AustralienKängurus am Kreisverkehr

"Am Mangobaum rechts abbiegen": Das Reisen mit dem Wohnmobil wird in Australien immer beliebter. Um die langen Strecken durchzuhalten, stehen am Straßenrand Quizfragen. Sandra Rauch hat aus Queensland Text und Video mitgebracht. von 

Die Warnschilder sehen aus wie ein Comic: Ein Laufvogel mit spitzem Helm auf dem Kopf schaut verblüfft auf ein heranrasendes Auto. Das Schild steht auf der Cassowary Road, der Straße der Kasuare im australischen Queensland , der Nachthimmel ist blauschwarz. Die Scheinwerfer des Wohnmobils tasten die kurvige Straße ab. Die Augen scannen den Straßenrand und das grünschwarze Dickicht daneben. Jetzt müsste man anhalten, sich hineinwagen in den dichten Wald und mit der Taschenlampe nach den seltenen und scheuen Vögeln suchen, die es nur in Queensland und auf Neuguinea gibt.

Sieben Deutsche, eine Australierin, vier Wohnmobile, 2.000 Kilometer Strecke und knapp zwei Wochen Zeit: Die Reise führt von Cairns nach Brisbane , von Nord nach Süd entlang der Küste von Queensland, dem tropischen Nordosten Australiens . Vorbei an Sandstränden mit Palmen, durch Regenwald, subtropische Graslandschaft und schier endlose Zuckerrohrplantagen. Das Reisen im Wohnmobil ist beliebt in Queensland, wie überall in Australien . Spontanes Zählen am Bruce Highway ergibt: Vier von zwanzig der entgegenkommenden Autos sind Camping-Fahrzeuge.

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Eva parkt das Wohnmobil im Caravan Park in Mission Beach. Stellplatz 45: Rechts ein Spalier aus Palmen, links eine Betonplatte, dazwischen, fast schon wie maßgeschneidert, Platz für das sieben Meter lange und 2,30 Meter breite Gefährt, Version Maverick. Eva kurbelt am Lenkrad, stellt das Automatikgetriebe auf Rückwärtsgang. Der Camper-Van tutet wie ein Müllauto. Nur wenige Zentimeter unter den Ästen eines großen Gummibaumes rangiert sie das mehr als drei Meter hohe Wohnmobil auf den Stellplatz.

Ameisen auf der Matratze, Kängurus am Straßenrand

"Habt ihr vorhin beim Abbiegen die Kängurus gesehen?", fragt Peter. Kaum einer hat sie gesehen, die Fahrer waren zu beschäftigt mit dem Einbiegen in die richtige Spur, die Beifahrer zu angestrengt mit Assistieren.

Es beginnt zu regnen. Eva kurbelt die Markise vom Wohnmobil über die Betonplatte, die bald eine steinerne Insel im Matsch des Zeltplatzes bilden wird. Sie räumt Stühle aus dem Wohnmobil, vertreibt eine Ameise, die über die Schlafmatratze krabbelt. Der Tropenregen läuft jetzt schwallweise über die Markise. Stefan verteilt Dosenbier aus dem Bordkühlschrank.

Am Morgen scheint wieder die Sonne. Im nahen Wald singt ein Kookaburra, sein Rufen klingt wie das Kichern eines Lachsacks. Das Lied des Vogels verkünde Regen oder die Anwesenheit einer Schlange, sagen die Australier. Beides scheint nicht in Sicht beim Frühstück in der Badehose. Im Wohnmobil gibt es Strom für den Wasserkocher. Toast, Käse und Marmelade hat die Gruppe im Supermarkt gekauft.

Wohnmobile in allen Versionen

Ausländische Touristen, aber auch die Australier selbst reisen mit Wohnmobilen . Der Trend nimmt zu, seit der Umrechnungskurs des australischen Dollars für Ausländer unvorteilhaft und die Preise für Unterkünfte oder Essen im Restaurant dadurch spürbar teurer geworden sind. Das Reisen im Wohnmobil ist eine Möglichkeit, die Kosten im Griff zu halten, auch wenn man natürlich auch hier viel Geld ausgeben kann. Die Sparversion, die vor allem bei jungen Leuten beliebt ist, sind kleine Vans, bei denen sich zum Schlafen die Rücksitzbank umklappen lässt. Familien kommen im 7,70 Meter langen Reisemobil mit bis zu sechs Betten unter, Genießer buchen die Luxusausführung mit Ledercouch.

Für holprige Outback-Pisten gibt es Allradfahrzeuge mit Dachzelt. Einige Australier sind sogar komplett aufs Wohnmobil umgestiegen: Vor allem ältere Menschen im Ruhestand verkaufen ihre Häuser und investieren das Geld in ein Motor Home – das sie im australischen Winter in den wärmeren Norden bringt und im Sommer in die klimatisch gemäßigteren Gebiete im Süden.

Wildnis oder Waschmaschine

Anhalten und abbiegen, wo immer man will oder sich nachts mit dem Campingstuhl unter den funkelnden Sternenhimmel setzen: Wer ein Wohnmobil mietet, kann völlig autark reisen. Dusche, Toilette, Kühlschrank, Kochherd und Mikrowelle sind mit an Bord genauso wie große Wassertanks und Gasflaschen für die Energieversorgung. Viele der mobilen Reiseunterkünfte haben sogar eine Klimaanlage, die, wenn es sein muss, den Wohnbereich kühlt.

Wer weniger Wildnis will, übernachtet auf Campingplätzen. Das kann ein staubiger Platz neben dem Dorfpub sein, üblicher sind komfortable Anlagen mit Waschmaschinen, Barbecue-Grills und Vorrichtungen zum Entleeren der Brauchwassertanks.

Mission Beach – Ingham: "Am großen Mangobaum müsst ihr abbiegen", hatte Jacob am Telefon gesagt. Doch wie sieht ein Mangobaum aus, besonders wenn er keine Früchte trägt? Diese Frage kann auch das Navi nicht beantworten, das seit Ingham beharrlich zur Umkehr auffordert. Die Wohnmobile biegen in eine Piste, Staub wirbelt auf. Rechts und links liegen weite Weideflächen.

Ziel ist die Mungalla-Station , eine von Aborigines betriebene Rinderfarm in der Nähe von Ingham. Auf der Veranda des großen Holzhauses wartet Jacob Cassady, über den kurzen Rasen davor robbt ein Waran. Jacob ist ein kräftiger Mann mit langem Bart und dunklen Augen. Er trägt Jeanshemd und Cowboyhut, am Arm hat er eine große Narbe, an einem Fuß fehlt der große Zeh. "Die Nywaigi, unser Volk, wohnen auf diesem Land seit vielen Tausend Jahren", sagt er. Die Begegnung mit Jacob und seiner Familie können Touristen als "Aborigines-Erlebnis" buchen.

Der irische Name der Aborigines

Jacob wirft mit seinen Gästen Boomerangs und zerreibt die Blätter des Seifenbaums zu Waschschaum. Die alten Traditionen sind ihm wichtig. Doch noch mehr zählen der sensible Umgang mit der Natur, der Schutz des Landes vor der Bewirtschaftung durch Monokulturen und die gleichberechtigte Integration seines Volkes in die australische Gesellschaft.

Erst seit dem Jahr 2000 gehört ein Gebiet von 890 Hektar Land rund um die Mungalla Station wieder den Nywaigi. In einer Art Kooperative züchten sie Rinder der Droughtmaster-Rasse – und führen damit eine Tradition weiter, die der irische Einwanderer James Cassady hier 1882 begann. "Cassady war seiner Zeit voraus", sagt Jacob. "Anstatt uns zu verjagen, gab er uns Arbeit – und seinen Namen."

Besuch bei Ray Charles

Ingham – Townsville – Airlie Beach: Wer exotische Tiere beobachten will, muss in Queensland nicht in einen Tierpark gehen. Kängurus sitzen am Kreisverkehr, Opossums spazieren abends über den Campingplatz. Doch ein Tierpark, wie der Billabong Santuary bei Townsville, bietet Knuddelgarantie. Ein großer Teich liegt in der Mitte der Anlage, auf dem Holzsteg daneben lassen sich Kängurus von Kindern füttern. In einem kleinen Eukalyptusbaum versteckt Ray Charles sein Gesicht hinter Blättern. Er ist ein blinder Koala-Bär , der in freier Wildbahn nicht überleben könnte.

Queensland

Die beste Reisezeit ist im australischen Winter zwischen April und November. In dieser Zeit regnet es kaum und es gibt weniger Quallen als in der Regenzeit.
Anreise: Flug zum Beispiel mit Qantas täglich ab Frankfurt via Singapur nach Brisbane und Cairns ab 1.198 Euro.
Mieten von Wohnmobilen: Zum Beispiel beim Anbieter Britz Maui unter www.britz.com.au und www.maui.com.au ab 110 Euro pro Tag inklusive aller Kilometer, Basisversicherung und Campingausrüstung. Je nach Fahrzeugklasse und Reisezeit sind deutliche Preisunterschiede möglich. Umfassenderer Versicherungsschutz oder Zubehör wie Navigationsgeräte oder Walkie Talkies können dazu gebucht werden. Ein Stellplatz auf Campingplätzen inklusive aller Personen kostet ab 20 australische Dollar/Nacht (rund 17 Euro). Ein Liter Diesel kostet etwa 1,50 australische Dollar (rund 1,27 Euro).

Aktivitäten

Mungalla Aboriginal Experience: http://mungallaaboriginaltours.com.au
Billabong Sanctuary Townsville: www.billabongsanctuary.com.au
Caravan Park Mission Beach: http://www.beachcombercoconut.com.au

Informationen

Deutschsprachige Informationen zu Queensland gibt es unter www.Queensland-Australia.eu/de

Diese Reise wurde unterstützt von Tourism Queensland, c/o Global Spot, Oberbrunner Str. 4, 81475 München

"Wach auf, Kumpel", sagt Tierpfleger Rick und knufft ihn in die Seite. Ray Charles reckt sich und wehrt sich nicht gegen die Hände, die unbedingt einen Koala streicheln wollen. Ohne Widerstand lässt er sich auf den Arm nehmen. "Koalas bringen alle Frauen zum Dahinschmelzen", sagt Rick. Dabei seien Wombats doch viel interessanter. Rick hebt Tonka auf seinen Schoß, ein bärenartiges Strubbeltier mit dickem, braunen Fell. Die Beutelsäuger könnten bis 40 km/h schnell laufen, sagt Rick.

"Wollt ihr ein Foto?", fragt er.

Na klar, fast jeder will ein Foto. Und zwar mit Ray Charles, dem Koala.

Mücken sind die Begleiter auf dem Highway 

Zwischen Airlie Beach und Rockhampton legt die Gruppe einen Tankstopp am Karlaka Roadhouse am Bruce Highway ein. Das Wohnmobil verbraucht 18 Liter, das Roadhouse ist die letzte Rettung. Der Highway ist zwar die Hauptfernverkehrsstraße, doch er führt durch wenig besiedeltes Land. Kilometerweit kommt kein Dorf, keine Siedlung, keine Tankstelle. Es ist fünf vor sechs Uhr abends. Das Roadhouse schließt um sechs. Ein schneller Kaffee aus Instant-Pulver, die Bedienung sperrt extra noch einmal das Toilettenhäuschen auf.

"Es gibt keinen Verkehr, ich bin allein auf der Welt", schreibt Cees Noteboom in Leere umkreist von Land , einer Reiseerzählung über Australien. Das Büchlein liegt auf der Rücksitzbank der Fahrerkabine. Auch auf dem Bruce Highway ist man nachts so gut wie allein. Ab und an die Scheinwerfer eines Lasters im Gegenverkehr, dazwischen nur Tausende von Mücken, die auf die Windschutzscheibe regnen. "Folgen Sie dem Highway für 200 Kilometer", hatte das Navi vor einer Stunde gesagt, dann schwieg es.

Ein Schild am Straßenrand warnt vor einer Müdigkeitszone für Fahrer. Die nächste Tafel kündigt ein Wissensquiz an. Auf schnurgerader Straße rollt das Wohnmobil durch die Dunkelheit, dann endlich kommt die Frage: "Wie heißt der höchste Berg Queenslands?"

Die Antwort, viele Kilometer später: Mount Bartle Frere.

Und: Survive the drive . Überlebe die Fahrt.

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Leserkommentare
  1. Das kommt mir doch alles sehr bekannt vor. Auch wir bereisen gerade Australien.
    Wer gern noch mehr über Camping, Low Budget-Urlaub und Farmarbeit erfahren will und sich ein Bild davon machen möchte:
    www.immiandgreg.de

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    tolle Bilder in eurem Blog. Werde im November in Oz sein. Freund in Sydney besuchen, Campingtrip im Outback (Uluru etc :) )und dann die Sonnenfinsternis am 13. November in Cairns, Juhuu :)). Werde aber nicht rumgurken wie ihr. Sieht toll aus, viel Spass noch beim Trip!

  2. tolle Bilder in eurem Blog. Werde im November in Oz sein. Freund in Sydney besuchen, Campingtrip im Outback (Uluru etc :) )und dann die Sonnenfinsternis am 13. November in Cairns, Juhuu :)). Werde aber nicht rumgurken wie ihr. Sieht toll aus, viel Spass noch beim Trip!

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  • Schlagworte Aborigine | Australien | Queensland | Brisbane
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