Koalitions-EinigungFernbusse dürfen Bahn bald unbegrenzt Konkurrenz machen

Mehr als 70 Jahre lang war die Bahn gegen Konkurrenz durch Busse geschützt. Dieses Monopol kann nun fallen, Fernreisende haben künftig die Wahl. von Corinna Visser

Reisende auf dem Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin

Reisende auf dem Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin  |  © Stephanie Pilick/dpa

Es ist eine kleine Revolution, auch wenn es um so etwas Altmodisches wie den Bus geht. Künftig sollen Reisende die Wahl haben, ob sie für eine Fernreise im eigenen Land das Auto, das Flugzeug, die Bahn oder eben den Bus nutzen . Nach monatelangen Verhandlungen einigten sich die schwarz-gelbe Koalition und die Opposition darauf, den Fernlinienbusverkehr in Deutschland zu liberalisieren. „Zukünftig sind überall in Deutschland Fernbuslinien möglich, die untereinander und auch mit dem Eisenbahnfernverkehr konkurrieren dürfen“, heißt es in dem nun beschlossenen Kompromiss. Im Frühjahr kommenden Jahres soll es losgehen.

Im Herbst soll der gemeinsame Änderungsantrag zum Gesetzentwurf im Bundestag abschließend beraten werden, teilten die Fraktionen mit. Auch die an den Verhandlungen beteiligten Ländervertreter hätten signalisiert, den Kompromiss im Bundesrat zügig umsetzen zu wollen, der Bundesrat muss nämlich zustimmen. Der Weg für ein rundum erneuertes Gesetz sei nun frei.

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Um so weit zu kommen, hat es allerdings viele Jahre gedauert. Bislang unterliegt der Linienverkehr mit Fernbussen erheblichen Restriktionen, die auch von der EU beanstandet wurden. Bisher darf nur dort ein fahrplanmäßiger Busverkehr angeboten werden, wo keine parallele Eisenbahnverbindung besteht. Dieses Verbot zum Schutz des Bahnverkehrs steht seit 1961 im Personenbeförderungsgesetz. Vergleichbare Regeln bestanden aber bereits seit 1934. Berlin war eine Ausnahme. Wegen der langjährigen Insellage des Westteils der Stadt gab und gibt es Buslinien in andere Städte. Zum jetzigen Kompromiss gehört unter anderem, dass Fahrtstrecken unter 50 Kilometern Länge und mit weniger als einer Stunde Reisezeit auch künftig nicht mit Fernbussen bedient werden dürfen, um den von den Ländern mitbezahlten regionalen Zugverkehr zu schützen.

Ausländische Anbieter könnten auf den Markt drängen

Die nun geschlossene Einigung hat viele positive Reaktionen ausgelöst. „Die Liberalisierung im Fernlinienverkehr in Deutschland ist für die Verbraucher ein Segen“, sagte Dieter Gauf, Hauptgeschäftsführer vom Bustouristik Verband RDA. Der Fernbusverkehr erhöhe die Vielfalt beim Reisen, lobte der Autoclub ADAC. Der Präsident des Automobilverbandes VDA, Matthias Wissmann , sagte, dass der Fernbus „Deutschlands sozialstes Fernverkehrsmittel werden“ könnte, „weil er Mobilität zum kleinen Preis bietet.“ Verkehrsminister Peter Ramsauer ( CSU ) sagte: „Ziel ist, dass zum Beispiel 50 Leute mit einem Fernbus von München nach Frankfurt reisen, anstatt in 25 oder gar 50 Pkw.“

Verhalten reagierte dagegen der Umweltverband BUND, der es nach wie vor für die bessere Alternative hält, dort wo Bus und Bahn parallel fahren, die Bahn zu nutzen. Die Bahn selbst konstatierte lediglich, dass sich ihre Haltung zur Liberalisierung nicht geändert habe. Auch heute gebe es schon ausreichende Marktmöglichkeiten für Fernbusangebote. Bis jetzt plant die Bahn nicht, ihr eigenes Fernbusangebot substanziell auszubauen.

Auch der Bustouristikverband RDA erwartet nicht, dass viele seiner 4.500 Mitgliedsfirmen der Bahn Konkurrenz machen werden. „Die meisten sind kleine und mittelständische Betriebe, die gar nicht in der Lage sind, einen Linienverkehr anzubieten“, sagte Gauf. Touring wiederum (bis 2005 Tochter der Bahn und heute zu einem internationalen Konsortium gehörend) könnte aber so ein Unternehmen sein. „Wir werden in zwei Wochen unsere Pläne vorlegen“, kündigte Marketingleiter Frank Bodlak an. Er erwartet, dass es vor allem ausländische Anbieter sein werden, die nun den Schritt nach Deutschland wagen. Die französische SNCF etwa oder die First Group, die in den USA die berühmten Greyhound- Busse fährt. Internationale Verbindungen bietet Touring bereits heute an: Die Strecke Berlin-Paris etwa kostet am kommenden Freitag 86 Euro mit dem Touring-Bus, der Normalpreis bei der Bahn: 189 Euro.

Erschienen im Tagesspiegel .

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Leserkommentare
  1. "Mehr als 70 Jahre lang war die Bahn gegen Konkurrenz durch Busse geschützt."

    Wer mehr Gütertransporte auf die Schiene haben will, muss den Personenverkehr in teilen von der Schiene kriegen.

    DeinBus.de freut sich schon! Die können jetzt expandieren.

    Wieso das nicht mit der Privatisierung der Bahn unter Rot-Grün passiert ist? Herr Özdemir bitte zum Rapport.

    • -lupo-
    • 15. September 2012 14:23 Uhr

    von der Schiene auf die Straße verlegen. Noch mehr Staus und Unfälle, da die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen PKW,LKW und Bussen zu groß sind.

    Ramsauer: „Ziel ist, dass zum Beispiel 50 Leute mit einem Fernbus von München nach Frankfurt reisen, anstatt in 25 oder gar 50 Pkw.“

    Das glaubt er doch selber nicht. Ich kenne niemanden, der vom PKW auf einen Bus umsteigen würde. Bus fahren ist, gerade auf längeren Strecken, für nicht attraktiv: Zu eng, zu heiß oder zu kalt, zu laut, falls vorhanden, schmutzige Toiletten, schwitzende Fahrgäste, genervte und unter Zeitdruck stehende Fahrer...

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    • 2eco
    • 16. September 2012 12:01 Uhr

    "2. Tolle Idee, noch mehr Verkehr...von der Schiene auf die Straße verlegen. Noch mehr Staus und Unfälle,"

    Das ist genau das Scheinargument der Bahnlobby, welches aber nichts mit der Realität zutun hat. Selbst wenn in einer Stunde 3 Fernbusse die selbe Autobahn benutzen ist das am Gesamtverkehrsaufkommen ein Promilleanteil. Es fahren mehr LKWs in einer Minute, als Fernbusse in einer Stunde.

    Zudem wäre die Zusatzbelastung schon dann negiert, wenn nur 3 Leute vom Auto auf den Bus umsteigen. Ich würde durchaus vom Auto auf den Fernbus umsteigen, um somit Kosten zu sparen. Zudem sind die modernen Busse mit Klimaanlagen - welche nicht so schnell ausfallen wie beim ICE - sowie teilweise mit Steckdosen und WLAN ausgestattet.

    Die Bahn kommt für mich nicht in Frage. Viel zu teuer, da kann ich auch mit dem Auto fahren. Zudem sollte man bedenken, dass arme Leute bisher von der Mobilität inerhalb deutschlands quasi ausgeschlossen waren, denn welcher H4 Empfänger oder Rentner kann mal eben eine Hin- und Rückfahrt für 120 Euro bezahlen um seine Familie zu besuchen?

  2. Ich vermeide Busfahrten, da ich das als die unangenehmste Art des Reisens überhaupt empfinde. Es wird jedoch dazu führen, dass die Bahn ihre unverschämten Fahrpreise senken müssen wird. Und das freut mich dann als Bahn-Vielfahrer.

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    sind wirklich eine Unverschämtheit. Speziell wenn man mal keine Bahn Card hat.

  3. sind wirklich eine Unverschämtheit. Speziell wenn man mal keine Bahn Card hat.

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    Antwort auf "Hervorragend"
  4. Im Prinzip finde ich das gar nicht so schlecht, zumal ich denke, dass die Busse einen entsprechenden Komfort bieten müssen. In Amerika fahren ja auch die Greyhounds durch die Gegend.
    Problem bei uns ist nur, dass sich auf unseren Autobahnen alle möglichen KFZ Varianten um die paar Spuren drängeln die wir da haben... Was nützt es den Bussen wenn die im Stau stehen weil son scheiss LKW wieder umgekippt ist weil der Fahrer gepennt hat und der LKW die gesamte Fahrbahn versperrt? Demnächst sind es dann Reisebusse, die umkippen weil der Fahrer gepennt hat.
    D.h. das Problem werden nicht mehr Busse sein, sondern die unzureichende Infrastruktur der deutschen Autobahnen. Ist ja auch kein Wunder, das meiste Geld geht ja in den sozialen Bereich, dann in die Zinsen für unsere Schulden.
    http://www.spiegel.de/pol...

    Wenn die Verkehrsadern verstopfen, kommt es eben zum Infarkt. Armes Deutschland.

    • dcbeer
    • 15. September 2012 15:17 Uhr

    Ich pendle seit Neuestem am WE zwischen DC und New Brunswick, NJ.

    Amtrak (sonntags gibt's keine Verbindung): 240$ Hin/Rueckfahrt

    Fernbus und 2 Regionalzuege: 55$ Hin/Rueckfahrt

    Die zweite Option dauert zwei Stunden laenger, aber ich kann nebenbei noch was fuer die Arbeit tun.

    Auto haben wir keins, da in DC nicht notwendig und Mietwagen wuerde ungleich teurer und auch stressiger werden.

    Ich finde Fernbusse nicht schlecht, zumal es auch eine Mitfahrgelegenheitsboerse nicht gibt (oder nur rudimentaer).

    Konkurrenz belebt das Geschaeft.

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    • kausz
    • 15. September 2012 15:25 Uhr

    Wie bereits mehrfach von der Monopolkomissiongefordert (diese arbeitet im Auftrag der Deutschen Bundesregierung) ist das Schienennetz der Kontrolle der DB AG zu entziehen. Das Schienennetz muss im Besitz des Staates bleiben und ggf auch immer für ein paar Jahre von einer Betreibergesellschaft in Stand gehalten werden.
    Sodann ist zu überlegen wie der Monopolist, die DB AG entweder dem Wettbewerb sehr viel stärker wie heute 'geöffnet' wird. Sehr wahrscheinlich ist schon sehr viel erreicht wenn die DB AG die Kontrolle über das Schienennetz verliert und deren Einfluss radikal zurück gefahren wird. Es ist auch denkbar Sitzplatzkontingente in den schnellen Zügen über andere private Gesellschaften zu vertreiben.
    Bus und Schiene werden dann gleichberechtigter. Die Strassen und Schienewege wären dann beide in öffentlicher Hand und die Busse und Züge könnten vollständig auch von weniger kapitalkräftigen Unternehmen Transportleistungen anbieten.

    2 Leserempfehlungen
  5. Toller Artikel, schade nur, dass das Thema Barrierefreiheit überhaupt nicht erwähnt wird. Mehr dazu hier:

    http://www.kobinet-nachri...

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    Hat ein Bus nicht ausreichend Sitzplätze und Laderaum für Rollstühle?

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  • Schlagworte Bahn | CSU | Europäische Union | Matthias Wissmann | Peter Ramsauer | Bundesrat
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