Schwimmen im Rhein : Wie Basel lernte, im Fluss zu leben

Basel ist bekannt für seine Chemieindustrie – für die Erholung im Rhein weniger. Dabei hat die Schweizer Stadt in den vergangenen Jahrzehnten ihren Fluss lieben gelernt.
Schwimmer unter der Mittleren Rheinbrücke in Basel © Andreas Zimmermann/Basel Tourismus

In blauer Badehose und Badeschuhen geht Marco Kegel rheinaufwärts, an der Promenade entlang, unter der Wettsteinbrücke hindurch, am Strand der Nudisten vorbei. Kurz hinter einem Haus der Chemie-Firma Roche biegt er ab zum Ufer des Rheins, watet hinein, und schon nimmt ihn die Strömung auf. Mehr als drei Kilometer wird sie ihn tragen, durch die Innenstadt von Basel , vorbei am Münster, am Nietzsche-Haus, an der Kulturkaserne. Viele andere Menschen schwimmen im Sommer im Rhein auf Kleinbaseler Seite; die Flussmitte gehört Frachtern und Sportbooten.

Außerhalb der Schweiz ist Basel bekannt als Industriestandort und für seine Lage am Dreiländereck – nicht aber als Badeort. Dabei hat die Stadt  in den vergangenen zehn Jahren gelernt, nicht nur am, sondern mit ihrem Fluss zu leben. Bürger und Behörden diskutierten über formelle und informelle Ufernutzung, über Stadtentwicklung und die Konversion von Industriegebieten und Hafenanlagen. Ähnliche Fragen beschäftigen auch Städte wie Düsseldorf , Hamburg , Berlin , London .

Der Rhein galt lange als Kloake Europas. Basel ist es gelungen, den Fluss innerstädtisch zum Frei-Bad zu machen. Lange war Schwimmen im Rhein nicht möglich. Durch die Gründung von Pharma- und Chemiefirmen wie Sandoz 1886 und Roche 1896, durch fortschreitende Industrialisierung und die Abwesenheit eines Klärwerks bis in die achtziger Jahre war der Rhein in Basel zu dreckig, um Erholungsqualität zu bieten. Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.

Protest in Monster-Verkleidung und mit totem Aal

Am 1. November 1986 geschah in Schweizerhalle das, was die Baseler heute als Trauma und Erweckungserlebnis bezeichnen. Die Lagerhalle 956 der Firma Sandoz brannte in der Nacht aus, mehr als 1.000 Tonnen Chemikalien – Farbstoffe, Pestizide, Produkte mit Quecksilberverbindungen – gingen in Flammen auf. Mit dem Löschwasser der Feuerwehr flossen dreißig Tonnen Chemikalien in den Rhein. Leuchtend rot wegen des Farbstoffs Rhodamin tötete der Cocktail Flora und Fauna; innerhalb weniger Tage starben auch Hunderte Kilometer entfernt die Fische.

Rheinschwimmer Kegel erinnert sich an eine Veranstaltung, bei der "die Chemie versuchte, sich zu rechtfertigen". Kegel und andere empörte Basler hatten sich als Monster verkleidet und Kübel toter Aale aus dem Rhein mitgebracht. Sie gingen aufs Podium und schütteten die Aale "über den Tisch, sodass sie auf die Anzüge klatschen".

Die Mediterranisierung Basels

Jetzt, 26 Jahre später, ist der Rhein wieder die Lebensader Basels. Was sich im Fluss und an seinen Ufern beobachten lässt, hat sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt: Schwimmer und Nicht-Schwimmer sitzen bis in die Nacht auf den Stufen am Rheinufer fröhlich zusammen. Sogenannte Buvetten – Kioske – haben aufgemacht und verkaufen Eis, Bier und Pommes. Die Menschen haben ihr Leben geändert: "Wer am Rhein wohnt, stellt nun Tische heraus, es gibt ambiente italiano ", sagt Kegel.

Er lebt auf Kleinbaseler Seite direkt am Fluss, im Dachgeschoss ist seine Wohnung, in der Beletage seine homöopathische Praxis. Seit sieben Jahren schwimmt der Weißhaarige fast täglich im Rhein: im Hochsommer und bei Wassertemperaturen von 22 Grad, im Winter bei minus 17 Grad Außen- und 1,5 Grad Wassertemperatur. Er schwimmt  selbst bei Hochwasser, auch wenn die Polizei versucht, ihn vom Schwimmen abzuhalten, weil der Rhein in diesen Zeiten Bäume und Äste mitreißt und die Ausstiegshilfen an der Promenade nicht mehr zu sehen sind.

Ungefährlich ist das Schwimmen im Rhein allerdings nie , weder in Basel noch weiter rheinabwärts: Die Strömung des Rheins kann bis zu 12 Stundenkilometer betragen, und durch Wasser- und Wetterverhältnisse sowie Brücken und Schiffsverkehr kann sich die Strömung immer wieder verändern. Jeder schwimmt auf eigene Verantwortung und sollte das auch nur in den ausgewiesenen Zonen tun.

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Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

"Kloake Europas"

schöner artikel! die bezeichnung "kloake europas" ist für mich neu und insofern fragwürdig, als dass der rhein nicht gleich rhein ist. eigentlich wird er erst nach den urbanen gegenden, sprich nach dem bodensee und vor allem nach der basler chemie zu einem dreckigen fluss... in der schweiz kennt man diese bezeichnung dementsprechend weniger als in frankreich, deutschland und nicht zu schweigen von holland...

Factbox

Schon im ersten Absatz der Facbox finden sich Fehler: Der Rhein hat nicht nur eine Quelle, sondern zwei: Vorderrhein und Hinterrhein sind beides veritable Gebirgsflüsse, bevor sie sich vereinigen.
Und der Rhein berührt nicht nur die Länder Schweiz, Deutschland, Frankreich und die Niederlande, sondern ist als Alpenrhein auch der Grenzfluss zwischen der Schweiz und Österreich.

Ein bisschen mehr Recherche wäre angebracht, notfalls hilft auch Wikipedia weiter.

"Baseler"

Könnten die ungenannten Autoren die Tatsache, wohl kaum selber in Basel gewesen zu sein bzw. offenbar ohne eine einzige "saubere" (Text-) Quelle geschrieben zu haben, nicht wenigstens nachträglich kaschieren?

Es heisst "baslerisch" und "Basler". (Und, weniger schlimm, aber weil wir gerade dabei sind: "Sali!", denn das Salü-Saarland ist weit weg vom Rheinknie.)