KabinenpersonalDie unsichtbaren Arbeiter der Tourismusbranche

Die Flugbegleiter machen durch den Streik auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam. Andere, die in der Reisebranche tätig sind, können das nicht, kommentiert E. Runge. von 

Streik der Flugbegleiter in Frankfurt

Streik der Flugbegleiter in Frankfurt  |  © Kai Pfaffenbach/Reuters

Am Frankfurter Flughafen begann der Freitag für Reisende mit Annullierung und Umbuchungen. Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation Ufo hatte zum Streik aufgerufen, um gegen Leiharbeit, die Auslagerung von Arbeitsplätzen und höhere Löhne zu kämpfen. Ein Großteil der Flüge von und nach Frankfurt fiel aus.

Die Flugbegleiter haben das Glück, als Stellschrauben der Mobilitätsgesellschaft präsent zu sein – und eine schlagkräftige Gewerkschaft zu haben. Das haben andere in der Reisebranche Tätige nicht. Auch ist die mediale Aufmerksamkeit anders verteilt: Würde ein Streik des Hotelpersonals oder der Köche ähnlich stark beachtet werden – der Menschen, mit denen Gäste nicht oft in Kontakt kommen?

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Der Tourismus gehört zu den weltweit größten Wirtschaftszweigen – und wächst noch immer. Nach Angaben der internationalen Arbeitsorganisation ILO und des World Tourism and Travel Council sind mehr als 100 Millionen Menschen im Tourismus beschäftigt. Rechnet man die indirekt Beschäftigten dazu, kommt man auf etwa 235 Millionen Arbeitsplätze (2010). Das heißt, weltweit ist jeder Zwölfte in der Tourismusbranche tätig. Die ILO schätzt, dass etwa 60 Prozent dieser Beschäftigten Frauen sind. Hinzu kommt noch eine Dunkelziffer informeller Beschäftigungsverhältnisse, etwa in Familienbetrieben, die in keiner Statistik auftauchen.

Die Tourismusbranche teilt sich in sichtbare und unsichtbare Arbeiter. Viele von ihnen arbeiten unter widrigen Umständen: Sie ertragen lange und durchaus schlechte Arbeitszeiten, Saisonarbeit, und – falls der Beruf zusätzlich Nomadentum verlangt – die Distanz zu Familie und Freunden.

Über die Arbeitsbedingungen im Tourismus erfährt die Öffentlichkeit in der Regel kaum etwas. Im Falle eines Streiks wie derzeit bei den Flugbegleitern tauchen sie kurzzeitig in den Medien auf – oder bei einer Katastrophe . Als das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio havarierte, schilderten Menschen der Öffentlichkeit ihren Arbeitsalltag in der Kreuzfahrtindustrie . Sie berichteten: von sieben Arbeitstagen in der Woche, bei einem Stundenlohn von etwas mehr als drei Euro, beengten Schlafverhältnissen, kaum Privatsphäre.

In der Reisebranche ist all das bekannt. Der Reisende aber verschließt in seinem Reisealltag gerne die Augen. Dabei kann er einiges tun. So etwa rechtfertigt die Lufthansa ihren Sparkurs unter anderem mit der langfristig wachsenden Konkurrenz durch Billigflieger. Diesen Druck erzeugen letztendlich auch die Kunden selbst, die so wenig wie möglich ausgeben wollen.

Eine andere Währung als Geld kann beim Reisen übrigens ganz direkt gezahlt werden: Aufmerksamkeit und Respekt. Vom Schaffner bis zum Hotelpersonal erwarten Reisende Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich, als Teil einer Dienstleistung. Umgekehrt kann man oft genug beobachten, dass Kunden sich als Könige begreifen, und das Personal – seien es Flugbegleiter , Reiseverkehrskauffrauen und -männer, Hotelangestellte, Schaffner oder Busfahrer – herablassend oder gar als Blitzableiter für den eigenen Frust behandeln.

Dabei kann jeder dem Schaffner oder der Stewardess beim Aussteigen danken, dem Zimmerservice ein Trinkgeld im Hotel oder in der Pension hinterlassen, dem Kellner ein Lob für den Koch mitgeben. Auch auf diese Weise kann der Reisende sich solidarisch zeigen. Und sollte man Respekt und Freundlichkeit nicht gerade den Menschen geben, die täglich dafür arbeiten, dass unsere hochmobile Gesellschaft überhaupt funktioniert?

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Leserkommentare
    • hardius
    • 31. August 2012 19:19 Uhr

    Wenn gesetzliche oder tarifliche Regelungen fehlen, haben die "Arbeitgeber" oder besser Ausbeuter freie Hand.
    Solange Gewerkschaften des DGB oder der DGB selbst als Scheinvertretung auftreten, haben die "Unternehmer" freie Hand unter dem Motto Arbeitsplatzschaffung Lohndumping auszuleben.
    Ich wünschen den Flugbegleitern alles Gute!

  1. Unsere Gesellschaft besteht nur noch aus diesen drei Säulen: Billig, Billig, Billig.
    Da muss ein Türkeiurlaub für 200 oder 300 Euronen die Woche auf dem Markt sein, aber es scheint niemand auf den Gedanken zu kommen, dass irgendwer die Zeche zahlt. In dem Fall zb auch die Menschen vor Ort die unter erbärmlichsten Bedingungen (Busfahrer mit 20 h-Tag, Hotelangestellte im heruntergekommenen Mehrbettzimmer mit Blick und Geruchsanschluss zur Müllhalde).
    Diese Beispiele lassen sich beliebig weiterführen. Die Montage von Billig-PCs (Der Laden mit A ...) beutet chinesische Arbeiter aus, für Billigfleisch werden grausame Tierquälereien hingenommen. Billigklamotten vergiften die Menschen, die sie herstellen (müssen), übrigens auch die Träger.
    Letztlich müssen wir uns endlich bewusst werden, dass jedes vermeintliche Dauerschnäppchen irgendwo anders Menschen ausbeutet (und nicht selten Umwelt und Tiere). Qualität und Nachhaltigkeit hat ihren Preis - überall. In einer Welt, in der ein Volksaufstand droht, wenn das Benzin 5 Cent mehr kostet, scheint das nur noch schwer zu vermitteln zu sein.
    Ich persönlich wünsche den LH-Streikenden viel Erfolg.

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    Danke für Ihre klugen Ausführungen. Leider haben sehr viele Menschen hier zu Lande noch nicht verstanden, wie sie selbst eine Negativspirale des Wohlstandes in den mittleren und unteren Einkommensschichten befördern. Und dies sowohl durch ihr Kaufverhalten, wie auch durch die negative Bewertung von Streiks wie dem der Lufthansa Flugbegleiter.

    Wenn sich niemand wehrt, werden wir alle bald auf dem Einkommens- und Absicherungsniveau von China landen. Dass aber die DAX-Unternehmen Rekordgewinne machen und die Gehälter der oberen 20% sich vollständig von denen der normalen Menschen abgekoppelt haben (offensichtlich ist hier noch genug Geld in den Unternehmen vorhanden) - das mögen selbst in der Mittelschicht viele nicht sehen, die den Untergang von Unternehmen wie der Lufthansa vorhersagen, wenn sich die Flugbegleiter ein faires Gehalt sichern wollen.

    falsch auf, warum greifen denn die Leute zu billig billig billig, richtig weil die Löhne in D einfach nicht mehr her geben.
    Und wenn ich 1400 Netto habe und davon allein schon 700 für Wohnung drauf gehen und sagen wir noch mal 200 für Essen da bleibt für den rest (versicherung, etc) nicht mehr viel übrig. War letztens wieder in D, da kosteten zwei Brötchen 60 cent, also 1.20 DM. Einfach mal drüber nachdenken.

    Sie verkehren die Ursache und Wirkung, Lohndumping und steigende notwendige Lebenshaltungskosten produzieren Druck auf dem Reisemarkt, denn die wollen auch noch verkaufen. Was passiert wenn keine billig Urlauber mehr kommen, könen sie in Nordafrika gut sehen und auch teilwiese diese Jahr in GR.

  2. Auch ich wünsche den Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern viel Erfolg!

    Es geht hier nicht nur um Respekt - der ist wichtig und richtig, aber bezahlt die Miete der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht.

    Das die kleinen Einzelgewerkschaften im Kommen sind, liegt daran, daß die Ver.di eben weniger eine Gewerkschaft, als ein SPD-Grüner Kungelhaufen ist, der sich darin gefällt ein bisschen überall mitreden zu dürfen. Statt die Interessen der Mitglieder und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu vertreten. Das ist nicht neu - aber die Verdi ist eben echt sozialdemokratisch in ihren Strukturen: beratungsresistent und arrogant.

  3. Danke für Ihre klugen Ausführungen. Leider haben sehr viele Menschen hier zu Lande noch nicht verstanden, wie sie selbst eine Negativspirale des Wohlstandes in den mittleren und unteren Einkommensschichten befördern. Und dies sowohl durch ihr Kaufverhalten, wie auch durch die negative Bewertung von Streiks wie dem der Lufthansa Flugbegleiter.

    Wenn sich niemand wehrt, werden wir alle bald auf dem Einkommens- und Absicherungsniveau von China landen. Dass aber die DAX-Unternehmen Rekordgewinne machen und die Gehälter der oberen 20% sich vollständig von denen der normalen Menschen abgekoppelt haben (offensichtlich ist hier noch genug Geld in den Unternehmen vorhanden) - das mögen selbst in der Mittelschicht viele nicht sehen, die den Untergang von Unternehmen wie der Lufthansa vorhersagen, wenn sich die Flugbegleiter ein faires Gehalt sichern wollen.

    Antwort auf "Billig Billig Billig"
  4. Interessant wäre jetzt natuerlich zu wissen, was ein Flugbegleiter bei der Lufthansa so verdient. Trotz scheiss Arbeitszeit scheint das ja trotzdem fuer viele der Traumjob zu sein.

    /martin

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    Soweit ich informiert bin, liegt das Einstiegsgehalt für Kabinenpersonal bei LH bei ca. € 1500 Brutto / Monat.

    Auch nicht viel, wenn berücksichtigt, daß das ein physisch und psychisch recht anspruchsvoller Job sein kann.

    • keibe
    • 31. August 2012 21:49 Uhr

    "Die Flugbegleiter machen durch den Streik auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam. Andere, die in der Reisebranche tätig sind, können das nicht, kommentiert E. Runge."

    wäre ich in der GdL ( http://www.gdl.de/ ), sähe ich Chancen in einem Expansionsdrang.

  5. Soweit ich informiert bin, liegt das Einstiegsgehalt für Kabinenpersonal bei LH bei ca. € 1500 Brutto / Monat.

    Auch nicht viel, wenn berücksichtigt, daß das ein physisch und psychisch recht anspruchsvoller Job sein kann.

    Antwort auf "gehalt?"
    • Gwerke
    • 31. August 2012 22:14 Uhr

    ... die sog. unsichtbaren Beschäftigten haben genau die gleichen Möglichkeiten wie Piloten oder Stewards, ihre Arbeitsbedingungen einzufordern. Sie müssen sich nur dazu durchringen, sich in Gewerkschaften zu organisieren und für ihre Belange zu kämpfen.

    'Rumpienzen und sein Leid beklagen erzeugt nicht mal mehr Mitleid. Mit der Erkenntnis haben im 19. Jhd bereits die Arbeiter ihre Rechte erkämpft. Heute zwar sogar grundgesetzlich garantiert ersetzt es den aktiven Arbeitskampf keineswegs.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Lufthansa | ILO | Tourismus | Arbeitszeit | Billigflieger | Costa Concordia
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