten nun mal mehr Fleisch: Sie sind doppelt so groß wie zum Beispiel die Braunlemuren, die überall durch den Park wuseln und noch nicht als "vom Aussterben bedroht" gelten.
Simpona, die Nichtregierungsorganisation von Patel zum Schutz der Seiden-Sifakas und Forschung

Der Weg nach Madagaskar

Nach Madagaskar fliegt man am besten über Paris (Direktflüge mit den Airlines Air France und Air Madagascar) oder über Johannesburg (mit South African Airlines); Kosten für Hin- und Rückflug je nach Saison ab ca. 1.000 Euro. Bei der Einreise ist ein Visum nötig; das ist erhältlich bei der Botschaft der Republik Madagaskar in Falkensee-Berlin. Ein Touristenvisum für bis zu 30 Tage ist kostenlos. Vor Ort gibt es zahlreiche Reiseveranstalter, die Gruppenreisen sowie auch Individualtouren anbieten. Manche Reiseleiter sind Madagassen, die Deutsch sprechen können, zum Beispiel bei Priori, oder es sind nach Madagaskar ausgewanderte Deutsche wie Klaus Konnerth.

Nestor und Janvier suchen die Silkies nicht nur für Patels Forschung, sondern auch für Touristen. Wenn die nur kommen würden, sagt Rabary Désiré, der Forschungsassistent und Parkführer. Im Durchschnitt besuchen 1.100 Menschen den Nationalpark Marojejy – pro Jahr. Damit ist Marojejy einer der am seltensten besuchten Nationalparks Madagaskars. Zum Vergleich: Den Nationalpark Ranomafana im Südosten des Landes besuchen im Jahresdurchschnitt 25.000 Touristen und Einheimische.

Ranomafana gilt als Madagaskars Vorreiter in Sachen Ökotourismus und ist schneller und preiswerter zu erreichen. Der Tourismus gilt als eine der wichtigsten Devisenquellen für Madagaskar. Doch als es Anfang 2009 einen Putsch gab, brach der Tourismus um mehr als die Hälfte ein. Auch wenn die politische Krise bis heute andauert, so dürften dieses Jahr die Besucherzahlen aus der Vor-Krise-Zeit erreicht werden, sagen Nationalpark-Leiter.

Als Erik Patel mit seinem Team wieder aus dem Wald kommt, sitzen im Garten des Besucherzentrums gut zehn madagassische Männer: Sie sind Naturführer und Gepäckträger. Und warten.

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    • Schlagworte Madagaskar | Baby | Regenwald | Tier | Wald | Puerto Rico
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