Als ich dieses Frühjahr in der Dominikanischen Republik ein Praktikum an der deutschen Botschaft absolvierte, wollte ich auch den anderen Teil der Insel Hispaniola kennenlernen: Haiti. Gespräche mit Haitianern in Santo Domingo, die dort auf Baustellen arbeiteten, hatten meine Neugierde für das Nachbarland geweckt.

Ich lernte den deutschen Weißbierlieferanten Sven kennen, der seit sechs Jahren auf der Hispaniola lebt und ein Vertriebsrecht für beide Inselteile hat. Deshalb fragte ich ihn, ob er mich mit nach Haiti nehmen könnte. Wenige Tage später saßen er, seine haitianische Freundin und ich im Auto und fuhren Richtung Grenze, beladen mit einigen Kisten Bier und geschützt durch verspiegelte Scheiben. Die Kriminalitätsrate ist sehr hoch und besonders häufig werden Weiße Opfer von Kidnapping und bewaffneten Überfällen.

Auf dem Weg zur Landesgrenze passierten wir Armeekontrollstellen, die die illegale Einwanderung von Haitianern verhindern sollen. Um die Kontrollstellen zu umgehen, wandern viele Haitianer über die Gebirge in die Dominikanische Republik, steigen in die Dörfer hinab und fahren dann mit Kleinbussen in die Hauptstadt. Die Emigration auf die Osthälfte der Insel hat nach dem Erdbeben in Haiti stark zugenommen.

Nachdem wir die Grenze überquert hatten, fielen mir gleich die Unterschiede zwischen den beiden Inselhälften auf. Auf der haitianischen Seite stehen nicht nur bunte Holzhütten, wie auf der dominikanischen Seite, sondern unglaublich viele Zeltstädte. Sie entstanden vor zweieinhalb Jahren nach dem schweren Erdbeben, doch noch immer leben Menschen dort. Ich beobachtete, wie Frauen zwischen den Zelten umher wanderten und Körbe, Krüge und andere Waren auf ihren Köpfen trugen.

Am Abend unserer Ankunft in Port-au-Prince empfing uns die Familie von Svens Freundin. Sie waren sehr herzlich und bestanden trotz ihrer Armut darauf, uns ein Abendessen mit Reis und Hühnchen zu servieren. Seit dem Erdbeben leben Sie zwar nicht in der Zeltstadt, sondern noch auf demselben Grundstück, jedoch auf viel beengterem Raum.

Bei Tageslicht zeigte sich das ganze Ausmaß der Armut, in der die Familie lebt: Bettgestelle ragen aus den Mauern der Ruine, die früher ihr Haus war. Alte Bücher für ein Elektrotechnik-Studium liegen herum, dazwischen hausen Hühner, die dort ihre Eier legen. Das Erdgeschoss ist während des Erdbebens eingestürzt, das gesamte Gebäude liegt nun eine Etage tiefer. Glücklicherweise blieb die Familie komplett verschont, als damals am 12. Januar 2010 kurz vor 17 Uhr die Erde bebte.

Mir schien es, als hätte seit dem Erdbeben niemand einen Stein am Haus der Familie wieder aufgebaut. In den Straßen von Port-au-Prince sah ich viele zerfallene Häuser. Ihre Bewohner saßen davor und handelten an kleinen Verkaufsständen mit Früchten. Obwohl es in Haiti mehr Hilfsorganisationen gibt als an irgendeinem anderen Ort der Welt, kommt der Aufbau des Landes nur sehr langsam voran.