Wussten Sie, dass...Budapest, Millionenstadt auf heißen Quellen

Die Thermen der Kurstadt Budapest sprudeln aus mehr als 120 heißen Quellen aus der Erde und sind beliebt bei Schachspielern. Beim Gemischtbaden ist Badekleidung Pflicht. von Barbara Reiter und Michael Wistuba

Schwimmen und Schachspielen im berühmten Szechenyi Bad in Budapest

Schwimmen und Schachspielen im berühmten Szechenyi Bad in Budapest  |  © Laszlo Balogh/Reuters

Genau genommen darf sich Ungarns Hauptstadt Bad Budapest nennen. Sie ist offiziell Kurstadt und mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern sogar die größte in Europa. Schuld an dem vielen Thermalwasser ist eine Verwerfung in der Erdkruste, die in etwa entlang der Donau verläuft, wo die verkarsteten Budaer Berge und die Große Tiefebene aufeinander stoßen. Durch diese Spalte steigen mehrere Millionen Liter Heilwasser pro Tag aus der Tiefe und versorgen an die 40 Bäder mit dem flüssigen Schatz.

Schon die Römer vor 2.000 Jahren wussten das mineralhaltige, heiße Wasser zu schätzen und errichteten am Donauufer die ersten Thermen. Die türkisch-osmanischen Besatzer, die im 16. und 17. Jahrhundert Ungarn beherrschten, belebten die Badekultur aufs Neue und verankerten ihre orientalische Hamam-Kultur in der ungarischen Lebensart. Bis heute werden die Bäder nicht nur zur Linderung von Beschwerden aufgesucht, sondern auch als soziale Treffpunkte und Orte der Entspannung gesehen – so wie andernorts das Kaffeehaus oder die Kneipe.

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Aus der Türkenzeit erhalten hat sich das Rudas-Bad direkt am Fuß des Gellértbergs bei der Elisabethbrücke. 2005 war es fast eine Revolution, als das zuvor nur Männern zugängliche Thermalbad auch für Frauen geöffnet wurde. Nun dürfen beide Geschlechter in das Herzstück des Bades vordringen, das 1566 unter Pascha Szokoli Musztafa errichtete Badehaus: ein mächtiger achteckiger Natursteinbau mit dem berühmten, von Marmorsäulen umkränzten Hauptbecken in der Mitte.

Die Autoren
Die Autoren

Barbara Reiter und Michael Wistuba, beide 1971 in Niederösterreich geboren, erkunden schon seit Studienzeiten gemeinsam die schönsten Ecken Europas. Zurzeit leben sie in Wien und im niedersächsischen Braunschweig und arbeiten für Reisebuchverlage und in der Wissenschaft. Berufliche Ortswechsel nutzen sie, um neue Regionen im Detail kennenzulernen. So entstanden u. a. für den Michael Müller Verlag fein recherchierte Reisebücher über den Genfer See, zur Wachau, zu Budapest und über den Harz.

Entspannen, nicht planschen

Fast 100 Quadratmeter ist es groß, 36 Grad Celsius warm und überwölbt von einer beeindruckenden Flachkuppel mit kleinen, bunten Glasöffnungen, durch die tagsüber Licht in allen Farben dringt. Zu dem großen Becken gesellen sich fünf kleine Bassins mit bis zu 42 Grad heißem Wasser. Es sind reine Heilbäder, die gänzlich der Entspannung dienen. Hier wird nicht geplanscht und nicht geschwommen. Länger als 20 Minuten sollte man darin auch nicht verweilen, Herz und Kreislauf könnten schlappmachen.

Kinder unter 14 Jahren haben gleich gar keinen Zutritt. Ist man an den Damen- beziehungsweise Herrenbadetagen geschlechtermäßig unter sich, wird in den Thermalbädern nackt gebadet oder man knotet sich den ausgehändigten Leinenschurz um, der einen aber "hinten ohne" lässt. Sein privates Badetrikot darf man natürlich auch tragen, waschbar bei 42 Grad sollte es ein. Samstag und Sonntag sind gemischtgeschlechtliche Badetage im Rudas, Badebekleidung ist dann Pflicht.

Mosaik und Zsolnay-Keramik als Schmuck

Etwa 900 Meter donauabwärts an der Freiheitsbrücke liegt das Gellért-Bad, das berühmteste und teuerste Bad der Stadt. Es entstand im frühen 20. Jahrhundert, als in Europa der Kurtourismus blühte und sich die Donaumetropole mit repräsentativen Badepalästen schmückte. Seinen Ruhm verdankt es der großartigen mit doppelten Säulen und Balkonen verzierten Schwimmhalle und dem noch im Originalzustand von 1918 erhaltenen Thermalbad der Herren.

Eine absolute Sehenswürdigkeit: Die Wände und die beiden geschwungen Becken sind mit türkisblauer Zsolnay-Keramik und braunen Mosaiken ausgekachelt, die Brunnen, aus denen sich das bis zu 38 Grad heiße Heilwasser ergießt, mit Skulpturen geschmückt, die Handläufe aus Messing. Dem weiblichen Geschlecht ist dieser grandiose Anblick erst seit 2009, seit der Einführung der gemischtgeschlechtlichen Badetage an den Wochenenden vergönnt. Zuvor mussten sie sich mit dem Damenbad begnügen, das nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg in bescheidener Form wieder aufgebaut wurde. Viele Touristen belassen es mittlerweile bei einem Blick in das elegante Foyer des Thermalbads, denn das Gellért ist in die Jahre gekommen, sanierungsbedürftig und für sein unfreundliches Personal berüchtigt.

Eine der größten Badeanlagen Europas

Das erklärte Lieblingsbad der Budapester und vieler Touristen liegt im Stadtteil Pest auf der anderen Seite der Donau im Stadtwäldchen. Es ist das monumentale Széchenyi-Bad, ein dottergelber neobarocker Palast, der mit seinen 15 Becken zu den größten Badeanlagen Europas zählt. Von 1913 bis 1927 errichtet, stammt sein bis zu 74 Grad heißes Wasser aus einer Tiefe von 970 Meter. Während am westlichen Donauufer das Thermalwasser schon seit tausenden Jahren direkt aus der Erde sprudelt, musste in Pest erst danach gebohrt werden. Zehn Jahre dauerte das Unterfangen, bis man 1878 endlich fündig wurde.

Im Inneren des "Szecska", wie das Széchenyi-Bad liebevoll genannt wird, liegen in stuckverzierten Sälen zwölf Thermalbecken. Im ovalen Innenhof sind die drei Außenbecken zu finden: in der Mitte ein 26 Grad kaltes für Schwimmer samt Badekappenpflicht und zu beiden Seiten bis zu 38 Grad warme Bassins mit wohltuenden Sprudeln und einem Strömungskanal. Im Winter, wenn sich zuweilen sibirische Kälte oder eine pulvrige Schneedecke über die Stadt legen, sieht man schon von Weitem gewaltige Dampfschwaden aufsteigen – und für die Badegäste heißt es: Zähne zusammenbeißen und von einem Becken zum anderen huschen. Überdachte Zugänge gibt es nicht, es geht immer durchs Freie. Und wie in keinem anderen Budapester Bad lässt sich im Széchenyi die Badekultur der Stadt erleben, wenn sich Schachspieler tagein tagaus zu einer Partie im heißen Außenbecken verabreden. In Budapest geht man dafür eben nicht ins Kaffeehaus, sondern ins Wasser.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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Leserkommentare
  1. FANTASTISCH!

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Schlagworte Pest | Ungarn | Europa | Budapest | Donau
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