Schwimmen im RheinWie Basel lernte, im Fluss zu leben

Basel ist bekannt für seine Chemieindustrie – für die Erholung im Rhein weniger. Dabei hat die Schweizer Stadt in den vergangenen Jahrzehnten ihren Fluss lieben gelernt. von 

Schwimmer unter der Mittleren Rheinbrücke in Basel

Schwimmer unter der Mittleren Rheinbrücke in Basel  |  © Andreas Zimmermann/Basel Tourismus

In blauer Badehose und Badeschuhen geht Marco Kegel rheinaufwärts, an der Promenade entlang, unter der Wettsteinbrücke hindurch, am Strand der Nudisten vorbei. Kurz hinter einem Haus der Chemie-Firma Roche biegt er ab zum Ufer des Rheins, watet hinein, und schon nimmt ihn die Strömung auf. Mehr als drei Kilometer wird sie ihn tragen, durch die Innenstadt von Basel , vorbei am Münster, am Nietzsche-Haus, an der Kulturkaserne. Viele andere Menschen schwimmen im Sommer im Rhein auf Kleinbaseler Seite; die Flussmitte gehört Frachtern und Sportbooten.

Lust auf Stadt - die Themenwoche
Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.

Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.   |  © Tasos Katopodis/Getty Images

Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.

ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.

Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.

Die Folgen der Serie

Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisen

Alle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.

Als E-Book

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Außerhalb der Schweiz ist Basel bekannt als Industriestandort und für seine Lage am Dreiländereck – nicht aber als Badeort. Dabei hat die Stadt  in den vergangenen zehn Jahren gelernt, nicht nur am, sondern mit ihrem Fluss zu leben. Bürger und Behörden diskutierten über formelle und informelle Ufernutzung, über Stadtentwicklung und die Konversion von Industriegebieten und Hafenanlagen. Ähnliche Fragen beschäftigen auch Städte wie Düsseldorf , Hamburg , Berlin , London .

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Der Rhein galt lange als Kloake Europas. Basel ist es gelungen, den Fluss innerstädtisch zum Frei-Bad zu machen. Lange war Schwimmen im Rhein nicht möglich. Durch die Gründung von Pharma- und Chemiefirmen wie Sandoz 1886 und Roche 1896, durch fortschreitende Industrialisierung und die Abwesenheit eines Klärwerks bis in die achtziger Jahre war der Rhein in Basel zu dreckig, um Erholungsqualität zu bieten. Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.

Protest in Monster-Verkleidung und mit totem Aal

Am 1. November 1986 geschah in Schweizerhalle das, was die Baseler heute als Trauma und Erweckungserlebnis bezeichnen. Die Lagerhalle 956 der Firma Sandoz brannte in der Nacht aus, mehr als 1.000 Tonnen Chemikalien – Farbstoffe, Pestizide, Produkte mit Quecksilberverbindungen – gingen in Flammen auf. Mit dem Löschwasser der Feuerwehr flossen dreißig Tonnen Chemikalien in den Rhein. Leuchtend rot wegen des Farbstoffs Rhodamin tötete der Cocktail Flora und Fauna; innerhalb weniger Tage starben auch Hunderte Kilometer entfernt die Fische.

Aktivitäten am Wasser

Der Rhein ist von seinen zwei Quellen im Schweizer Kanton Graubünden bis zur Mündung in die Nordsee etwa 1.233 Kilometer lang. Er berührt die Länder Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und die Niederlande. Lange galt der Rhein als Kloake Europas, heute leben Flora und Fauna wieder. Dennoch ist in Basel jeder Lachs eine Sensation, der es durch die Staustufen der Kraftwerke schafft.

In Basel ist das Schwimmen im Rhein an gekennzeichneten Stellen auf eigene Verantwortung erlaubt; die entsprechenden Schilder stehen am Kleinbaseler Ufer.

Wer lieber in einer begrenzten Zone schwimmen möchte, für den sind die Badehäuser auf der Großbaseler Seite das Richtige: Das Rheinbad Breite bietet neben zwei Badeplattformen ein Restaurant und eine Sauna. Ursprünglicher ist das Rheinbad St. Johann (Santihans-Rhybadhysli) hinter der Johanniterbrücke. Beide Bäder werden von Vereinen betrieben, sind aber für die Öffentlichkeit zugänglich.

Am Ufer des Rheins sieht man kleine Hütten mit einem Metallstab auf dem Dach: Von diesen sogenannten Fischergalgen wurde früher viel gefischt. Die 13 Baseler Fischereiverbände haben sich in der Dachorganisation Kantonaler Fischerei-Verband Basel-Stadt organisiert.

Über die Geschichte der Rheinhäfen informiert das Schweizerische Schifffahrtsmuseum in Kleinhüningen. Einen guten Ausblick über den Hafen, das Dreiländereck und die Stadt bietet der Siloturm.

Im Sommer feiern die Baseler am Rhein: Beim Open-Air-Festival imfluss treten Bands auf einer Bühne im Rhein auf. Im August veranstaltet die Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft SLRG das Rheinschwimmen. 2012 nahmen daran etwa 6.000 Menschen teil.

Der Weg nach Basel

Die Anreise mit dem Flugzeug von deutschen Flughäfen kann direkt zum internationalen Flughafen EuroAirport Basel Mulhouse Freiburg erfolgen; von dort erreicht man die Innenstadt mit der Buslinie 50 in etwa 20 Minuten. Wer nach Zürich fliegt, muss etwas mehr als eine Stunde Zugfahrt nach Basel einrechnen.

Informationen

Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt am Main, Tel. 00800 - 100 200 29 (gratis), Fax: 00800 - 100 200 31 (gratis). E-Mail: info@myswitzerland.com. Internet: Myswitzerland.com.

Diese Reise wurde unterstützt von Basel Tourismus, Aeschenvorstadt 36, CH- 4010 Basel, Telefon (0041) 61 268 68 68, Fax (0041) 61 268 68 70. E-Mail: info@basel.com

Rheinschwimmer Kegel erinnert sich an eine Veranstaltung, bei der "die Chemie versuchte, sich zu rechtfertigen". Kegel und andere empörte Basler hatten sich als Monster verkleidet und Kübel toter Aale aus dem Rhein mitgebracht. Sie gingen aufs Podium und schütteten die Aale "über den Tisch, sodass sie auf die Anzüge klatschen".

Die Mediterranisierung Basels

Jetzt, 26 Jahre später, ist der Rhein wieder die Lebensader Basels. Was sich im Fluss und an seinen Ufern beobachten lässt, hat sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt: Schwimmer und Nicht-Schwimmer sitzen bis in die Nacht auf den Stufen am Rheinufer fröhlich zusammen. Sogenannte Buvetten – Kioske – haben aufgemacht und verkaufen Eis, Bier und Pommes. Die Menschen haben ihr Leben geändert: "Wer am Rhein wohnt, stellt nun Tische heraus, es gibt ambiente italiano ", sagt Kegel.

Er lebt auf Kleinbaseler Seite direkt am Fluss, im Dachgeschoss ist seine Wohnung, in der Beletage seine homöopathische Praxis. Seit sieben Jahren schwimmt der Weißhaarige fast täglich im Rhein: im Hochsommer und bei Wassertemperaturen von 22 Grad, im Winter bei minus 17 Grad Außen- und 1,5 Grad Wassertemperatur. Er schwimmt  selbst bei Hochwasser, auch wenn die Polizei versucht, ihn vom Schwimmen abzuhalten, weil der Rhein in diesen Zeiten Bäume und Äste mitreißt und die Ausstiegshilfen an der Promenade nicht mehr zu sehen sind.

Ungefährlich ist das Schwimmen im Rhein allerdings nie , weder in Basel noch weiter rheinabwärts: Die Strömung des Rheins kann bis zu 12 Stundenkilometer betragen, und durch Wasser- und Wetterverhältnisse sowie Brücken und Schiffsverkehr kann sich die Strömung immer wieder verändern. Jeder schwimmt auf eigene Verantwortung und sollte das auch nur in den ausgewiesenen Zonen tun.

Leserkommentare
  1. schöner artikel! die bezeichnung "kloake europas" ist für mich neu und insofern fragwürdig, als dass der rhein nicht gleich rhein ist. eigentlich wird er erst nach den urbanen gegenden, sprich nach dem bodensee und vor allem nach der basler chemie zu einem dreckigen fluss... in der schweiz kennt man diese bezeichnung dementsprechend weniger als in frankreich, deutschland und nicht zu schweigen von holland...

  2. Bei dem Fährimaa muss man noch darauf hinweisen dass er nicht nur Leute rettet, sondern ihnen auch hin und wieder schwere Verletzungen zufügt.

    http://www.onlinereports.ch/Gesellschaft.112+M5506e666bdc.0.html

    • omnibus
    • 11. September 2012 14:06 Uhr

    Schon im ersten Absatz der Facbox finden sich Fehler: Der Rhein hat nicht nur eine Quelle, sondern zwei: Vorderrhein und Hinterrhein sind beides veritable Gebirgsflüsse, bevor sie sich vereinigen.
    Und der Rhein berührt nicht nur die Länder Schweiz, Deutschland, Frankreich und die Niederlande, sondern ist als Alpenrhein auch der Grenzfluss zwischen der Schweiz und Österreich.

    Ein bisschen mehr Recherche wäre angebracht, notfalls hilft auch Wikipedia weiter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • loeli
    • 11. September 2012 17:20 Uhr

    ...sowie Liechtenstein...

    Redaktion

    @omnibus

    Danke für die Hinweise. Eine Infobox kann und will niemals Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern soll die wichtigsten Informationen zu einem Thema transportieren. Die zwei Rhein-Quellen und die anrainer Länder werden nun genannt.

    Freundliche Grüße, Maria Exner

    • loeli
    • 11. September 2012 17:20 Uhr

    ...sowie Liechtenstein...

    Antwort auf "Factbox"
  3. Redaktion

    @omnibus

    Danke für die Hinweise. Eine Infobox kann und will niemals Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern soll die wichtigsten Informationen zu einem Thema transportieren. Die zwei Rhein-Quellen und die anrainer Länder werden nun genannt.

    Freundliche Grüße, Maria Exner

    Antwort auf "Factbox"
    • Ursli
    • 14. September 2012 9:02 Uhr

    Könnten die ungenannten Autoren die Tatsache, wohl kaum selber in Basel gewesen zu sein bzw. offenbar ohne eine einzige "saubere" (Text-) Quelle geschrieben zu haben, nicht wenigstens nachträglich kaschieren?

    Es heisst "baslerisch" und "Basler". (Und, weniger schlimm, aber weil wir gerade dabei sind: "Sali!", denn das Salü-Saarland ist weit weg vom Rheinknie.)

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