Die Lobby des Victoria Falls Hotel in Victoria Falls, Simbabwe © Stephane De Sakutin/AFP/Getty Images

Das Empire residiert hier nicht mehr. Die Herren, die an der Rezeption einchecken, haben asiatische Gesichtszüge und sprechen Chinesisch. Ihre Bewegungen sind die von Männern, die hart arbeiten. Von britischer Distinguiertheit keine Spur. Im Bulawayo Salon unterhalten sich zwei hochtoupierte Damen mit slawisch gerollten Rs und neigen dabei ihre blondierten Köpfe zueinander. Im Flur hängt ein Bild von Queen Victoria und wenn man nicht wüsste, dass das verkniffene Gesicht ihr Standardausdruck ist, man könnte meinen, sie schaue missbilligend.

Es ist ein sonniger Tag im Norden von Simbabwe , in der kleinen Stadt Victoria Falls. Auf der Veranda des Victoria Falls Hotels, dem einst besten und elegantesten Haus im Südrhodesien des frühen 20. Jahrhunderts, wird zum Nachmittagstee eine Etagere mit Sandwich und Teekuchen gereicht. Die Gäste tragen die saloppe Kleidung der Jack-Wolfskin-Generation. Nur eine Dame schwelgt äußerlich noch in der Vergangenheit und erscheint mit weißem Sonnenschirm. So wie es üblich war in den Tagen, als man in diesem Hotel die Oberschicht der weißen südafrikanischen Gesellschaft empfing.

Das Victoria Falls Hotel gehört zu den weltweit besten Hotels. Nach vielen Grundrenovierungen in den vergangenen 20 Jahren hat es wieder höchsten Standard. Und auch wieder Gäste. Was in Simbabwe lange keine Selbstverständlichkeit war. Die diktatorische Politik des Staatspräsidenten Robert Mugabe , der wirtschaftliche Niedergang, gefälschte Wahlen, Gewalt gegen weiße Farmer und schwarze Oppositionelle, politische Morde, es gab im letzten Jahrzehnt viele Gründe, dem Land fern zu bleiben. Noch in den 1990ern kamen die Touristen in Scharen, dann ging es abwärts. "Diese Jahre" nennen die Simbabwer die Zeit zwischen 2007 und heute, als Hotels und Lodges leer standen und jeder um sein Überleben rang.

Heute pflegen Touristen keinen Müßiggang mehr

"Diese Jahre sind vorbei", sagt Ms Thembe. Ihr Nachname bleibt ein Geheimnis in einem Land, in dem man auch Minister mit Vornamen anredet. Ms Thembe ist verantwortlich für die Darstellung des Victoria Falls Hotels nach außen. Sie sagt, sie freue sich über die neue und gute Auslastung. Sicher, die Gäste blieben nicht mehr so lange wie früher, die Zeit des Müßiggangs sei vorbei. Dafür kämen sie heute aus anderen Gebieten, aus Russland und aus Asien etwa. "Und auch viele Simbabwer übernachten bei uns, viele Politiker." Auch Mugabe ? "Oh ja, der auch."

Unverändert, gerade so wie in den kolonialen Tagen, ist der Blick von der Hotelterrasse auf "die Brücke": Die Victoria-Falls-Brücke verbindet Simbabwe mit Sambia , verbindet Vic Falls, wie die Stadt genannt wird, mit dem gegenüberliegenden Livingstone. Nicht, dass sie überaus schön wäre – doch allein das Wissen, dass sich darunter der Sambesi durch eine schmale Schlucht quetscht und wie ein tollwütiges Tier schäumt, gibt der Brücke Erhabenheit. Stünde der Wind günstig, könnte man außerdem die Schreie der Bungeejumper hören, die sich vom Geländer gen Sambesi stürzen – 120 Dollar für einen Moment des Wahnsinns.

Fragile Regenbögen über den Wasserfällen

Die Wasserfälle , denen Vic Falls seine Existenz und seine Berühmtheit verdankt, machen sich an diesem Tag nur als zarter Schleier bemerkbar. Man könne ihre Gischt schon dreißig Kilometer vor Victoria Falls sehen, haben frühe Reisende behauptet, und tatsächlich gibt es Zeiten, in denen der Oberlauf von all seinen Zuflüssen und vom Regen so gespeist ist, dass er als dicklich schäumende Masse dahin fließt und mit entsprechender Gewalt über die geologische Bruchkante zwischen Sambia und Simbabwe stürzt. Die aufprallenden Wassermassen spritzen wieder hoch, bilden feine Sprühregen, in die das Licht der Sonne fragile Regenbögen zaubert.

Die Geschichte des Victoria Falls Hotels und seiner feinen Gesellschaft ist untrennbar mit diesen Fällen und der Brücke verbunden. Doch sie beginnt lange, bevor die ersten Brückenteile über die Schlucht gelegt wurden und den damaligen Häuptling vom Stamm der einheimischen Leya, Chief Mukuni, zu dem Kommentar veranlassten, die Weißen seien ja sehr clever, aber offenbar nicht clever genug, um zu verstehen, dass das Eisen in die Tiefe fällt, wenn man es weiter vom Rand der Schlucht entfernt. Als sich seine Prophezeiung nicht erfüllte, folgerte Chief Mukuni, es sei Gott selber, der mit seinem Finger die Brücke hielte.

Diese Statue von David Livingstone steht in Victoria Falls, Simbabwe. © Stephane De Sakutin/AFP/Getty Images

Empire statt Magie und Engel

Am Anfang hörte der englische Entdecker David Livingstone auf einer seiner Reisen im Gebiet des heutigen Sambia von einem donnernden Rauch, von Mosi-oa-Tunya. So nannten die einheimischen Kololo die Fälle und schreiben ihnen allerhand Magie zu.

Livingstone ließ sich per Kanu zu den Fällen bringen und war von ihrer Größe und Gewalt so überrascht, dass er von Engeln faselte, die an diesem Ort schwebten. Flugs nannte er die Fälle um, gab ihnen den Namen seiner Königin und obwohl der Einfluss des Britischen Empire in Simbabwe inzwischen kritischer Geschichtsschreibung und politischer Verachtung gewichen ist, heißen die Fälle noch immer wie eine Dame, die sie niemals sah.