Man muss sich das im Detail vorstellen: Ein Tischler aus dem Dorf Partschins in Südtirol trägt eine Schreibmaschine auf dem Rücken über die Alpen . In einer Tragkraxe, mit der man einen Schwung Ziegel auf die Baustelle bringt. Wir schreiben das Jahr 1866, der Tischler heißt Peter Mitterhofer (1822 bis 1893), und er ist auf dem Weg nach Wien . Zum Kaiser – wohin auch sonst! Südtirol gehört zur Donaumonarchie und dessen Hauptstadt Wien ist ihr kulturelles und technisches Zentrum. Wo anders als dort würde man die Erfindung, die Mitterhofer auf dem Rücken schleppt, würdigen können?

Mitterhofer ist 42 Jahre alt, ein gewiefter Tüftler, der schon anderes erfunden hat – zum Beispiel eine Waschmaschine etwa. Und sich nicht zu schade ist, auf Märkten als Bauchredner aufzutreten. Er ist nicht der erste, der an eine Maschine denkt, mit der man den Schreibprozess vereinfachen und normieren kann. Ein ganzes Rudel von Erfindern hatte sich seit hundert Jahren damit abgeplagt, aber keinem ist wie Mitterhofer der Knopf aufgegangen: Du musst Typenhebel bauen, mag er gedacht haben, damit die Buchstaben einzeln mit Hilfe von nachstellbaren Stoßstangen und Kipphebeln aufs Papier geschlagen werden können.

Man klopft auf einen Typenhebel und – wupp – ist das Papier mit diesem Buchstaben versehen. Die Typen sind aus abgebrochenen Nadeln zusammengesetzt, der Rahmen bewegt sich mittels mehrerer Hebel; das darauf aufgespannte Papier muss ja weiterlaufen, um einen Text zu erzielen. Das Modell ist – wie könnte es bei einem Erfinder, der den Tischlerberuf ausübt, anders sein – aus Holz. Es wird "Dresdner Modell" genannt.

Papier sparen durch maschinelles Schreiben

Der Wiener Hof aber hat anderes zu tun, als sich um einen Tiroler Tischler zu kümmern, der mit einem selbstgebastelten Holzspielzeug anrückt. Österreich hat gerade einen Krieg gegen Preußen verloren und ist mit Selbstmitleid beschäftigt. Dabei hat Mitterhofer eine so schöne Beschreibung seiner Maschine angefertigt, des Inhalts, dass das Schreiben mit seiner Erfindung " … den vierten Teil an Raum von der gewöhnlichen Kanzleihandschrift …" benötige.

Ja sakra, kann man da nur nachträglich fluchen! Hat Mitterhofer denn gar keine Ahnung, was das für die Kanzleihengste, mit denen er es zu tun hatte, auf lange Sicht bedeuten würde? Immerhin, am 25. Februar 1867 zahlt man Mitterhofer einen Ehrensold von 200 Gulden aus – und schickt ihn nach Hause. Dabei handelt es sich um eine Belohnung für des Erfinders Mühen, obwohl der Kaiser wenig mit der Maschine anfangen kann. Das Modell nimmt Mitterhofer wieder mit. Es ist das zweite, nachdem er einen unvollendeten Prototypen schon zu Hause gelassen hatte.

Der Kaiser zahlt, aber Anerkennung bekommt Mitterhofer nicht

Ins nächste, heute verschollene Modell baut Mitterhofer erstmals eine Walze ein, das ist ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung der modernen Schreibmaschine. Das vierte dann, das "Meraner Modell", ist schon in Metall ausgeführt, und das fünfte ebenfalls, das "Wiener Modell" von 1869, dessen Typen sind als Lettern gegossen. Der Hof zahlt mal wieder 200 Gulden und Franz Joseph I. Kaiser von Gottes Gnaden verfügt die Aufnahme dieses Prototyps in die Sammlung des Polytechnischen Instituts. Punktum.

Peter Mitterhofer stirbt 1893, ohne jemals auch nur einen Funken Anerkennung bekommen zu haben. Die Remington Schreibmaschine ist schon zu seinen Lebzeiten ein weltweiter Verkaufsschlager, das hat er noch miterlebt.

Das "Dresdner Modell" schob Mitterhofer, aus Wien wieder zurückgekehrt, samt Transportkiste in eine Ecke. Dort wurde es 1911 gefunden, kam 1933 auf Umwegen nach Chemnitz , wo man in der Kiste Teile eines weiteren, bisher unbekannten Modells fand. In den Technischen Sammlungen in Dresden ist das Modell, mit dem Mitterhofer über die Alpen kraxelte, bis heute zu sehen.

Erst nach der Wende begann man an der Technischen Universität Dresden mit der Rekonstruktion jenes Prototypen, der nur noch in Teilen existierte. Mittlerweile ist man sich sicher, dass es sich um das Original handelt. Es entstand ein alt-neues Modell, genannt "Modell TU Dresden", und – Tüpfelchen auf dem i – die Dresdner überließen es dem Schreibmaschinenmuseum in Partschins in Südtirol , wo es zumindest für ein paar Jahre im Diorama der Mitterhofer-Werkstatt im Jahr 1864 auf einer Tragkraxe zu bewundern ist.

Erschienen im Michael Müller Verlag