Polargebiete"Ödnis und Wildnis müssen nicht gefährlich sein"

Den Bergsteiger Michael Vogeley fasziniert die Polarwelt. Im Interview spricht er über Regeln für guten Naturtourismus, das Leben der Inuit und das Geräusch der Arktis. von 

Michael Vogeley

Michael Vogeley  |  © Michael Vogelei/Bergverlag Rother

ZEIT ONLINE: Herr Vogeley, warum reisen Sie?

Michael Vogeley: Ich bin neugierig und genusssüchtig. Neugierig, weil ich Neues entdecken und in kaum erkundete Gegenden vordringen will und genusssüchtig, weil es mir Freude bereitet.

ZEIT ONLINE: Sie sind bekannt für Erstbesteigungen und Weltrekorde in Eishöhlen, unter anderem in Grönland . Diese Extreme wird kaum ein Tourist machen. Oder machen wollen.

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Vogeley: In den Polargebieten findet der naturversessene Trekker Herausforderungen aller Schwierigkeiten. Über die Arktis und die Antarktis lauten die weitverbreiteten Vorurteile, es sei dort nur kalt, stürmisch, das Wetter sei schlecht – das stimmt einfach nicht! Die Jahreszeiten sind sehr ausgeprägt, in Grönland kann es 20 Grad haben, die Flora wächst drei, vier Monate, dann zieht sie sich zaghaft wieder zurück. Die Platituden, die kursieren, beziehen sich auf Extreme: kalt, extrem, greislich, gefährlich. Was ist extrem, was ist normal? Heutzutage mit 50 Jahren in die Kiste zu sinken, weil man wochenlang nur über Teppichboden und Beton läuft, gilt als normal. Ist es denn extrem, sich mit dem Natürlichsten auf der Welt auseinander zu setzen, der Natur?

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch Terra Polaris beschreiben Sie Ihre Reisen in die arktischen und antarktischen Regionen. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie arctic bitten , von der Arktis "gebissen" wurden?

Vogeley: Ich bin Bergsteiger. Nach zwei Jahrzehnten in den Wänden und auf Skitouren lag ich am Strand von Korfu und las Fridtjof Nansens Buch Auf Schneeschuhen durch Grönland . Der große Polarforscher beschrieb darin die erste Durchquerung 1888. Zum hundertjährigen Jubiläum dieser epochalen Tat habe ich mit den gleichen primitiven Mitteln wie Nansen mit drei Freunden Grönland durchquert – in 34 Tagen. Ich hege eine große Bewunderung für ihn. Das Buch war für mich die Initialzündung für die Faszination für die Polargebiete.

ZEIT ONLINE: Arktische Trekkingtouren verlaufen oft auf uralten Wegen. Was unterscheidet die Menschen damals und die Reisenden heute – und worin gleichen sie sich?

Vogeley: Früher war es Arbeit, Transport: Mit dem Kayak durch den Fjord zu fahren, war zum Beispiel für die Inuit eine Notwendigkeit. Für uns heute ist es ein Vergnügen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie die Faszination des Menschen an unbegangenen Wegen?

Vogeley: Auch der Neandertaler streckte seine Nase aus der Höhle. Das ist ein Urtrieb des Menschen. Man muss natürlich sein Handwerk gelernt haben, und das ist nicht einfach, sondern ein langer Prozess. Ich habe Respekt, manchmal auch Angst, und muss so viel planen wie möglich. Aber man kann eben nicht alles voraussehen. Ich habe zwei Expeditionen zum magnetischen Nordpol unternommen, alleine. Das erste Mal habe ich nach zwei Wochen abgebrochen: Es gab vorher einen Blizzard . Er zerbrach das Eis zu unüberwindbaren Hindernissen. Ich musste immer wieder den Schlitten auspacken, das Gepäck über diese Eiswellen hieven, den Schlitten wieder beladen. Das zweite Mal brach mir ein Ski bei minus 50 Grad.

ZEIT ONLINE: Werden Sie es noch einmal probieren?

Vogeley: Nein. Der magnetische Nordpol wandert und liegt nun weitere 500 Kilometer entfernt mitten im Meer. Früher lag er zwischen Inseln in Nordkanada. Eventuell wird er 2050 Sibirien erreichen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit den Inuit gelebt. Teilen die "Eskimos" Ihre Sehnsucht nach dem Reisen?

Vogeley: Auch bei den Inuit ändert sich das Leben. Sie leben nicht mehr in Iglus, sondern in Häusern, die Kanada und Dänemark zur Verfügung stellen. Die Inuit sind zivilisiert – mit allen Vor- und Nachteilen, etwa dem Alkoholismus. Aber eines haben die Inuit noch: Sie sind völlig mit der Natur verwachsen. Sie haben im Kopf einen Computer, anders kann man ihren unglaublichen Orientierungssinn nicht beschreiben. Sie brauchen auch im Nebel keinen Kompass, wir brauchen zur Navigation Prothesen wie GPS , Kompass, Karten und so weiter. Manche Inuit reisen auch. Von einem erfolgreichen Fischer weiß ich, dass er nach Gran Canaria in Urlaub fährt. Das ist aber nicht gängig.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie von den Inuit gelernt?

Vogeley: Die Inuit sind entwaffnend freundlich, sie sind ein lebenslustiges Völkchen, obwohl sie die härtesten Lebensbedingungen hatten, und obwohl sie von der Zivilisation überrollt werden. Die Selbstmordrate ist eine der höchsten der Erde. Mich hat das Leben mit Inuit reich und bescheiden gemacht.

Leserkommentare
  1. Ich habe mit Begeisterung dieses interessante Interview gelesen. Ich bin zwar kein Profibergsteiger. Gleichwohl teile ich mit Michael Vogeley die Leidenschaft für Alpintouren. Ich denke besonders auf "geführten Alpintouren" also wo immer ein ausgebildeter Bergsteiger dabei ist, kann man - selbst als etwas unerfahrener Alpinist - schöne Berge erklimmen. Schöne Erfahrungsberichte habe ich übrigens in dem Blog von http://www.guiders.de/ gelesen.

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    Bitte verzichten Sie auf billige Werbung. Falls es keine war, hätten Sie wenigstens auf den Link verzichten sollen, denn es rückt den Blog in ein schlechtes Licht.

    Zum Artikel: schön zu lesen, Dank an Vogeley

  2. 2. Spam?

    Bitte verzichten Sie auf billige Werbung. Falls es keine war, hätten Sie wenigstens auf den Link verzichten sollen, denn es rückt den Blog in ein schlechtes Licht.

    Zum Artikel: schön zu lesen, Dank an Vogeley

    Antwort auf "Bergtouren"

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  • Schlagworte Tourismus | Blizzard | GPS | Iglu | Inuit | Island
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